Nach Schätzungen von Euroconstruct vom November 2011 wird die Bautätigkeit der europäischen Bauwirtschaft nach einem Rückgang von 0,6% im Vorjahr 2012 nochmals um 0,3% sinken. Unternehmen, die von Aufträgen der öffentlichen Hand abhängig sind, werden aufgrund der in vielen europäischen Ländern initiierten staatlichen Sparmaßnahmen voraussichtlich am stärksten betroffen sein. Diese Prognosen werden von vielen Quellen im aktuellen MarktMonitor der Atradius Kreditversicherung bestätigt.

Von Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director, Atradius Kreditversicherung

In vielen Ländern wird 2012 mit steigenden Insolvenzzahlen, bedingt durch zunehmenden Margendruck und Liquiditätsprobleme in der Baubranche, gerechnet. Unter den europäischen Märkten scheint sich nur in Deutschland die Baubranche gegen den Trend zu entwickeln.

In den ersten sieben Monaten 2011 wurden im privaten Wohnungsbau 32% weniger Baugenehmigungen als im gleichen Vorjahreszeitraum erteilt. Der Rückgang kam nicht unerwartet, da das Niveau 2010 aufgrund der staatlichen Konjunkturmaßnahmen außerordentlich hoch war. Doch durch die unsichere Wirtschaftslage infolge der Euro-Krise und der damit einhergehenden Zinssteigerungen und Subventionskürzungen wurde er noch verstärkt.

Der Bereich gewerblicher Bauprojekte entwickelte sich dagegen besser. Im zweiten Quartal 2011 war die Zahl der Neubaugenehmigungen so hoch wie seit langem nicht mehr. Doch auch in diesem Segment bestehen unsichere Zukunftsaussichten. Im Vorfeld der Kommunalwahlen ist im öffentlichen Sektor eine gestiegene Bautätigkeit zu beobachten. Doch die in diesem Segment tätigen Unternehmen fürchten eine baldige Kürzung der öffentlichen Ausgaben, da der belgische Staat die angeschlagene belgische Bank Dexia auffangen muss. Die Bauwirtschaft rechnet mit einem schwierigen Jahr 2012. Die Auftragslage bleibt weiter unsicher.

Nach drei Jahren mit sinkenden Umsätzen nahm die Bautätigkeit in Frankreich im Jahr 2011 endlich wieder um 1,2% zu. Diese positive Entwicklung ist auf eine Erholung am Wohnungsmarkt (+3%) zurückzuführen, die von niedrigen Zinsen und steuerlichen Anreizen begünstigt wurde. Der Markt für Gewerbeimmobilien kam dagegen noch nicht wieder in Schwung. Hier ging die Produktionsleistung um 2,5% zurück. Die Erlöse aus öffentlichen Bauprojekten stiegen 2011 geringfügig an.

Nach Angaben des französischen Instituts für Statistik „INSEE“ waren die Auftragsbücher im Januar 2012 für 6,8 Monate gefüllt. Damit lagen die Auftragseingänge geringfügig unter dem im Zeitraum 2007 bis 2010 gemessenen Durchschnittswert von sieben Monaten. Die Experten von Atradius gehen davon aus, dass auf die französische Bauwirtschaft große Schwierigkeiten zukommen werden. Im ersten Halbjahr 2012 werden die Bauunternehmen noch von den gut gefüllten Auftragsbüchern profitieren. Doch wenn in der zweiten Jahreshälfte die erwartete Konjunkturabkühlung eintritt, könnte die Bautätigkeit im Gesamtjahr 2012 um etwa 2% sinken, wovon auch die Baustoffbranche betroffen wäre.

Verstärkt wird diese Entwicklung durch einen erhöhten Preis- und Wettbewerbsdruck und einen erschwerten Zugang zu Finanzmitteln aufgrund steigender Zinsen und der geringeren Kreditvergabequote der Banken. Mit der Anhebung des Umsatzsteuersatzes von 5,5% auf 7,0% als Maßnahme zum Abbau der Staatsverschuldung wurde der auf vielen Bauunternehmen lastende finanzielle Druck noch erhöht. Des Weiteren wird der Teilsektor Wohnungsbau mit dem Auslaufen der Steuervorteile für ökologisches Bauen und für die Installation von Photovoltaik-anlagen einen großen Rückschlag hinnehmen müssen.

Die niederländische Bauwirtschaft hat nach wie vor mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Trotz einer leichten Erholung der niederländischen Wirtschaft entwickelte sich die Baubranche rückläufig, da sie der Konjunktur hinterherhinkt. Doch die niederländische Wirtschaft dürfte im laufenden Jahr um 0,3 bis 1,0% schrumpfen.

