Nach der Umbenennung in Nordmazedonien im Februar hätte im Jahr 2019 eigentlich der Startschuss für Beitrittsgespräche mit der EU fallen sollen. Auch Albanien machte sich Hoffnungen auf einen Beginn der Verhandlungen. Doch Frankreich signalisierte auf der Sitzung des Europäischen Rats im Oktober erneut, dass es den Gesprächen nicht zustimmen werde.

Dass Frankreich, die Niederlande und Dänemark die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Albanien und Nordmazedonien abgelehnt haben, hat den Annäherungsprozess der Balkanstaaten an die EU zunächst gebremst. Doch die wirtschaftliche Verflechtung insbesondere mit Deutschland ist eng.

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Nach der Umbenennung in Nordmazedonien im Februar hätte im Jahr 2019 eigentlich der Startschuss für Beitrittsgespräche mit der EU fallen sollen. Auch Albanien machte sich Hoffnungen auf einen Beginn der Verhandlungen. Schließlich hatte die EU-Kommission bereits 2018 hinsichtlich der Erfüllung der notwendigen Voraussetzungen „grünes Licht“ gegeben. Doch Frankreich signalisierte auf der Sitzung des Europäischen Rats im Oktober erneut, dass es den Gesprächen nicht zustimmen werde. Die Niederlande und Dänemark hatten lediglich hinsichtlich Albanien Bedenken.

Beitrittsperspektive

In ihrer 2018 beschlossenen Strategie für den Westbalkan wollte die Europäische Kommission den Ländern des Westbalkans eine „realistische Beitrittsperspektive“ bieten. Darauf wiesen die Befürworter von Beitrittsgesprächen nach der jüngsten Ratssitzung hin. Insbesondere die von Frankreich angemahnte Reform des Beitrittsprozesses soll nun in weiteren Gesprächen konkretisiert werden, um diese Hürde für die Beitrittsverhandlungen abzubauen. Weitere Anforderungen an die Beitrittskandidaten sind reale Fortschritte bei der Umsetzung von Reformen. Der Europäische Rat einigte sich zumindest darauf, das Thema vor dem EU-Westbalkan-Gipfel im Mai 2020 wieder aufzugreifen.

Nordmazedonien

Nordmazedonien ist Deutschlands wichtigster Lieferant unter den sechs Ländern des Westbalkans, die nicht der EU angehören. Vor allem die deutsche Automobilindustrie nutzt das Land als Standort für die Zulieferindustrie. Die deutschen Importe von dort erreichten in den ersten zehn Monaten 2019 bereits 2,7 Mrd EUR, das entspricht einem Plus von 11,8% gegenüber dem Vorjahr. Dem standen deutsche Exporte von lediglich 1,1 Mrd EUR gegenüber, 5,7% mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Das Land weist 2019 voraussichtlich ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum von 3,3% auf und soll nach einer Prognose des auf die Region spezialisierten Wiener In-stituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) 2020 und 2021 um jeweils 3,4% wachsen.

Albanien

Der bilaterale Warenhandel mit Albanien ist aktuell noch gering, weist aber hohe Zuwachsraten auf. Zwar dürfte das Wirtschaftswachstum 2019 mit 2,8% etwas schwächer als in den Vorjahren (rund 4%) ausfallen, doch für das kommende Jahr rechnet das WIIW wieder mit einer Steigerung der Wirtschaftsleistung um 3,8%. Insbesondere der kontinuierliche Rückgang der Arbeitslosenquote stärkt hier wie in den anderen Ländern des Westbalkans den privaten Konsum.

Serbien

Bereits seit 2014 verhandelt die EU mit Serbien über einen Beitritt. Das Land macht zwar Fortschritte, es sind jedoch erst 17 von 35 Kapiteln der Beitrittsverhandlungen geöffnet, zwei wurden vorläufig geschlossen. Serbien besitzt die größte der sechs Volkswirtschaften und die größte Bevölkerung der Westbalkanländer. Nach einem Wirtschaftswachstum von 4,4% 2018 erwartet das WIIW für 2019 bis 2021 eine Zunahme des realen BIP um weniger als 3%. Für die deutsche Wirtschaft ist Serbien der größte Absatzmarkt der Region, und der Warenaustausch weist in beide Richtungen kräftige Zuwächse auf.

Montenegro

Die Beitrittsgespräche mit Montenegro laufen bereits seit 2012. 32 von 35 Verhandlungskapiteln wurden geöffnet, drei vorläufig geschlossen. Das Land erreichte 2018 mit 5,1% das stärkste Wirtschaftswachstum unter den sechs Ländern des Westbalkans. Für 2019 und 2020 liegen die Prognosen des WIIW bei rund 3%. Als kleinste Volkswirtschaft der Region nimmt Montenegro nur geringe Exporte aus Deutschland auf, die zudem 2019 rückläufig sind.

Bosnien und Herzegowina

Die Föderation bildet die zweitgrößte Volkswirtschaft des Westbalkans und bemüht sich ebenfalls um die Aufnahme in die EU. Seit der Beantragung der EU-Mitgliedschaft 2016 wird das Land als potentieller Kandidat geführt. Auch für Bosnien und Herzegowina erwartet das WIIW eine konjunkturelle Abschwächung auf unter 3%, bei allerdings weiter rückläufiger Arbeitslosigkeit. Der Warenaustausch mit Deutschland ist relativ ausgeglichen, aber rückläufig.

Kosovo

Der Kosovo ist seit 2016 durch ein Stabilisierungs- und Beitrittsabkommen in den Kreis der potentiellen Kandidaten für eine EU-Mitgliedschaft gerückt. Das Gebiet umfasst eine der kleineren Volkswirtschaften der Region, die aber aktuell überdurchschnittlich stark wächst. Auch der Handel mit Deutschland verzeichnet ­kräftige Zuwächse, wobei die deutsche Ausfuhr annähernd so hoch ist wie in die doppelt so große Volkswirtschaft Albaniens.

Konkurrenz aus China

Die getrübte Beitrittsperspektive und der chinesische Drang zum Ausbau der Handelsverbindungen nach Westeuropa haben die Balkanländer empfänglich für die Verlockungen der „Neuen Seidenstraße“ gemacht. Als Teil dieser Initiative hat China bereits den Hafen von Piräus übernommen und möchte nun von dort aus Verbindungen über die Balkanländer nach Westeuropa schaffen. Vor allem in Bosnien und Herzegowina, Montenegro sowie Serbien, aber auch in Ungarn werden Infrastrukturinvestitionen zunehmend mit chinesischem Kapital finanziert und übertreffen nach Angaben des WIIW den EU-Anteil an diesen Projekten.

gunther.schilling@frankfurt-bm.com

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