Das stark exportorientierte Südkorea bekommt seit Herbst 2011 die Abschwächung der globalen Nachfrage zu spüren. Die konjunkturellen Risiken werden von innen- und außenpolitischen Unwägbarkeiten begleitet. Angesichts leicht steigender Zahlungsrückstände bei Unternehmen empfiehlt D&B eine Absicherung des Liefergeschäfts mit dem Akkreditiv.

Von Sylvia Röhrig, Redakteurin ExportManager, F.A.Z.-Institut

Die Industrieproduktion sank im vierten Quartal 2011 gegenüber dem Vorquartal leicht und verzeichnete einen Einbruch von 2% im Januar 2012 gegenüber dem Vergleichswert des Vorjahres. Der Einkaufsmanagerindex vom Finanzinformationsanbieter Markit sank im Dezember 2011 (46,5) auf einen seit Januar 2009 nicht mehr erreichten Tiefstwert. Da sich die Auftragslage mit dem stärksten Rückgang seit Anfang 2009 spürbar verschlechterte, entließen viele Unternehmen Personal. Die Exporte brachen im Januar 2012 um 7% gegenüber dem gleichen Vorjahreswert ein. Obwohl sich das Geschäftsklima seit Februar wieder etwas aufgehellt hat, klagen die Unternehmen über anhaltend hohe Produktionskosten und eine schwache Inlands- und Auslandsnachfrage.

Angesichts des sichtbaren Abschwungs beschloss die Regierung von Präsident Lee Myung-bak von der Mitte-rechts-Partei (Grand National Party), etwa 44% der für 2012 vorgesehenen Haushaltsmittel bereits im ersten Quartal dieses Jahres auszugeben, um die Verbraucher im Vorfeld der im April stattfindenden Parlamentswahlen zu unterstützen und positiv zu stimmen. Die Regierung setzt vorrangig auf Sozialausgaben für Haushalte mit niedrigen Einkommen. Auch wenn diese Staatsausgaben dem Abschwung zu einer kurzen Atempause verhelfen, wird das Wachstum des privaten Verbrauchs wegen der hohen Verschuldung der Haushalte und des stagnierenden Immobiliensektors begrenzt bleiben. Fraglich ist, ob die Regierungspartei durch ihr Ausgabenprogramm einen Wahlsieg und eine neue Parlamentsmehrheit erreichen wird. Die den Großunternehmen zugewandte GNP hat aufgrund von Korruptionsskandalen im Verlauf von 2011 an Popularität eingebüßt. Unterdessen greift eine Diskussion über die soziale Ungleichheit im Land um sich, und es ist ein Linksrutsch der Wählerschaft zu beobachten.

Diese innenpolitischen Unsicherheitsfaktoren sind jedoch zweitrangig im Vergleich zu den Risiken, die in Verbindung mit dem unberechenbaren Nachbarn Nordkorea seit dem Tod des langjährigen Herrschers Kim Jong-il im Dezember 2011 bestehen. Noch ist unklar, ob die Machtübergabe an seinen Sohn Kim Jong-un reibungslos vonstattengehen und ob Nordkorea die Gespräche über die nukleare Abrüstung fortführen wird. Die Ausrichtung der bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern ist schwer einschätzbar; ein Aufflammen der Feindseligkeiten könnte erneut eine Kapitalflucht auslösen, zu erhöhter Volatilität des Finanzmarktes führen und das Geschäftsumfeld Südkoreas beeinträchtigen.

Der Wechselkurs des Won unterlag 2011 starken Schwankungen in Verbindung mit der Entwicklung an den globalen Finanzmärkten. Die Zentralbank wird weiter eingreifen mit Direktan- und -verkäufen von Devisen, um die Volatilität des Wechselkurses zu begrenzen.

Südkorea verfügt über beachtliche Devisenreserven (in Höhe von 309 Mrd USD im Dezember 2011). Dieses Polster liefert einen gewissen Schutz bei erneuter Kapitalflucht. Doch angesichts der schwächeren Auslandsnachfrage, die den Exportsektor treffen wird, dürften die Zahlungsrisiken 2012 steigen. Bereits im November 2011 waren die Zahlungsrückstände der Unternehmen auf 1,99% (der Unternehmenskredite) gegenüber 1,73% im Oktober gestiegen. Dieser Anstieg spiegelt den konjunkturellen Einbruch im Schiffsbau, in der Schiffsfracht, im Bau- und Immobiliensektor wider. D&B empfiehlt den Abschluss von Akkreditiven beim Liefergeschäft mit südkoreanischen Unternehmen.

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