Die in den vergangenen Jahren entdeckten riesigen Rohstoffvorkommen des zwischen China und Russland eingeschlossenen ­Binnenlandes haben die Hoffnung geweckt, dass der Mongolei eine goldene Zukunft bevorsteht. Vergleiche mit den arabischen Ölstaaten bieten sich an, die Einnahmen aus dem Rohstoffexport könnten auch für die zahlenmäßig geringe Bevölkerung der Mongolei eine ­deutliche Erhöhung des Wohlstandes bedeuten.

Von Manuel Probst, Relationship Manager Mongolei, Strukturierte Außenhandelsfinanzierung, BHF-Bank

Der gefühlte Startschuss für einen umfassenden wirtschaftlichen Aufbruch in der Mongolei wurde im Oktober 2009 abgegeben. Die Regierung und das kanadische Minenunternehmen Ivanhoe Mines (Rio Tinto ist hier ein Anteilseigner) hatten sich nach jahrelangen Debatten auf einen Vertrag zur Ausbeutung von „Oyu Tolgoi“, dem zweitgrößten Kupfervorkommen der Erde, einigen können. Allein diese Mine soll ab 2014 jährlich 540.000 t Kupfer und als „Nebenprodukt“ 650.000 Unzen Gold hervorbringen. Dafür werden bis 2014 insgesamt ca. 6 Mrd US$ in die Mine investiert.

Hinzu kommt ein weiteres Megaprojekt: Die staatliche Minengesellschaft Erdenes MGL treibt momentan die Entwicklung des benachbarten Vorkommens „Tavan Tolgoi“, einer der größten Kokskohlelagerstätten der Welt, voran. Internationale Investmentbanken und Finanzberater bereiten bereits einen Börsengang in London und Hongkong vor. Diese beiden Projekte sollen jährlich allein 4 bis 7 Mrd US$ Exporterlöse erzeugen und einen Gewinn von 2 bis 3 Mrd US$ erwirtschaften.

Neben diesen Großprojekten werden aktuell im südlichen Teil der Wüste Gobi durch drei unterschiedliche private Minengesellschaften größere Mengen Kohle gefördert und nach China geliefert. Nördlich von Ulan-Bator wird in der Boroo-Mine des kanadischen Minenunternehmens Centerra Gold seit einigen Jahren Gold geschürft, und an der russischen Grenze baut das russisch-mongo­lische Joint Venture Erdenet im größeren Umfang Kupfer ab. Zusätzlich wird in ­vielen kleinen Minen beispielsweise Gold und Phosphor geschürft – teilweise unter primitivsten Bedingungen. Diese Minenprojekte sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs: Insgesamt nimmt die ­Mongolei weltweit den dritten Platz in Bezug auf die vermuteten Rohstoffvorkommen ein.

Ein regelrechter Rohstoffboom hat deshalb inzwischen das ganze Land erfasst. In der gigantischen Steppenlandschaft wurden neben Kupfer und Kohle bereits große Mengen Gold, Phosphor, Molybdän und seltene Erden entdeckt. Auch Erdöl scheint in großem Umfang vorhanden zu sein. Entsprechend gut sind die Entwicklungsperspektiven. Projekte für Kupfer, Eisenerz, Gold, seltene Erden usw. sollen schon in den nächsten Jahren umgesetzt werden. Schon die bestehenden Projekte haben zusammen mit steigenden Rohstoffpreisen zu einem Wachstum des BIP von knapp 10% im Jahr 2010 geführt. Durch das „Oyu Tolgoi“-Projekt soll das BIP-Wachstum in den kommenden Jahren sogar ca. 20% erreichen. Die zu erwartenden hohen Erlöse aus dem bevorstehenden Bergbauboom sollen dann eine umfassende Modernisierung des Landes ermöglichen.

Der in der Presse häufig genannte Vergleich mit der Entwicklung einiger Golfstaaten, z.B. Qatar oder die Vereinigten Arabischen Emirate (hier insbesondere Abu Dhabi) erscheint demnach durchaus berechtigt. Die Einkünfte aus dem Minensektor würden massive Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Industrie und das Sozialwesen ermöglichen. Das gesamte Land kann einer umfassenden Modernisierung unterzogen werden. Eine in vielen Bereichen von Gastarbeitern getragene und auf dem Export von Rohstoffen basierende Wirtschaft, die in einem zweiten Entwicklungsschritt Rohstoffveredelung und verarbeitende Industrie im eigenen Land aufbaut, könnte so entstehen.

Die nur etwa 3 Millionen Einwohner haben die Chance, durch direkte Teilhabe oder durch staatliche Transferleistungen erheblichen Wohlstand zu erlangen. Schon jetzt hat die Regierung angekündigt, die Bevölkerung durch Anteile an der staatlichen Erdenes MGL (die Anteile an allen als strategisch eingestuften Lagerstätten des Landes besitzt) zu beteiligen. Zusätzlich soll direkt an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn in Sainshand eine Industriezone aufgebaut werden, in der eine Kupferschmelze, eine Ölraffinerie, ein Stahlwerk sowie eine Kokerei errichtet werden sollen.

