Die chinesische Stahl- und die Metallindustrie verzeichnen immer noch kräftige Produktionszuwächse, aber in beiden Branchen führen strukturelle Probleme zu einer steigenden Zahl von Insolvenzen insbesondere im Segment der kleineren nichtstaatlichen Unter­nehmen. In seiner jüngsten Ausgabe des Markt Monitor beleuchtet der Kreditversicherer Atradius die Lage der Stahl- und der Metall­industrie in China und warnt vor gestiegenen Zahlungsrisiken.

Von Dr. Thomas Langen, Hauptbevollmächtigter, Atradius Deutschland

Die chinesische Stahlbranche wuchs in den vergangenen Jahren kräftig, was zum Großteil auf die massiven Konjunkturmaßnahmen zurückzuführen war, die die chinesische Regierung 2008 ergriff, um die Bautätigkeit anzu-regen und den Auswirkungen der Kreditkrise entgegenzusteuern. So war China das einzige Land unter den großen Stahlproduzenten, das 2009 Produktionszuwächse verzeichnete, und diese fielen mit einem Plus von 13,5% hoch aus. 2010 schwächte sich das Wachstum der Rohstahlproduktion leicht ab. Sie legte um 9,3% auf 626,7 Mio t zu.

Doch inzwischen sind steigende Überkapazitäten und enorme Vorräte zu einem Problem geworden. Obwohl nach Angaben der World Steel Association der Stahlverbrauch in China zwischen Januar und August 2010 noch um 9,2% (ohne Bestandsänderungen) zulegte, war dies im Wesentlichen auf den Lagerhaltungszyklus und die öffentlichen Investitionen zurückzuführen. Seit Ende 2010 geht der Stahlverbrauch in China zurück, ein Trend, der sich 2011 fortsetzt. Ein Grund hierfür ist, dass die chinesische Regierung Maßnahmen ergreift, um das Wachstum (insbesondere der überhitzten Immobilien- und Baubranche, die 50% des chinesischen Stahls verbraucht) zu drosseln.

Die Regierung sorgte mit ihrer im September 2010 eingeleiteten Energiespar- und Emissionssenkungsinitiative dafür, dass Stahlwerke ihre Produktion drosselten und veraltete Anlagen stilllegten, so dass sich die Kapazitätszuwächse ­verlangsamten. Für kleine Werke in zahlreichen Regionen, besonders in den Provinzen Hebei und Jiangsu, hatten die staatlichen Maßnahmen beträchtliche Folgen. Insgesamt wurden bis Ende 2010 veraltete Produktionsanlagen in der Größenordnung von 44 Mio t stillgelegt.

Doch die Produktionsleistung war immer noch höher, als es sich die Regierung erhofft hatte, was teilweise daran lag, dass die Stahlwerke ihre Kapazitäten heimlich ausbauten. Einige privat geführte Werke legen z.B. im Zuge der Regierungsinitiative kleine Anlagen nur still, um sie zu einem späteren Zeitpunkt durch größere Werke zu ersetzen. Darüber hinaus widersetzen sich einzelne Provinzen der Reform, um ihre Marktanteile zu halten und Steuereinnahmen und Arbeitsplätze zu sichern.

Gemäß dem chinesischen Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) erwirtschafteten die Stahlunternehmen 2010 insgesamt Gewinne in Höhe von 89,7 Mrd RMBY (13,64 Mrd US$).

Der Großteil der Unternehmen verzeichnete jedoch dürftige Gewinne oder sogar Verluste, und die Gesamtrentabilität in der Branche ist alles andere als gut. Dies ist im Wesentlichen auf die erheblich gestiegenen Rohstoffkosten (Eisenerz, Koks) zurückzuführen. Da die Stahlpreise nicht im gleichen Maße steigen, geht diese Entwicklung zu Lasten der Gewinnspannen.

