Saudi-Arabien profitierte in den vergangenen Jahren von einem hohen Wachstum sowohl im Energie- wie auch im Nichtölsektor. Doch trotz Diversifizierungserfolgen bleibt die starke Abhängigkeit von Öl- und Gaserlösen ein Schwachpunkt. Das Königreich steht vor weiteren Herausforderungen: Die geopolitische ­Einflussnahme in der Region sowie die Lösung innenpolitischer Probleme sind mit stark ­steigenden öffentlichen Ausgaben ver­bunden. Auch die Thronfolge von König Abdullah ist noch zu lösen.

Von Christoph Witte, Direktor Deutschland, Credimundi, Member of the Credendo Group

Dank historisch hoher Ölpreise und Rekordwerten in der Öl- und Gasproduktion hat sich die saudi-arabische Wirtschaft in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt. Von 2010 bis 2013 lag die durchschnittliche Wachstumsrate bei mehr als 6% im Jahr. Diese Entwicklung war nicht ausschließlich dem Energiesektor zu verdanken. Im gleichen Zeitraum wuchs der Nichtölsektor um fast 7%. Ausschlaggebend hierfür waren höhere öffentliche Ausgaben und eine gute Entwicklung des privatwirtschaftlichen Sektors, besonders im produzierenden Gewerbe und in der Baubranche.

Basierend auf einer starken Performance des Nichtölsektors, soll das Wachstum der saudi-arabischen Wirtschaft auch in den kommenden Jahren bei mehr als 4% jährlich liegen. Das aktuelle Rating von Credimundi zu den politischen Risiken des Landes (1/7) stützt sich auf die geringe Auslandsverschuldung, die hohen außenwirtschaftlichen Überschüsse und das bedeutende Auslandsvermögen. Die Bewertung des Geschäftsrisikos mit B (Skala: A–C) ist der Unsicherheit über mögliche Auswirkungen neu eingeführter Arbeitsmarktprogramme zur Erhöhung des Anteils saudi-arabischer Arbeitskräfte (Saudisation) auf das Geschäftsumfeld geschuldet.

Hohe Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgaserlösen

Saudi-Arabien profitierte nicht nur von den weltweit hohen Ölpreisen, die u.a. auf regionale Unruhen zurückzuführen sind. Das Land steigerte darüber hinaus auch kontinuierlich seine Produktion, um die Auswirkungen von Versorgungs-unterbrechungen – wie etwa in Libyen, im Irak und Nigeria – auf die internationalen Ölmärkte möglichst gering zu halten. Saudi-Arabien ist der einzige große Ölproduzent in der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC ), der über freie Produktionskapazitäten verfügt.

Doch das Königreich ist in hohem Maße rohstoffabhängig: Im Jahr 2012 repräsentierten Öl- und Gasexporte mehr als 80% der Waren- und Dienstleistungsexporte. Erlöse aus der Ölproduktion machten mehr als 90% der öffentlichen Gesamteinnahmen aus und verzeichneten einen Anstieg von mehr als 50% seit 2010. Zudem stiegen die Break-even-Ölpreise des Landes: Während Saudi-Arabien im Jahr 2009 einen Ölpreis von lediglich­ 73,6 USD pro Barrel für einen ausgeglichenen Haushalt benötigte, lag dieser Wert im vergangenen Jahr bei 84 USD pro Barrel. Grund hierfür sind die stark gestiegenen öffentlichen Ausgaben. Bei den externen Break-even-Ölpreisen hat sich das Verhältnis ebenso verschlechtert: Für einen Leistungsbilanzüberschuss war im vergangenen Jahr ein Ölpreis von mehr als 59 USD pro Barrel Rohöl nötig. Im Jahr 2009 lag dieser Wert noch bei 53,8 USD pro Barrel. Der inländische Ölverbrauch hat sich seit dem Jahr 2000 nahezu verdoppelt, eine Folge des Bevölkerungswachstums, der stärkeren Wirtschaftsaktivität und einer durch Öl sichergestellten Energieversorgung.

