Russland ist einer der größten und vielleicht interessantesten Auslandsmärkte für deutsche Exporteure. Die Hauptgründe dafür sind zum einen die hohe Bevölkerungszahl von 140 Millionen Einwohnern, die Stärke der Wirtschaft (mit einem BIP von fast 1 Bill Euro gehört Russland zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt) und die großen Reserven an Öl und Gas. Zum anderen haben die Qualität deutscher Waren und die Verlässlichkeit deutscher Geschäftspartner ein positives Image in Russland.

Von Daniil Alguliyan, Leiter Repräsentanz Moskau, KfW IPEX-Bank GmbH

Das hohe Ansehen der deutschen Wirtschaft ist durch die jahrhundertelangen Wirtschaftsbeziehungen beider Länder entstanden und noch heute auf dem russischen Markt fest verankert. Im Zuge der ständig wachsenden internationalen Konkurrenz hat sich dies zu einem nicht unerheblichen Wettbewerbsvorteil für deutsche Unternehmen entwickelt. Derzeit sind mehr als 5.000 deutsche Unternehmen in Russland aktiv. Die kumulierten deutschen Direktinvestitionen betragen ca. 18 Mrd Euro.

In den letzten Jahren konnten die deutschen Russland-Exporte einen kräftigen Aufschwung verzeichnen. Doch die Weltwirtschaftskrise hat Russland insgesamt stark getroffen. Dem Rekordvolumen der deutschen Ausfuhr in Höhe von 32 Mrd Euro im Jahr 2008 folgte der Absturz im Krisenjahr 2009, als die deutschen Exporte um ca. 40% schrumpften.

Im Jahr 2009 ist das russische BIP um 7,9% zurückgegangen. Noch kräftiger sanken die Industrieproduktion (–10%) und die Investitionen (–9%). Seit Anfang 2010 kehrt die Dynamik der letzten Jahre zurück, Russland hat die Kehrtwende geschafft und ist wieder auf den Wachstumskurs zurückgekehrt. Für dieses Jahr wird ein BIP-Zuwachs von 4% erwartet. Dennoch kann die Wende über die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft und die hohe Abhängigkeit von Rohstoffexporten nicht hinwegtäuschen.

Nach wie vor weisen die russische Industrie und Infrastruktur einen hohen Modernisierungsbedarf auf, was vor allem der schwierigen Transformationsphase in den 90er Jahren geschuldet ist. Dies ist besonders für deutsche Exporteure interessant, da gerade in deren Kernmarktsegmenten wie Maschinenbau und Umwelttechnik eine große Nachfrage entsteht.

Dazu kommen bedeutende Infrastrukturvorhaben, die unter anderem in Sochi, der Olympiastadt von 2014, im fernöstlichen Wladiwostok sowie in der Wolga-Region um Kazan geplant sind und bereits jetzt teilweise realisiert wurden. Zusätzliche Wachstumsimpulse kommen durch größere PPP-Verkehrsinfrastrukturprojekte, wie zum Beispiel den Flughafen Pulkovo in Sankt Petersburg. Gegenwärtig wird zudem in der strukturschwachen Region Nordkaukasus ein umfangreiches Modernisierungsprogramm vorbereitet.

In fast allen Branchen werden Projekte vorangetrieben, in der Holzverarbeitung, der Baustoffherstellung, im Kraftwerksbau oder der Chemieindustrie. Ein weiteres wichtiges Geschäftsfeld eröffnet sich gerade für deutsche Unternehmen in Verbindung mit dem Ziel der russischen Regierung, die Energieeffizienz der russischen Wirtschaft nachhaltig zu stärken.

Doch trotz der guten Ausgangslage nimmt die internationale Konkurrenz auf den russischen Märkten stetig zu. Daher wird eine begleitende Finanzierung für Lieferungen und Investitionen als Wettbewerbsfaktor zunehmend wichtiger. Denn im Vergleich zum EU-Raum leiden die russischen Märkte immer noch unter teilweise schwierigen Finanzierungsbedingungen. Bei deutlich kürzeren durchschnittlichen Laufzeiten liegen die Kreditzinsen auf einem relativ hohen Niveau, und die Krise hatte die Situation zusätzlich verschärft. Das Zinsniveau stieg dramatisch und erreichte in der Spitze oftmals das Niveau von 25% bis 30% p.a., häufig kombiniert mit Maximallaufzeiten von unter einem Jahr.

Günstigere Konditionen waren fast ausschließlich mit Fördermaßnahmen der russischen Regierung verbunden, konnten aber nur teilweise den Ausfall im Finanzdienstleistungsmarkt kompensieren. So ist das Kreditvolumen an Privatpersonen und Unternehmen (ohne Berücksichtigung der Restrukturierungen) um schätzungsweise 15% zurückgegangen. Mit Ausnahme einzelner, vor allem staatlicher Spitzenunternehmen im Rohstoffbereich und Finanzsektor konnten sich russische Unternehmen und Banken nicht mehr an den internationalen Kapitalmärkten refinanzieren.

