Das Jahr 2014 hat sehr viele Zäsuren und Neubewertungen im Bereich der deutsch-russischen Beziehungen und weit darüber hinaus gebracht. Einmal mehr ist deutlich geworden, dass politische und wirtschaftliche Stabilität keine Selbstläufer sind. Die geänderten Rahmenbedingungen stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen und erfordern ein Nachjustieren oder gar einen Wechsel der jeweiligen Unternehmensstrategie.

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Die auf allen Seiten zuweilen hitzig geführten Debatten sind Zeugnis einer zunehmenden Polarisierung. Entsprechend der jeweiligen politischen Überzeugung, werden Freund- und Feindbilder kultiviert, welche die Wahrnehmung und Einordnung von Ereignissen und Entwicklungen erschweren. Sie wirken wie Filter. Fakten, die der eigenen Positionierung entgegenstehen, werden ausgeblendet und im umgekehrten Falle verstärkt. Dies gilt nicht nur für Laien, ­sondern auch für Personen, die von Berufs wegen Sachverhalte beobachten und analysieren. Wenn es bereits auf der ­Wahrnehmungsebene zu Verzerrungen kommt, dann wundert es nicht, wenn hieraus falsche Schlussfolgerungen gezogen werden.

Ungetrübte Wahrnehmung

Eigentlich eine Banalität, aber beim wirtschaftlichen Agieren geht es immer auch um die Abwägung von Chancen und Risiken. Auch losgelöst vom Ost-West-Konflikt 2.0, welcher der Wahrnehmungseintrübung eine ganz spezifische Note verleihen kann, gibt es Gegebenheiten, die tendenziell zu Fehleinschätzungen führen. Aus der Analyse von Unternehmenskrisen sind verschiedenste Auslöser und Verstärker bekannt. Einer davon ist z.B. der in der Vergangenheit erzielte Erfolg. Mit rückwärtsgewandtem, geblendetem Blick besteht die Gefahr, dass Marktveränderungen nicht rechtzeitig wahrgenommen und eigene Fähigkeiten überschätzt werden.

Seit 2014 haben sich im Zuge der politischen Konfrontation auch Marktgegebenheiten verändert. Das rohstoffbasierte Wirtschaftsmodell Russlands ändert sich zunehmend. Importsubstitution und Lokalisierung der Produktion sind mittlerweile zu festen Bestandteilen russischer Wirtschaftspolitik geworden. Je nach Branche und Produktpalette kann ein „Weiter so“ in einer Sackgasse münden. Zugleich können sich aus der sich ändernden Wirtschaftspolitik Russlands aber auch im Hinblick auf die Eurasische Wirtschaftsunion neue geschäftliche Ansätze ergeben.

Gerade langfristige Investitionen erfordern eine gründliche Vorbereitung der Entscheidungsgrundlagen. Hierzu bedarf es neben einer eingehenden Marktanalyse auch der Expertise unabhängiger Fachleute, die zu Themen wie Finanzierung, Absicherung, Währungsrisiken, politische Entwicklungen usw. ihre vorurteilsfreie Einschätzung abgeben können.

Sanktionen und eine Sammlung von Märchen

Sanktionen und Gegenmaßnahmen werden in diesem Beitrag als gegeben unterstellt. Auf eine Diskussion, ob sie politisch sinnvoll und rechtmäßig sind, soll an dieser Stelle verzichtet werden. Fakt ist, dass es rund um dieses Thema zahlreiche Missverständnisse und Falschmeldungen gibt. Sanktionen werden gelegentlich als Superrechtfertigungsgrund gebraucht, um eine Leistungsstörung oder Bonitäts- sowie Liquiditätsprobleme zu verbergen oder um ein Vertragsverhältnis zu beenden. Zum Teil wird irrtümlicherweise angenommen, dass aufgrund von Sanktionen Lieferungen sowie Finanzierungen generell verboten seien. Ganz problematisch wirkt – trotz genauer Kenntnis des rechtlichen Dürfens – die Ungewissheit hinsichtlich künftiger Sanktionen, insbesondere wenn diese noch eine exterritoriale Wirkung entfalten könnten.

Gerade weil niemand in die Zukunft sehen kann, ist es wichtig, sich die aktuellen ­Prozesse zu vergegenwärtigen, um zu-künftige Entwicklungen zu antizipieren. Hierzu fünf Beobachtungen. Erstens: Die Positionen sowie Interessen der weltweit wichtigsten politischen Akteure sind derzeit in großen Teilen unvereinbar. Zweitens: Zu Positionen, die sich gegenseitig ausschließen, kann es keinen Kompromiss geben, allenfalls eine wie auch immer geartete Koexistenz. Drittens: Es wird sich derjenige durchsetzen, der dies unbedingt will, kann und auch tut. Viertens: Wer nachgeben muss, verzichtet hierbei in aller Regel nicht dauerhaft auf die Durchsetzung seiner Interessen. Und fünftens ist dadurch der Grundstein für weitere Konflikte und Krisen gelegt.