In den vergangenen Jahren lagen die internationalen Ölpreise über den saudi-arabischen Break-even-Preisen. Das Land war in der Lage, deutliche Leistungs-bilanzüberschüsse zu erzielen (2013: 18% des BIP). Noch ist Saudi-Arabien gut aufgestellt, um einen Verfall der Ölpreise abzufedern: Die Auslands-schulden machen lediglich ca. 12,5% des BIP aus. Das Auslandsvermögen liegt bei rund 130% des BIP bzw. 250% der jährlichen Leistungsbilanz. Saudi-Arabien ist großer, internationaler Nettoauslandsgläubiger und verfügt mit der Saudi Arabian Monetary Agency (SAMA) über einen der weltweit größten Staatsfonds. Die Energiereserven des Landes sind noch lange nicht aufgebraucht. Behält das Land sein Produktions-niveau von 2012 bei, wären die nachgewiesenen Ölvorkommen erst in 60 Jahren und die Erdgasvorkommen in 80 Jahren aufgebraucht. So dürfte das Land in der Lage sein, in den kommenden Jahren die Volatilitäten am Ölmarkt zu bewältigen

Ungelöste Thronfolge sorgt für Unsicherheit

König Abdullah – nach dem Tod von König Fahd im Jahr 2005 zum sechsten König des Landes ernannt – regiert faktisch bereits seit den späten 90er Jahren. Die Nachfolge wurde bislang innerhalb der zweiten Prinzengeneration geregelt – zwischen den Söhnen des Staatsgründers König Abdullaziz Ibn Saud, der 1953 verstarb. Die Ernennung eines Kronprinzen, die für Stabilität und Kontinuität sorgen soll, ermöglichte in den vergangenen Jahrzehnten eine reibungslose Machtablösung. Doch diese zweite Prinzengeneration wird immer älter – wie etwa König Abdullah, der bereits ein stattliches Alter von 89 Jahren erreicht hat. Und auch der im Juni 2013 berufene Kronprinz Salman ist bereits 77 Jahre alt – und womöglich nicht bei guter Gesundheit. Im März letzten Jahres ernannte daher König Abdullah seinen Halbbruder, den 68-jährigen Prinzen Muqrin, offiziell zum Kronprinzen. Die Ernennung des jüngsten Prinzen der zweiten Generation zum Zweiten in der Thronfolge gibt dem Königshaus noch etwas Zeit, die weitere Thronfolge zu regeln. Doch die Machtabgabe an die Enkelgeneration des Staatsgründers rückt näher.

Einen eindeutigen Nachfolger aus den Reihen der Enkelgeneration gibt es noch nicht. Und es stehen Hunderte mögliche Kandidaten aus verschiedenen Zweigen der königlichen Familie bereit. Dennoch wird die Nachfolge höchstwahrscheinlich hinter verschlossenen Türen und zwischen nur wenigen Prinzen ausgehandelt. Wie in benachbarten Monarchien wird die Herrscherfamilie aufgrund der politischen Instabilität in der Region großen Wert auf eine reibungslose Machtablösung legen.

Eindämmung von Unruhen ­verursacht Kosten

Die Unruhen, die sich seit Anfang 2011 im Mittleren Osten und in Nordafrika verbreiteten, haben auch Saudi-Arabien erfasst – wenn auch in einem deutlich geringeren Ausmaß als in anderen Regionen. Die überwiegende Anzahl der Proteste fand im östlichen Teil des Landes statt. Die Region weist die bedeutendsten Ölfelder auf und ist die Heimat der schiitischen Minderheits-bevölkerung. Letztere hat viele Gemeinsamkeiten mit den schiitischen Muslimen im Iran und wird daher von der sunnitischen Herrscherfamilie Saudi-Arabiens als potentielle Gefahr gesehen. Jahrelange soziale Ausgrenzung erklärt die Unzufriedenheit der Schiiten mit dem saudi-arabischen Regime.

Die für das Königreich beispiellosen Proteste konnten schnell und erfolgreich vom rigorosen Sicherheitsapparat des Staates unterdrückt werden. Auch die Tatsache, dass sich die meisten sunnitischstämmigen saudischen Bürger nicht mit den Forderungen der schiitischen Minderheit identifizieren konnten, hat ein Übergreifen der Unruhen auf andere Teile des Königreichs verhindert. Zudem haben die gestiegenen öffentlichen Ausgaben – finanziert durch die enormen Öleinnahmen – dazu beigetragen, die Proteste einzudämmen. Bereits kurz nach Beginn der regionalen Proteste hat König Abdullah einen massiven Anstieg der öffentlichen Ausgaben im Umfang von geschätzt 130 Mrd USD bekanntgegeben. Diese Gelder sollten vor allem der lange vernachlässigten Wohnungswirtschaft zugutekommen und auch für Sozialversicherung, Bildung, öffentliche Löhne und Gehälter und steigende Kreditvolumina aufgewendet werden. 2013 lagen die öffentlichen Ausgaben um 40% höher als noch im Jahr 2010. Doch dank der hohen Ölpreise stiegen die öffentlichen Einnahmen mit 52% im gleichen Zeitraum sogar noch stärker an. Das Land konnte somit einen deutlichen Leistungsbilanzüberschuss von rund 7% des BIP verbuchen und gleichzeitig die Staatsschulden auf 3% des BIP senken.

