Seit die Militärjunta das Land 2011 politisch und wirtschaftlich geöffnet hat, lässt sich ein umfassender und äußerst eindrucksvoller Fortschritt beobachten. Die neue Regierung erfährt internationale Unterstützung, auch wenn aktuell der Konflikt mit der muslimischen Minderheit der Rohingya Anlass zur Sorge gibt. Mittel- bis langfristig dürfte der Boom der diversifizierten myanmarischen Wirtschaft dank Direktinvestitionen, Rohstoffen sowie Tourismus und verarbeitender Industrie unverändert anhalten.

Von Christoph Witte, Country Manager, Credendo

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Nach 50-jähriger Militärherrschaft und einem historischen Sieg der Opposition bei den demokratischen Wahlen im November 2015 wird Myanmar nun von Aung San Suu Kyi und ihrer NLD-Partei regiert. Das Militär versucht jedoch, seine Privilegien zu sichern, und spielt dazu weiterhin eine aktive politische Rolle, die Reformen erschweren könnte. Die Beendigung fortwährender ethnischer Konflikte und die Erfüllung der hohen Erwartungen der Bevölkerung bilden große Herausforderungen für die unerfahrene Zivilregierung. Diese profitiert jedoch von der diplomatischen und finanziellen Unterstützung seitens der internationalen Gemeinschaft, der Aufhebung der verbleibenden US-Wirtschaftssanktionen sowie der Lage zwischen Indien und China.

Seit der ehemalige General Thein Sein 2011 eine wirtschaftliche Öffnung zugelassen hat, vollzieht Myanmar einen rasanten wirtschaftlichen Wandel. Eine allmähliche Normalisierung der Beziehung zu Auslandsgläubigern sowie die Reintegration in die Weltwirtschaft haben zwischen 2012 und 2015 zu einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von 7,9% geführt (allerdings gegenüber einem niedrigen Ausgangswert). Das entspricht der zweithöchsten Rate in ganz Asien. Für die kommenden fünf Jahre wird ein Wachstum von 7,7% prognostiziert.

Verbesserung der Risikobewertung

Die schnellen politischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Erfolge der vergangenen Jahre sowie das enorme wirtschaftliche Potential und der ungebrochene Reformwille der Regierung haben Credendo im vergangenen November dazu bewegt, die Bewertung des mittel- bis langfristigen politischen Risikos von 7/7 auf 6/7 zu verändern und damit eine Versicherung zu ermöglichen. Auch die Bewertung des kurzfristigen politischen Risikos wurde von 5/7 auf 4/7 verbessert, da die Stabilisierung des politischen Umfelds Investoren und Konsumklima zugutekommt und den Fortbestand des myanmarischen Wirtschaftsbooms ermöglicht.

Trotz dieses symbolischen und bedeutenden Schritts, der die optimistische Stimmung widerspiegelt, ist Vorsicht geboten. Neben der politischen Unsicherheit trüben auch externe Anfälligkeiten die Zukunftsaussichten Myanmars. Zu nennen sind hier die sinkende Nachfrage aus China sowie die niedrigen Rohstoffpreise (Myanmar ist Nettoexporteur von Brennstoffen). Doch auch innenpolitische Aufgaben, wie die Gewährleistung der makroökonomischen Stabilität in einem schnell wachsenden Wirtschaftsumfeld, stellen das Land vor Herausforderungen.

Wirtschaftspolitische Reformen

Myanmar ist eines der rückständigsten Länder Asiens, und das schwierige Geschäftsumfeld wird häufig als eines der größten Hindernisse für die Entwicklung des Landes betrachtet. Die Probleme reichen von Infrastrukturengpässen über extreme Stromknappheit, Missverhältnisse zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage bis hin zu Rechtsunsicherheit und weitverbreiteter Korruption.

In diesem Kontext ist zu erwähnen, dass der Übergang Myanmars zu einer markt-orientierten Volkswirtschaft, der 1988 eingeleitet wurde, noch nicht abgeschlossen ist, was die Umsetzung von Wirtschaftsreformen zu einer entscheidenden Voraussetzung für die Beseitigung geschäftlicher Hindernisse macht.

