Die Tunnelbohrmaschinen, Fensterprofile und Roboteraugen der Sprecher auf dem 1. Deutschen Exporttag feiern Exporterfolge. Doch wie geht es weiter? Wer investiert 2017 in Infrastruktur, Gebäude und Automatisierung? Und wie führt die Nachfrage zum Exportgeschäft? Diskutieren Sie mit Experten aus Industrie, Handel und Finanzwirtschaft, aus Wissenschaft und Rechtsberatung am 28. November 2016 in der IHK Frankfurt am Main, und finden Sie Ihr Erfolgsrezept!

Von Gunther Schilling, Leitender Redakteur ExportManager, FRANKFURT BUSINESS MEDIA

Beitrag als PDF (Download)

Aufgeben ist keine Option

„Ich kann nicht ohne Aufträge nach Hause kommen, dann lässt mich meine Frau nie wieder auf solche Reisen mitfahren“, scherzte Martin Herrenknecht anlässlich der jüngsten Delegationsreise mit Wirtschaftsminister Gabriel in den Iran im Pressegespräch. Doch es steckt mehr hinter den Exporterfolgen des Tunnelbohrers als reine Umsatzmaximierung.

Keynote-Speaker Martin Herrenknecht hat sein Unternehmen zum weltweiten Marktführer für Tunnelbohrmaschinen entwickelt – vorangetrieben, um im Bild des Tunnelbaus zu bleiben. Ausgangspunkt waren seine Erfahrungen beim Bau des Seelisbergtunnels Anfang der 70er Jahre. Die stetige Verbesserung der in der Schweiz eingesetzten Tunnelvortriebsmaschine war Ausgangspunkt für die Gründung eines eigenen Unternehmens.

Inzwischen haben seine eigenen Maschinen den Gotthard-Basistunnel gebohrt und damit Geschichte geschrieben. Wenn die Maschinen steckenblieben, fuhr er selbst an die Baustelle, suchte und fand eine Lösung. Im vergangenen Jahr gelang mit der Bosporus-Querung das nach Herrenknechts Einschätzung schwierigste Projekt des Unternehmens. Doch Aufgeben ist keine Option für Herrenknecht. Unternehmer wie Herrenknecht folgen nicht einem Interesse, sondern erfüllen eine Mission.

Mit dieser Haltung, der technologischen Qualitäts- und Leistungsführerschaft sowie einer starken Serviceorientierung hat das Unternehmen weltweit zahlreiche Projekte erfolgreich durchgeführt. Nahezu der gesamte Umsatz wird im Ausland generiert, die Exportquote liegt bei 95%. Ob in den etablierten Märkten Europas und Nordamerikas oder in schwierigen Märkten wie Iran und Kuba, Martin Herrenknecht ist immer auch selbst vor Ort, um seine Lösungen anzubieten. Weitere interessante Märkte sieht er in Südamerika. Brasilien schwächele zwar, aber Peru, Ecuador, Kolumbien, Chile und Argentinien seien im Aufwind.

Exportaussichten verbessern sich

Der deutsche Export lebt von den Aktivitäten und der Wettbewerbsfähigkeit der Exportunternehmen. Auf den ersten Blick sind nur einige Tausend Unternehmen für den Großteil des Exportes verantwortlich. Doch der deutsche Exporterfolg hängt am Zusammenspiel dieser Großunternehmen mit einer Vielzahl von zumeist mittelständischen Zulieferern – in Deutschland aber auch im gesamten EU-Binnenmarkt und an außereuropäischen Standorten.

Impulsgeber Prof. Dr. Gabriel Felbermayr vom ifo Zentrum für Außenwirtschaft sieht die Voraussetzung für eine gelingende Arbeitsteilung in der weitgehenden Freizügigkeit des Warenhandels. Hier bergen aktuell einige Entwicklungen Risiken für die deutschen Exporte: der Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit) und die Diskussion um schärfere Grenzkontrollen zwischen den EU-Mitgliedern sowie der Widerstand gegen den Abschluss weitgehender Handels- und Investitionspartnerschaften mit Kanada (CETA) und den USA (TTIP).

Ein weiterer Aspekt betrifft die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte. So notierte der Euro in den vergangenen Jahren vor dem Hintergrund der Schuldenkrise einiger Mitgliedsländer niedriger, als es der deutschen Wirtschaftsstärke angemessen gewesen wäre. Doch bereits mit der Entscheidung zum Brexit verlor das Britische Pfund deutlich an Wert und erschwert den Export nach Großbritannien. In einigen Schwellenländern wie Russland und Brasilien erleben deutsche Unternehmen ähnliche Preiseffekte.

Mit Blick auf die schwache Zunahme des Welthandels und die geringere Dynamik in wichtigen Absatzmärkten sind die Aussichten für die deutschen Exporte verhalten. Sie dürften im Einklang mit der aufwärtsgerichteten Weltkonjunktur bis Herbst 2017 an Fahrt gewinnen und anschließend ihr Tempo halten. Im Jahr 2017 werden sie nach Ansicht der führenden Wirtschaftsforscher lediglich um 2,0% expandieren und im Jahr 2018 um 4,2% steigen.

Digitalisierung und Automation fordern neue Geschäftsmodelle

In der Automobilindustrie sind deutsche Hersteller erfolgreich, aber sowohl der Wechsel auf Elektroantrieb als auch autonomes Fahren und Digitalisierung fordern die Marktführer heraus. Im Maschinenbau führen Digitalisierung und Automation zu einer wachsenden Konkurrenz in Asien und Amerika. Gleichzeitig werden immer stärker angepasste Lösungen und Service verlangt, für die hochqualifizierte Fachkräfte benötigt werden.

Der Wandel in den deutschen Absatzmärkten, die wie z.B. die USA und China derzeit weniger Investitionsgüter und mehr Konsumgüter nachfragen, stellt die deutsche Industrie vor die Frage, ob nicht stärker Produkte für den Endverbraucher entwickelt werden müssen – also beispielsweise Serviceroboter statt Fertigungsroboter, digitale Lösungen für Haushalte statt für Unternehmen. Für die deutsche Industrie könnte dies bedeuten, dass sich die Innovation zukünftig eher auf Geschäftsmodelle und Anwendungen als auf die Technologie konzentrieren muss.

Und schließlich leben die erfolgreichen neuen Geschäftsmodelle von den Nutzerdaten der Produkte. Stichworte wie Big Data, also die Auswertung großer Datenmengen zur Optimierung von Produkten und Prozessen, weisen auf ein hohes Digitalisierungs- und Vernetzungspotential in der gesamten Wertschöpfungskette hin. Während Deutschland auf die produktionsseitige Industrie 4.0 schaut, sind die USA und China stärker auf die Geschäftsmöglichkeiten auf der Nutzerseite ausgerichtet. Wie die deutsche Wirtschaft aufgestellt ist und auf die chinesiche Konkurrenz reagieren sollte, diskutieren Mirjam Meissner von merics, Prof. Ingrid Ott vom KIT und Markus Maurer von Vitronics.

Kontakt: gunther.schilling@frankfurt-bm.com

 

Aktuelle Beiträge