In den ersten elf Monaten des Jahres 2010 hatte die gesamte Branche bei der Beschaffung von Eisenerz Zusatzkosten in Höhe von 26,1 Mrd US$ zu verkraften, und die Statistik zeigt, dass die Rentabilität der Stahlbranche 2010 bei 2,9% lag. Das war deutlich weniger als der Inustriedurchschnitt in Höhe von 6,2%. In keiner anderen chinesischen Branche war die Rentabilität so gering.

Die Regierung versucht, die Konsolidierung der Stahlbranche voranzutreiben, vor allem, indem sie kleine Werke mit veralteten Anlagen schließen lässt, um auf diese Weise Überkapazitäten abzubauen, die wiederum für den Anstieg der Eisenerzpreise und den Verfall der Stahlpreise verantwortlich sind. Bislang haben schon einige große staatliche Stahlunternehmen kleinere privat oder staatlich geführte Werke erfolgreich übernommen.

Stahlwerke haben aufgrund der langen Produktionszeiten in der Industrie üblicherweise lange Zahlungszyklen. Vorräte und steigende Rohstoffkosten binden erhebliche Teile des Betriebskapitals, so dass sich die Unternehmen in der Vergangenheit vor allem mit Bankkrediten Entlastung verschafften. Doch seit 2010 beschränken die Banken zur Unterstützung der Regierungsmaßnahmen die Kreditvergabe, um einer Konjunkturüberhitzung entgegenzusteuern. Diese Maßnahmen werden auch im Jahr 2011 fortgeführt, so dass besonders kleine und mittelständische Stahlwerke unter großen Druck geraten.

Die Analysten von Atradius gehen davon aus, dass die Nachfrage am chinesischen Stahlmarkt aufgrund der staatlichen Drosselungsmaßnahmen im laufenden Jahr weiter sinken wird. Wenn die Eisenerzpreise weiter in die Höhe gehen, wird die Rentabilität der chinesischen Stahlwerke niedrig bleiben. Zudem leiden die chinesischen Stahlexporte unter den Handelsschranken ausländischer Märkte.

Die Kapazitäten der chinesischen Metallindustrie werden kontinuierlich ausgebaut. Das Land der Mitte ist weltweit führend in der Produktion von Aluminium, Blei, Zink und Zinn. Mit der Produktion sämtlicher unedler Metalle wurden 2010 zum wiederholten Male Rekordzahlen erzielt:

  • Die Produktion von Feinkupfer stieg 2010 um 12,2% auf 4,79 Mio t und könnte im laufenden Jahr 4,90 Mio t erreichen.
  • Die Produktion von Hüttennickel stieg um 24% auf 214.086 t und wird im laufenden Jahr voraussichtlich um mehr als 8% zulegen.
  • Die Produktion von Feinzinn stieg um 11,6% auf 164.399 t, wird aber aufgrund des begrenzten Rohstoffangebots voraussichtlich im laufenden Jahr geringer ausfallen.
  • Die Produktion von Hüttenaluminium stieg wegen des fortschreitenden Ausbaus der Kapazitäten um 19,9% auf 15,7 Mio t.
  • Die Aluminiumproduktion bekam im Dezember einen starken Auftrieb, nachdem in weiteren Provinzen wie der Inneren Mongolei und Xinjiang neue Kapazitäten geschaffen wurden. Die Ausfälle infolge kältebedingter Probleme mit der Stromversorgung konnten auf diese Weise kompensiert werden.
  • Die Produktion von Feinzink stieg um 19,7% auf 5,27 Mio t, die von Weichblei um 9,8% auf 4,32 Mio t.
  • Im laufenden Jahr wird die Produktion von Blei voraussichtlich um 9% und die von Zink um 4% steigen.