Seit 2011 haben die Behörden beachtliche Strukturreformen im Bereich der Wirtschaftspolitik durchgeführt. Diese umfassen eine Reform des Wechselkurssystems (hin zu einem einheitlichen und kontrollierten Floaten des Kyat), die Liberalisierung des Handels sowie Verwaltungsreformen und eine eindrucksvolle Zahl neuer Gesetze. Ab 2014 ging die Reformgeschwindigkeit im Vorfeld der Wahlen deutlich zurück, möglicherweise, weil ein besonnenerer Ansatz bevorzugt wurde. Das im April 2017 in Kraft getretene Investitionsgesetz stellt in- und ausländische Investitionen gleich und lässt auf praktische Verbesserungen und Vereinfachungen hoffen sowie auf die weitere Öffnung der Wirtschaft.

Die Restrukturierung von Staatsunternehmen sowie die Entwicklung des Banken- und Finanzsektors gehören zu den wichtigsten wirtschaftlichen Zielen der Regierung. Ersteres wurde bereits mit der Privatisierung von mehreren hauptsächlich in der Fertigungsindustrie angesiedelten Staatsunternehmen eingeleitet, doch der Fortschritt dürfte wie in anderen kommunistischen Ländern wie Laos und Vietnam langsam verlaufen, da die Armee versuchen wird, ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Erfolge sind jedoch essentiell, um künftig mit den zahlreichen ausländischen Investoren mithalten zu können.

Mangelnde Erfahrung und schwache Institutionen

Die institutionellen Schwächen kommen in der niedrigen Qualität der verfügbaren Daten und Haushaltsstatistiken zum Ausdruck, die weiterer Verbesserung und Transparenz bedürfen. Weitere Gradmesser für die Regierungsfähigkeit sind die künftige Aufrechterhaltung der makroökonomischen Stabilität vor dem Hintergrund steigender Direktinvestitionen sowie die Stabilisierung des Kyat, der seit April 2015 über 25% seines Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren hat und unter Abwertungsdruck steht. Darüber hinaus gilt es, die Inflation einzudämmen, die derzeit auf etwa 7 % geschätzt wird. Die Verbraucherpreisinflation wird seit 2011 von einem extremen Anstieg der Kreditvergabe an den Privatsektor (über 45%) in die Höhe getrieben, auch wenn dieser Wert inzwischen langsam zurückgeht.

Moderates Finanzrisiko

Die Auslandsverschuldung befindet sich mit prognostizierten 53,7% des Exports und knapp 14% des BIP im Jahr 2016 auf einem niedrigen Stand, der dank der regen Wirtschaftstätigkeit in den kommenden Jahren beibehalten werden dürfte.

Diese günstige Entwicklung ist u.a. auf den 2013–2014 gewährten umfangreichen Schuldenerlass seitens des Pariser Clubs zurückzuführen. Dieser größte Gläubiger des Landes honorierte damit die politischen Reformen und das erfolgreich angelaufene Programm des IWF. Der Pariser Club schrieb 50% der ausstehenden Auslandsschulden (6 Mrd USD) ab und schuldete die verbleibenden 50% bis 2028 um, mit einer Nachfrist von sieben Jahren. Darüber hinaus ermöglichte eine japanische Brückenfinanzierung die Tilgung ausstehender Zahlungen in Höhe von 1 Mrd USD an die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank. Insgesamt ist die Auslandsverschuldung Myanmars von 15,3 Mrd US-Dollar im Jahr 2011 auf 8,8 Mrd US-Dollar im Jahr 2014 gefallen. Der Schuldenerlass ebnete dabei den Weg für die Normalisierung der Beziehung zu multi- und bilateralen Gläubigern und damit für neue Auslandskredite.

Die externe Liquidität ist wenig besorgniserregend: Die kurzfristige Verschuldung ist niedrig (3,9% der Exporteinnahmen Ende 2015) und die Währungsreserven decken das Neunfache des Schuldendienstes ab, der in diesem Jahr bei moderaten 3,2% der Exporte liegen dürfte. Lediglich die Währungsreserven sind relativ niedrig. Die günstigen Wirtschaftsprognosen und Aussichten auf weitere Direktinvestitionen dürften die Lage aber allmählich verbessern.

Weitere Länderberichte und aktuelle Risikobewertungen finden Sie auf der ­Internetseite von Credendo unter www.credendo.com.

c.witte@credendo.com

 

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