Saudi-arabische Jugend braucht Jobperspektiven

Die Jugendarbeitslosenrate Saudi-Arabiens verharrt auf einem bedenklich hohen Niveau von ca. 40% – und das trotz neu geschaffener Arbeitsplätze in den vergangenen drei Jahren und einer starken Entwicklung des Nichtölsektors. Jedes Jahr erreichen ungefähr 400.000 junge Saudis das erwerbsfähige Alter. Doch die große Zahl der Arbeitssuchenden und der neu in den Erwerbsmarkt eintretenden Jugendlichen überschwemmt den bestehenden Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbsfähigen mit Hochschulbildung hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar immer weiter zugenommen, doch der saudi-arabische Arbeitsmarkt befindet sich in einer gravierenden Schieflage. Im Privatsektor sind saudi-arabische Arbeitnehmer deutlich unterrepräsentiert. Im Jahr 2012 waren 87% der dort angestellten Arbeitnehmer ausländische Arbeitskräfte.

Um das zu ändern, wurden Arbeitsmarktprogramme eingeführt, die private Unternehmen dazu animieren sollen, mehr Saudis einzustellen (Saudisation). Die Mindestbeschäftigungsquoten sollen für höhere Löhne sorgen und das Interesse der Saudis (die traditionell eher Stellen im Staatsdienst bevorzugen) am privaten Sektor wecken. Gleichzeitig geht die sogenannte Saudisation mit höheren Lohnstückkosten in einigen Branchen einher und könnte die Fertigstellung von Bauprojekten verzögern. Dies wiederum könnte sich negativ auf das Geschäftsrisiko Saudi-Arabiens auswirken. Es wird sich zeigen, ob die saudischen Bürger dazu bereit sind, die Jobs illegal beschäftigter Ausländer zu übernehmen, und ob die vom Regime eingeleiteten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Diversifikation beitragen. Langfristig gesehen, wird die Stabilität Saudi-Arabiens davon abhängen, ob das Land ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten für die junge Bevölkerung schaffen kann.

Regionales Machtzentrum im Umfeld geopolitischer Verschiebungen

Einschneidende Veränderungen in der Region forderten die politische Führung Saudi-Arabiens in den vergangenen Jahren heraus. Die revolutionären Aufstände, die den Nahen Osten und Nordafrika seit 2011 in Aufruhr versetzten, zwangen das Regime nicht nur dazu, im Inland Maßnahmen zu ergreifen, sondern waren auch folgenreich für die Außenpolitik. Saudi-Arabien unterstützte das Regime in Bahrain, wo die schiitische Bevölkerung aufbegehrte, in der Hoffnung, eine Ausweitung der Unruhen auf die schiitisch dominierten Ostprovinzen auf eigenem Territorium zu verhindern. Um die politische Stabilität und den Status quo zu erhalten, unterstützt das saudi-arabische Königshaus auch die Monarchien in Jordanien und Marokko, die durch das Militär gestützte Übergangsregierung in Ägypten, die libanesische Armee und den Wandel im Jemen mit erheblichen finanziellen Mitteln. Nur In Libyen und Syrien unterstützt Saudi-Arabien die Opposition.

Mit großem Unbehagen beobachtet Saudi-Arabien die Entspannung in den Beziehungen zwischen dem Iran und der internationalen Gemeinschaft. Im Kampf um die regionale Vorherrschaft am Golf ist Iran ein gefürchteter Konkurrent. Im Fall einer Lockerung der Iran-Sanktionen könnten die Ölproduktion und die Exportmöglichkeiten des Irans wieder steigen, mit negativen Folgen für die Ölfördermenge Saudi-Arabiens innerhalb des OPEC-Kartells. Die traditionell engen Beziehungen Saudi-Arabiens zu den USA wurden durch die US-Außenpolitik (Ägypten, Tunesien, Syrien, Iran) belastet. Dennoch dürfte sich in absehbarer Zeit die strategisch bedeutende Partnerschaft zwischen beiden Ländern grundsätzlich nicht verändern. Die Golfregion bleibt in den nächsten Jahren als Energieversorger für die Welt ein strategisch wichtiger Faktor.

Die ausführliche Länderstudie Saudi-Arabien steht unter www.credendogroup.com zum kostenlosen Download bereit.

Kontakt: c.witte[at]credendogroup.com

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