Einzige zukünftig relevante Unterschiede zu Abu Dhabi oder Qatar wären dann nur noch die Fläche (Mongolei: 1,5 Mio qkm gegenüber z.B. Qatar mit 11.000 qkm) und das Klima (in der Mongolei erreicht das Thermometer im Winter bis zu minus 55 Grad Celsius).

Die Hoffnung auf die zuvor skizzierte Entwicklung der Mongolei ist sicherlich nicht unberechtigt, doch sind auch die Hürden für eine solche Entwicklung nicht zu vernachlässigen. Zunächst werden die beiden bereits angesprochenen Faktoren „Klima“ und „Fläche“ die Mongolei vor enorme Herausforderungen stellen. Um den anstehenden Rohstoffboom zu bewältigen, muss die Infrastruktur des gesamten Landes modernisiert und den extremen klimatischen Bedingungen entsprechend ausgebaut werden. Dafür müssen in den nächsten Jahren mindestens 10 Mrd US$ investiert werden. Für die Entwicklung strategischer Lagerstätten und der Sainshand-Industriesonderzone werden noch einmal mindestens 17 Mrd US$ benötigt.

Die Tatsache, dass die Mongolei zwischen China und Russland eingeschlossen ist, führt zu einer großen Abhängigkeit von diesen beiden Absatzmärkten. Besonders der Rohstoffhunger der chinesischen Volksrepublik hat inzwischen dazu geführt, dass über 70% aller Exporte zum südlichen Nachbarn gehen. Die mongolische Regierung will dieser Entwicklung entgegenwirken und das Land über Russland mit Bahngleisen an einen Pazifik­hafen anbinden, um so Märkte wie Südkorea und Japan zu erschließen. Das dafür zu errichtende Schienennetz von mehreren 1.000 Kilometern wird jedoch weitere Milliarden verschlingen.

Aus eigener Kraft sind weder der mongolische Staat noch der Banken- bzw. Privatsektor in der Lage, substantiell zur Finanzierung dieser enormen Beträge beizu­tragen. Deshalb soll die Finanzierung größtenteils durch ausländische Direkt­investitionen abgedeckt werden (mindestens 4 Mrd US$ sollen jährlich in das Land fließen). Dies ist ein ambitioniertes Unterfangen.

Ein weiteres, kaum zu lösendes Problem stellt die Wasserversorgung der unzähligen Minenprojekte dar. Besonders in der Gobi-Wüste gibt es fast nur fossile Grundwasserreserven (d.h. Reserven, in denen sich der Grundwasserspiegel nicht wieder auffüllt), so dass es als unwahrscheinlich gilt, dass die vorhandenen Wasserreserven für alle geplanten Minenprojekte ­ausreichen werden. Allein für die „Oyu ­Tolgoi“-Mine wurde inzwischen ein Wasserreservoir entdeckt, welches die nächsten 40 Jahre ausreichen soll.

Zuletzt sollte auch die soziale und politische Entwicklung des Landes nicht außer Acht gelassen werden. Eine nachhaltige Entwicklung der Mongolei wird ohne stabile politische und soziale Strukturen kaum durchsetzbar sein. In den vergangenen Jahren mangelte es jedoch häufig an eben dieser Stabilität. Zunächst konnten sich die beiden größten Parteien MRVP und DP nicht auf einen gemeinsamen Weg der Entwicklung der Rohstoffreserven einigen. Dies führte wiederholt zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen den Anhängern der jeweiligen politischen Lager.

Zwar sind sich die politischen Parteien momentan durch eine Koalitionsregierung einig geworden, doch erzeugt eine enorme Inflation große Unzufriedenheit in weiten Bevölkerungsteilen. Die Lebenshaltungskosten haben sich in den letzten Jahren bereits verdoppelt, und über 35,2% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Die zukünftige politisch-soziale Entwicklung des Landes bleibt damit ungewiss.

Trotz dieser anspruchsvollen Situation sind Chancen für deutsche Unternehmen durchaus vorhanden. An der Tatsache, dass die mongolischen Rohstoffvorkommen früher oder später ausgebeutet werden, lässt sich kaum zweifeln, und deutsche Produkte werden bei dieser Ausbeutung eine prominente Rolle spielen.

Die BHF-BANK unterstützt seit 2005 deutsche Exporteure beim Markteintritt durch Akkreditive und Bestellerkredite. Dabei hat sich herausgestellt, dass aufgrund des sehr kleinen Binnenmarktes eine gezielte Markterschließung außerhalb des Minensektors nur in wenigen Fällen interessant ist. Hier finden bisher neben deutschen Fahrzeugen hauptsächlich deutsche Landmaschinen Absatz. Die mit der beginnenden Rohstoffausbeutung einsetzende Entwicklung des Landes bietet jedoch eine Vielzahl an Absatzmöglichkeiten für deutsche Zulieferer der Minenindustrie.