In dieser Zeit hat die ECA-gedeckte Finanzierung deutlich an Bedeutung gewonnen. Für viele Unternehmen war dies fast die einzige Möglichkeit zur langfristigen Finanzierung von Investitionsvorhaben. Strukturierte Projektfinanzierungen, die auch vor der Krise nur beschränkt verbreitet waren, wurden fast vollständig eingestellt.

Seit Anfang des Jahres kehren die internationalen Finanzinstitute langsam auf den russischen Markt zurück, so dass die Kreditklemme auf dem Inlandsmarkt im Frühjahr 2010 überwunden werden konnte. Da aber viele russische Unternehmen ihre Expansionspläne während der Krise aufgeschoben hatten, sank auch der Bedarf an Finanzierungsmitteln, wodurch es im Frühjahr kurzzeitig zu einem Überangebot kam. Seit der zweiten Jahreshälfte 2010 zeigen sich positive Signale für eine Wiederbelebung der Investitionen, sowohl im staatlichen als auch im privaten Sektor, wobei sich die Verbesserung weiter primär auf kurzfristige Finanzierungen beschränkt. Das Angebot langfristiger Finanzierungen ist immer noch stark begrenzt, so dass gerade dort weiterhin großer Bedarf an Angeboten durch internationale Finanzdienstleister besteht.

Im Jahr 2009, als die Kreditklemme auf dem russischen Markt ihr volles Ausmaß erreicht hatte, finanzierte die KfW IPEX-Bank eine Reihe von deutschen und europäischen Exporten, die die Modernisierung der russischen Industrie und Infrastruktur fördern sollten. Im Sommer des letzten Jahres wurde deshalb ein Kreditrahmen in Höhe von 500 Mio Euro mit der russischen Bank für Entwicklung (Vnesh-ekonombank – VEB) unterzeichnet. Durch die Vereinbarung ist es möglich geworden, dass Exportfinanzierungen nach Russland, die mit einer staatlichen Exportkreditversicherung versehen sind, über die VEB finanziert werden, die sich wiederum bei der KfW IPEX-Bank refinanziert.

Die Antragstellung erfolgt vom russischen Importeur bei der VEB, die als Träger des Kreditrisikos für die Bonitätsprüfung zuständig ist. Parallel dazu unterstützt der Exporteur in Zusammenarbeit mit der KfW IPEX-Bank den Prozess. Die Zusammenarbeit mit der VEB verläuft bisher gut. Obwohl im Russland-Geschäft grundsätzlich längere Vorlaufzeiten eingeplant werden müssen und auch die Beantragung von ECA-Deckungen zu Verzögerungen führen kann, sind zwei größere Projekte mit der VEB über 135 Mio Euro so gut wie abgeschlossen, weitere Geschäfte befinden sich in Verhandlung.

Letztlich stärken diese Kooperation und die weiteren, während der Krise abgeschlossenen Kreditfazilitäten für russische Importeure die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Hersteller auf dem russischen Markt und erleichtern deutschen Exporteuren den Handel – insbesondere im Infrastrukturbereich, im Transportsektor und in der Baustoffindustrie.

Da die Rohstoffsicherung für die deutsche Wirtschaft ein zunehmend wichtiger Aspekt der deutsch-russischen Partnerschaft ist, wurde zum Beispiel das Projekt der Ostseepipeline trotz Wirtschaftskrise kontinuierlich vorangetrieben. Um dies zu gewährleisten, hatte die KfW IPEX-Bank im Rahmen eines Konsortiums internationaler Banken ein umfangreiches Finanzierungskonzept vorgelegt.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor der KfW IPEX-Bank auf dem russischen Markt ist ihre traditionelle Geschäftsstrategie, bewährte Partnerschaften mit Akteuren aus der Wirtschaft und der Finanzindustrie zu pflegen und neue Partnerschaften auf- und bestehende auszubauen. Dabei spielt die Präsenz in Moskau eine wichtige Rolle. So ist die russische Repräsentanz das Kompetenzzentrum für den lokalen Markt und erste Kontaktstelle für Kunden vor Ort.

Dies ermöglicht der KfW IPEX-Bank, Geschäfte nicht nur mit russischen Großkonzernen, sondern auch mit regionalen Unternehmen anzubahnen, die wiederum später zu wichtigen Partnern für den deutschen Mittelstand werden können. In den vergangenen Jahren hat die KfW IPEX-Bank so eine Vielzahl neuer Geschäftspartner in Russland gewinnen können, die zuvor keinerlei Erfahrungen mit internationalen Finanzierungen besaßen. Parallel wurde durch die neuen Geschäftsbeziehungen eine höhere Transparenz des russischen Unternehmenssektors geschaffen, von der letztendlich auch deutsche Unternehmen profitieren.

Kontakt: daniil.alguliyan[at]kfw.de

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