Im Jahr 2010 übertrafen die Ausfuhren der Metallindustrie alle Erwartungen. Vom geringen Niveau des Jahres 2009 ausgehend, verbesserte sich die Auslandsnachfrage und trieb die Preise in die Höhe. Auch die Einfuhren fielen höher als erwartet aus, was im Wesentlichen auf die starke Erholung der Binnenwirtschaft zurückzuführen war. Das Handelsvolumen stieg insgesamt um 43,7% im Jahresvergleich auf 120,34 Mrd US$, wobei die Einfuhren um 38,5% und die Ausfuhren um 63,7% stiegen.

Zwischen Januar und November 2010 legten die Umsätze der chinesischen Hersteller von Nichteisenmetallen (außer Gold) um 45,7% im Jahresvergleich auf 2.712,24 Mrd RMBY (412,8 Mrd US$) zu. Nach Angaben des MIIT stiegen die Erträge der Branche um 89,1% im Jahresvergleich auf 114,55 Mrd RMBY (17,4 Mrd US$). Diese Zahlen sind beachtlich, müssen aber im Kontext betrachtet werden. Die Erholung der Metallindustrie ging infolge der Wirtschaftskrise von einem äußerst geringen Niveau im Jahr 2009 aus und wurde im Wesentlichen von den Konjunkturmaßnahmen der Regierung gestützt, die schon bald auslaufen werden. Trotz des weiteren Produktionsanstiegs bei den unedlen Metallen im laufenden Jahr sieht sich die Metallindustrie ähnlichen Problemen ausgesetzt wie die Stahlindustrie:

  • Überkapazitäten und damit verbundene Preisschwankungen,
  • staatliche Eingriffe z.B. zur Verbesserung des Umweltschutzes,
  • fehlende Finanzierungsmöglichkeiten aufgrund der restriktiven Kreditvergabe der Banken und
  • staatlich geförderte Konsolidierung der Branche unter der Führung großer Staatsunternehmen.

Wie in der Stahlbranche verfolgt die Regierung auch hier eine Strategie der Umstrukturierung und Modernisierung mit dem Ziel, den ungesteuerten Ausbau von Hüttenkapazitäten zu bremsen und veraltete Anlagen stillzulegen.

Rechnungen werden in der chinesischen Stahl- und Metallindustrie im Durchschnitt innerhalb von 90 Tagen beglichen. Atradius rechnet mit einer Verschlechterung des Zahlungsverhaltens in den kommenden Monaten, weil der Liquiditätsdruck steigt und auch die Zahl der Insolvenzen und Firmenschließungen voraussichtlich zunehmen wird.

Viele kleine und mittelständische privat geführte Unternehmen waren bereits zur Schließung gezwungen, weil sie aufgrund der hohen Produktionskosten Verluste machten, sie staatliche Produktionsbeschränkungen hinnehmen mussten und Finanzierungsmöglichkeiten fehlten.

Besonders kleinere nichtstaatliche Stahlwerke werden aufgrund rückläufiger Erträge, der auslaufenden Konjunkturmaßnahmen und des unbeständigen globalen Finanzmarktes voraussichtlich nicht über ausreichend Kapital verfügen, um auch nur kurzfristig ihr Überleben sichern zu können.

Weiteren kleinen Werken mit veralteten Anlagen droht die Schließung. Es ist geplant, bis Ende 2011 alle Hochöfen mit Kapazitäten von weniger als 400 cbm zu schließen. Darüber hinaus müssen die exportorientierten kleineren Stahlhändler und Unternehmen in der Unterbranche Schrottverarbeitung mit weiteren Schwierigkeiten rechnen.

Große staatlich geführte Stahlwerke bleiben jedoch vergleichsweise stark und übernehmen, durch staatliche Maßnahmen begünstigt, weiterhin die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Aufgrund der strukturellen Probleme in der Stahl- und in der Metallindustrie schauen sich die Risikoanalysten von Atradius jeden Einzelfall an und beobachten sehr genau die Anlegerstruktur, das Angebotsspektrum, die Finanzkraft, die Zahlungsbedingungen und die geschäftliche Entwicklung der betreffenden Unternehmen.

Kontakt: thomas.langen[at]atradius.com

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