Der Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur birgt neue Marktchancen in Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Vor allem Brasilien bietet gute Absatzmöglichkeiten für deutsche Unternehmen.

Der Exporterfolg der deutschen Wirtschaft ist durch leistungsfähige Wertschöpfungsketten rund um den Globus entstanden. Die enge und verlässliche Zusammenarbeit mit Kunden auf der ganzen Welt trägt dabei entscheidend zum Markenwert von „Made in Germany“ bei. Wie dieses Erfolgsmodell in die digitale Zukunft übertragen werden kann, diskutiert der „Tag der Exportweltmeister“ am 22. Oktober 2019 in Mannheim.

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Welthandel ist kein Nullsummenspiel. Mit Prof. Dr. Stefan Kooths eröffnet ein vorausschauender Konjunkturexperte die Veranstaltung in Mannheim. Welchen Beitrag leisten Exporte zu Wachstum und Wohlstand? Nein, nicht der sogenannte Außenbeitrag ist entscheidend. Es kommt auf die positiven Effekte der Arbeitsteilung an. Und da sind Deutschlands Exportweltmeister Spitze. Mit ihren weitverteilten Wertschöpfungsketten sind sie in vielen Ländern präsent und haben das Ohr am Markt.

Exportweltmeister auf dem Weg zum globalen Kunden

Vielen Unternehmen geht es wie Teamviewer: Nach dem Exporterfolg kommt der Lokalisierungsdruck. „Nun sind wir gefragt, weltweit auch lokale Besonderheiten zu bedienen. Darauf müssen wir mit der Präsenz vor Ort reagieren und uns lokal um Vertrieb und Marketing kümmern“, berichtet Verkaufsleiter Konstantin Ebert im Gespräch mit „Markt und Mittelstand“ (HIER). Denn auch das digitale Geschäft braucht den persönlichen Kontakt.

Für BoschRexroth ist die internationale Präsenz Teil der Firmentradition. Für den Automatisierungsspezialisten sind insbesondere die digitalen Geschäftsmodelle eine neue Herausforderung. Marcel Woiton, Verkaufsleiter Europa Mitte, setzt auf vernetzte und bedarfsgesteuerte Maschinen. Auf dem Weg zum globalen Kunden gehen Anpassungsfähigkeit und Personalisierung Hand in Hand mit den Skaleneffekten digitaler Lösungen.

Neue Marktchancen in Lateinamerika

Der Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur birgt neue Marktchancen in Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Vor allem Brasilien bietet gute Absatzmöglichkeiten für deutsche Unternehmen.

Mirko Rapp verantwortet das Amerika-Geschäft des Medizintechnikers BOWA und setzt auf Brasilien. „Mit ca. 45 Millionen privat versicherten Patienten ist Brasilien der zweitgrößte (private) Absatzmarkt nach den USA und hat Strahlwirkung auf die gesamte Region“, macht er im Vorgespräch zum Workshop „Neue Marktchancen in Lateinamerika“ auf dem „Tag der Exportweltmeister“ deutlich. Allerdings ist Brasilien aufgrund seiner protektionistischen Haltung und der schwierigen Marktzugangsbedingungen kein einfacher Markt. Zudem bestehen in Lateinamerika erhebliche Währungsrisiken. In den vergangenen Jahren haben die Währungen der Mercosur-Staaten zum Euro teilweise deutlich abgewertet.

Exportlogistik nach dem Brexit

Über die Ausgestaltung des Brexits wird reichlich spekuliert: Freizügigkeit von Waren und Personen, Anerkennung von Zertifikaten und Prüfungen, Exportkontrolle und Anerkennung von Urteilen stehen in Frage. Für Exporteure ist die praktische Frage besonders drängend, wie Güter nach dem Austritt Großbritanniens in das Vereinigte Königreich gelangen bzw. von dort in die EU. Dieser Frage widmet sich der Workshop „Exportlogistik nach dem Brexit“ auf dem „Tag der Exportweltmeister“.

Vor allem in den Häfen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Wie können Infrastruktur und Abläufe bestmöglich ausgestaltet werden? Welche Maßnahmen können bereits im Hinterlandverkehr getroffen werden? Knut Sander, Geschäftsführer der Robert Kukla GmbH, baut auf intelligente Dreiecksverkehre. Das Speditionsunternehmen hat 2017 eine Niederlassung in Großbritannien aufgebaut und sich intensiv mit dem Brexit beschäftigt. Für Roland Klein, Repräsentant des Hafens Rotterdam, geht es bei der Suche nach einer effizienten Exportlogistik im veränderten Umfeld auch um Digitalisierung und Energieeinsparung.

Welthandel unter Druck – Zölle und Sanktionen

Im Auslandsgeschäft lauern einige Fallstricke für exportierende Unternehmen. Dazu zählen nicht nur Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse, sondern auch Embargos und Sanktionen. Darüber sprechen auf dem „Tag der Exportweltmeister“ Exportkontrollverantwortliche marktführender Unternehmen.