Zunächst werden viele der angesprochenen Minenprojekte durch international aktive Minengesellschaften entwickelt werden. Diese werden die entsprechenden Maschinen, Geräte und Anlagen im Ausland einkaufen und dafür in der Regel die möglichen Zulieferer direkt ansprechen. Einige der kleineren mongolischen Minengesellschaften sind jedoch beim Kauf von Minenequipment darauf angewiesen, lokale Ansprechpartner zu finden. Ein Vertrieb über eine lokale Repräsentanz oder eine Teilnahme an einer der lokalen Minenmessen (z.B. Discover Mongolia oder Mining Mongolia) könnte sich demnach lohnen. Außer aus den Minenprojekten ergeben sich aus der geplanten Infrastrukturentwicklung und dem Industriepark Sainshand zusätzliche Geschäftsansätze für deutsche Dienstleister und Maschinen- und Anlagenbauer. Auch hier empfehlen sich der Kontakt vor Ort zu den entsprechenden Unternehmen und staatlichen Stellen sowie eine Darbietung der eigenen Produkte und Dienstleistungen in der Mongolei.

Textkasten: Inflationsgefahren in Asien

Das kräftige Wachstum einiger asiatischer Volkswirtschaften hat die Preise dort kräftig ­steigen lassen. Vor allem Nahrungsmittel sind deutlich teurer geworden, aber auch der Anstieg der Rohstoffpreise hat sich in den Kalkulationen der Produzenten niedergeschlagen. Früher als in den westlichen Industrieländern haben die Zentralbanken dieser Länder die geldpolitischen Zügel angezogen. Damit soll die heißlaufende Konjunktur abgekühlt und mancherorts eine Preisblase auf dem Immobilienmarkt verhindert werden.

In China lag die Inflationsrate im März 2011 mit 5,4% weit über dem Vorjahreswert. Die Peoples Bank of China erhöhte daraufhin den Mindestreservesatz um 0,5 Prozentpunkte und den Basiszinssatz um 25 Basispunkte. Die Reserve Bank of India, wo die Verbraucher­preise im März um fast 9% gestiegen sind, hob die Repo Rate um 50 Basispunkte auf 7,25% p.a. an. Vietnam erlebte im April eine Teuerung um 17,5%. Bereits seit Februar 2011 hob die Zentralbank den Refinanzierungssatz monatlich um 1 Prozentpunkt auf inzwischen 14% p.a. an. Gemessen an dem Jahresziel von 9%, ist die Inflationsrate weit aus dem Ruder gelaufen.

Für die betroffenen Länder bergen die steigenden Preise und Zinsen nicht nur die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale mit innenpolitischen Risiken. Indirekt könnte der Zinsanstieg auch den Zufluss ausländischen Kapitals weiter verstärken und die Landeswährungen unter zusätzlichen Aufwertungsdruck setzen. Zwar würde eine Aufwertung den Import von Preissteigerungen dämpfen. Der Devisenzufluss müsste von den Zentralbanken jedoch aufge­fangen werden, um ein Anfachen der Inflation durch zusätzliche Liquidität zu verhindern.

Für deutsche Exporteure ergibt sich aus dieser Situation zunächst ein Kostenvorteil:
Die in Euro kalkulierten Preise werden auf dem durch Inflation und Aufwertung verteuerten Absatzmarkt wettbewerbsfähiger. Die konjunkturdämpfenden Maßnahmen treffen zudem eher die dortige Bau- und Exportwirtschaft. Die Importe – insbesondere von technologisch anspruchsvollen Produkten – dürften weiter kräftig zulegen.

China verbuchte in den ersten drei Monaten 2011 ein Handelsdefizit von 1 Mrd US$.
Die Importe waren um 32,6% gestiegen, dagegen lag der Exportzuwachs nur bei 26,5%. Indien und Vietnam erleben derzeit einen Exportboom, der weit über den Anstieg der Importe hinausgeht. Beide Länder könnten den Entwicklungsabstand zu ihrem erfolgreichen Nachbarn China durch ein stärkeres Wachstum verringern. Denn das Reich der Mitte stößt inzwischen an natürliche Grenzen seiner Entwicklung. ­Insbesondere die Verfügbarkeit von Arbeitskräften verschlechtert sich infolge der seit Jahren bestehenden Geburtenkontrolle, die Lohn- und Preissteigerungsraten dürften sich daher langfristig erhöhen. Indien und ­Vietnam können dank ihrer jungen und wachsenden ­Bevölkerung voraussichtlich einen zunehmenden Lohnvorteil gegenüber China nutzen.

Kontakt: manuel.probst[at]bhf-bank.com

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