Inzwischen gehen aufgrund der staatlichen Sparmaßnahmen, die angesichts der andauernden Euro-Krise noch weiter zunehmen werden, auch die öffentlichen Aufträge immer stärker zurück. Darüber hinaus werden 2012 mehrere zeitlich befristete Konjunkturmaßnahmen auslaufen, die der Bauindustrie zugute kamen, und es besteht kaum Aussicht auf eine Verlängerung.

Während die finanziellen Reserven der Betriebe zur Neige gehen, vergeben die Banken nur zögerlich Kredite an Unternehmen und private Bauherren. Die kurzfristigen Erwartungen für die gesamte Baubranche bleiben pessimistisch. Überkapazitäten sorgen weiterhin für Margendruck. Mit steigender Arbeitslosigkeit schwindet auch das Verbrauchervertrauen. All diese negativen Faktoren werden 2012 die Entwicklung der Branche bremsen, wobei finanzschwache Bauunternehmen Gefahr laufen, von ausländischen Konkurrenten aufgekauft zu werden.

Das Zahlungsverhalten in der Bauwirtschaft hat sich in den letzten Monaten geringfügig verbessert, vor allem weil die Unternehmen ihr Mahnwesen optimiert haben. 2011 sank die Zahl der Insolvenzen in dieser Branche auch dank der günstigen Witterungsbedingungen am Jahresanfang um 3% im Jahresvergleich. Doch war sie immer noch 9% höher als im ersten Krisenjahr 2009. In den letzten sechs Monaten konnte Atradius einen Anstieg der gemeldeten Schadenfälle feststellen und rechnet damit, dass mit Ausnahme des Sanierungs- und Renovierungsbereichs alle Teilsektoren 2012 von steigenden Insolvenzzahlen betroffen sein werden.

Im dritten Quartal 2011 gingen die Investitionen in Gewerbeimmobilien um 10,4% und in den Wohnungsbau um 4,1% zurück. Auch die Lieferanten von Baustoffen wie Zement, Baustahl, elektrischen Anlagen, Möbeln, Holz und Sanitäreinrichtungen leiden unter der schlechten Auftragslage. Ein deutlicher Indikator für die ernste Lage ist der Zementverbrauch, der seit dem zweiten Quartal 2007 um 50% zurückging. Allein 2011 sank er um etwa 15% im Jahresvergleich.

Für das Jahr 2012 rechnen die Experten von Atradius nochmals mit einem Produktionsrückgang von 9% im Jahresvergleich, wobei es 2013 möglicherweise zu einer Stabilisierung kommen wird. Der Teilsektor Wohnungsbau wird 2012 voraussichtlich stagnieren oder ein geringfügiges Wachstum erleben, während der Teilsektor Gewerbeimmobilien um etwa 10% schrumpfen wird. Die öffentlichen Bauaufträge gingen aufgrund der staatlichen Sparmaßnahmen im vergangenen Jahr um 35% zurück, und auch in diesem Jahr ist mit weiteren Haushaltskürzungen zu rechnen.

Die Marktteilnehmer werden sich auch 2012 auf lange Zahlungsfristen einstellen müssen. Vieles wird von der weiteren Entwicklung im Bankensektor und insbesondere von der Gestaltung der Kreditbedingungen abhängen. Die Insolvenzen stiegen 2011 in der Baubranche um 12% im Jahresvergleich auf 1.584 Fälle und in der gesamten spanischen Wirtschaft um 14% auf 6.486 Fälle. Diese unterdurchschnittliche Zunahme zeigt, dass die schmerzvollen Anpassungen in der Branche bereits stattgefunden haben.

Die britische Bauwirtschaft ist aufgrund der Kürzung der öffentlichen Ausgaben, der zögerlichen privaten Investitionen und des erschwerten Zugangs zu Finanzmitteln einem extremen Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Die Zahl der Neuaufträge ging 2011 mit zweistelligen Raten zurück. Im öffentlichen Sektor schrumpfte der Wohnungsbau um 16%, während die Infrastrukturinvestitionen um 18,8% stiegen. Bei den Gewerbeimmobilien nahm die Produktion um 1% zu.

Der Immobilienmarkt entwickelt sich seit drei Jahren rückläufig, was auf eine restriktive Hypothekenvergabe und die steigende Arbeitslosigkeit zurückzuführen ist. Wegen der massiven Probleme geraten immer mehr Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten. Die Insolvenzen in der Baubranche stiegen 2011 um 6,4% im Jahresvergleich auf 2.688 Fälle. Im ­vierten Quartal 2011 war sogar eine Zunahme von 16% im Jahresvergleich zu verzeichnen.

Kontakt: thomas.langen[at]atradius.com

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