Konsequenzen: Es ist ratsam, sich auf weitere Sanktionen im internationalen Staatensystem einzustellen. Ausgehend von den jeweiligen Zielen, bildet die wirtschaftliche Verflechtung zwischen dem Staat, der Sanktionen gegenüber einem anderen Staat plant, und dem zu sanktionierenden Staat den Rahmen, welche konkreten Maßnahmen in Sanktionsnormen transformiert werden. Als Korrektiv mag allenfalls noch die Überlegung wirken, welche negativen Maßnahmen von den nach außen gerichteten Sanktionen ins Inland hinein wirken.

Im Vergleich zur EU und vor allem zu Deutschland ist der Grad der gegenseitigen Verflechtung zwischen den USA und Russland ein deutlich geringerer. Daher stehen den USA erheblich mehr Optionen zur Verfügung. Dies wird noch verstärkt durch den Eindruck, dass sich Präsident Trump bei seiner Außenpolitik sehr stark von Handelsbilanzsalden und innenpolitischen Themen leiten lässt.

Überprüfung der Geschäftspraxis

Eine zunehmende politische Konfrontation, die mitunter sogar zwischen Bündnispartnern verläuft, erfordert eine Überprüfung der Vertragsdokumentation und vor allem der Zahlungsbedingungen. Ein Beispiel: Wer seit langem mit Unternehmen aus Russland Geschäfte macht, weiß um deren Vorliebe für den US-Dollar. Wer aber diese Währung in Verträgen, Rechnungen oder Überweisungen verwendet, nutzt damit das Finanzsystem der USA und ist somit verpflichtet, vollumfänglich US-Recht einzuhalten, was sonst – bei Fehlen eines US-Bezugs – nicht erforderlich wäre. Für europäische Unternehmen bedeutet dies eine vermeidbare Einschränkung. Hinzu kommt, dass Unternehmen aus Russland heute viel eher bereit sind, die Währung Euro zu akzeptieren, was den positiven Nebeneffekt hat, ein Währungsrisiko aus den Büchern zu halten.

Ein weiterer Punkt ist die Absicherung. Die Zahlungsbedingungen sehen häufig offene Rechnungen für den Teil vor, der über die Vorkasse hinaus zu leisten ist. Die neuen Realitäten erfordern hier ein Umdenken. Es kommt nicht nur darauf an, ob der Vertragspartner zahlungsfähig und -willig ist, sondern auch darauf, ob er zum zukünftigen Zeitpunkt der Zahlung dies auch noch rechtlich darf. Ein bestätigtes Akkreditiv oder eine Bankgarantie sind hier die häufigsten Instrumente. Die Kosten sind überschaubar, und die Risiken werden auf die Sparkassen bzw. Banken verlagert. Sträubt sich ein Importeur vehement dagegen, dann sollten seine Argumente überprüft werden. Erfahrungsgemäß spielen dabei Bonitätsgründe die Hauptrolle, was wiederum Anlass zum Nachdenken über die Geschäftsbeziehung sein sollte.

Währungsschwankungen können problematisch werden, insbesondere wenn die Ausschläge innerhalb einer kurzen Zeit drastisch zunehmen. Natürlich belastet eine Rubel-Schwäche die deutschen Exporte. Sparkassen und Banken bieten hier eine Reihe von Absicherungsmöglichkeiten an. Allerdings gehen von einem schwachen Rubel auch positive Impulse aus. Die lokale Produktion kann so interessant werden. Eine Reihe von deutschen Unternehmen hat damit bereits positive Erfahrungen gemacht. Sie beliefern aus Russland heraus andere Märkte.

Ungeachtet aller (politischen) Zerwürfnisse, bleibt Russland ein spannender Markt mit sehr hohem Geschäftspotential. Deutsche Unternehmen sind noch ein Topwunschpartner bei den zahlreichen privaten und staatlichen Projekten in Russland. Allerdings holt der Wettbewerb aus Fernost mit großen Schritten auf. Eine offene und vorurteilsfreie Beschäftigung mit den Chancen und Risiken hilft, die richtige Strategie zu finden.

heinrich.steinhauer@helaba.de

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