Geschäfte mit US-Bezug müssen mit den komplexen Vorgaben der US-Regierung abgeglichen werden, die auch außerhalb der USA wirken können. Dazu zählen nicht nur strengere Sanktionen gegen Russland und den Iran, sondern auch solche gegen private Unternehmen und ihre Eigentümer.

Insbesondere die Finanzierung der Handelsgeschäfte stößt schnell an ihre Grenzen, wenn der US-Dollar oder US-Bürger involviert sind oder Sanktionslisten Beteiligte ausschließen. Auch die Anforderungen an die Geldwäschevermeidung erfordern genaue Prüfungen der Geschäfte.

Aus Sicht von Dr. Kerstin Hahn, Leiterin Außenwirtschaft der ZF Group, wird die Zusammenarbeit global ausgerichteter Unternehmen von zum Teil sich widersprechenden Vorschriften belastet. Zölle und Sanktionen haben Einfluss auf Standort- und Ressourcenentscheidungen. Ingrun Retzlaff, Leiterin Exportkontrolle bei der Jenoptik-Tochter Vincorion, setzt zur Vermeidung von Sanktionsverstößen vor allem auf kritische Prüfung und gesunden Menschenverstand.

Kasten: Webinar zu Sanktionen und Embargos

Unternehmen und Banken stehen angesichts zunehmender Beschränkungen für den Export vor umfassenden Exportkontrollerfordernissen. In einer Kurzbefragung während des jüngsten ExportManager-Webinars zu diesem Thema nannten 71% der Teilnehmer Sanktionen gegen den Iran, Russland etc. als aktuell stärkste Belastung für ihr Auslandsgeschäft – noch vor dem Brexit und dem Handelsstreit zwischen den USA und China, die von jeweils 13% genannt wurden.

Ingrun Retzlaff, Exportkontrollbeauftragte von VINCORION, berichtete von den Prüfungserfordernissen in der mechatronischen Sparte des Jenoptik-Konzerns. Ausgangspunkt sei ein Merkblatt des BAFA zur Organisation der Exportkontrolle im Unternehmen. Die Umsetzung müsse individuell auf Basis einer Risikoanalyse der Güter, Kunden und Geschäftsmodelle erfolgen. Wichtig seien dabei die Unabhängigkeit und die frühzeitige Einbindung der zuständigen Abteilung.

Vor allem die Überprüfung der beteiligten Personen und Unternehmen gewinnt nach den Erfahrungen von Ingrun Retzlaff immer mehr an Bedeutung. Dafür würden verschiedene Softwarelösungen angeboten. Retzlaff mahnt: „Wer Sanktionslistenscreening noch manuell durchführt, setzt sich bei Verstößen schnell dem Vorwurf des Organisationsverschuldens aus.“ Eine Herausforderung sei die Prüfung, ob es sich bei einer Übereinstimmung mit den Sanktionslisten tatsächlich um einen echten Treffer handelt. Wichtig ist es laut Retzlaff, die Entscheidungen schlüssig zu dokumentieren.

Martin Vogt, Head of Sanctions der Deutsche Bank AG, bestätigte den enormen Aufwand für die Einhaltung von Sanktionen und Embargos. Er wies auf die unterschiedlichen Jurisdiktionen hin, denen deutsche Unternehmen unterliegen können. Insbesondere die Sekundärsanktionen der USA und ein Nexus zum US-Recht (US-Personen, US-Anteile in Produkten) könnten auch auf deutsche Unternehmen ausstrahlen. Diese könnten im Fall von Verstößen selbst sanktioniert werden. Für Banken würde das bedeuten, vom US-Kapitalmarkt abgeschnitten zu sein.

Bei der Prüfung von Sanktionslisten müsse auf die Eigentumsverhältnisse geachtet werden, erläuterte Vogt. Im Fall von Sanktionen gegen Unternehmenskonglomerate wie die Gruppe des russischen Investors Vekselberg waren auch Unternehmen aus der Schweiz betroffen. Retzlaff schilderte die ablehnende Reaktion von Banken auf Anfragen zum Iran, die eine Geschäftstätigkeit ausschließen würden. Oft würden Geschäfte mit problematischen Ländern (etwa dem Iran und Russland von Banken nur noch für Bestandskunden durchgeführt. Wichtig seien der Austausch von Informationen und eine Lösung für Einzelfälle.

Vogt bestätigte, dass man bei Ländern wie Russland als Bank auch einmal zurückhaltend sei, da der Aufwand erheblich und nur bei bedeutenden Geschäftsbeziehungen vertretbar sei. Man ziehe sich aber nicht komplett aus Russland zurück. Transparenz sei in schwierigen Fällen der Schlüssel zur Zusammenarbeit.

gunther.schilling@frankfurt-bm.com

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