Nach enttäuschenden Jahren infolge der Finanzkrise rollt derzeit die dritte Welle der Globalisierung an. Laut der HSBC-Studie „Trade Winds“ wird sich das weltweite Exportvolumen deshalb bis zum Jahr 2050 vervierfachen. In den nächsten zehn Jahren dürfte der Welthandel demnach um durchschnittlich 5% pro Jahr wachsen. Mittelständische Unternehmen können davon in besonderem Maße profitieren.

Von Alexander Mutter, Head of Global Trade & Receivables Finance, HSBC Deutschland

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Die ersten beiden Wellen der Globalisierung haben den Welthandel jeweils in ungeahnte Höhen getrieben: Zwischen 1867 und 1913 verfünffachte sich das Volumen exportierter Waren auf 310 Mrd USD pro Jahr; die zweite Welle von 1950 bis 2007 sorgte gar für einen Anstieg um mehr als das Dreißigfache auf 14,6 Bill USD. Dies zeigt die aktuelle Studie „Trade Winds“, für die HSBC gemeinsam mit dem Forschungsinstitut Oxford Economics Daten aus den vergangenen 150 Jahren analysiert hat. Für die dritte Welle prognostizieren die Autoren eine Vervierfachung des globalen Exportvolumens auf 68,5 Bill USD im Jahr 2050.

Standort und Größe verlieren an Bedeutung

Das Besondere der anrollenden Welle ist die Tatsache, dass mittelgroße spezialisierte Unternehmen in besonderem Maße profitieren können. Denn Standort und Größe spielen in der Ära der Digitalisierung keine dominierende Rolle mehr; ­Mittelständler holen deshalb gegenüber multinationalen Konzernen auf.

Um die Gründe dafür zu verstehen, empfiehlt sich ein genauer Blick auf die vier Treiber des Welthandels, die die Studienautoren identifiziert haben:

Industrialisierung. In der Vergangenheit waren der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft und später die Massenfertigung von Autos, Fernsehern und anderen Gütern für die Mittelschicht wesentliche Treiber der Globalisierung. Mit der dritten Welle erreicht die Industrialisierung nun die nächste Stufe: Im Zeitalter der Digitalisierung entstehen neue Technologien und Plattformen, die den Export von Gütern und Dienstleistungen erheblich erleichtern – zum Beispiel über das „Internet of Things“. Die Massenfertigung weicht der Anpassung an Kundenwünsche, das Innovationstempo steigt.

Transportkosten. In den kommenden Jahrzehnten werden die Transport­kosten weiter sinken – getrieben von größeren Containerschiffen, energieeffizienteren Antriebssystemen und großen Infrastrukturprojekten, z. B. im Rahmen der chinesischen Initiative „one belt, one road“.

Liberalisierung. Auch wenn die Verhandlungen über die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) zwischen der EU und den USA derzeit stocken, sind sich die Experten einig: Mittelfristig schreitet die Handelsliberalisierung weiter voran, zahlreiche Staaten werden Zölle und andere Handelshemmnisse senken oder abschaffen, um vom Freihandel zu profitieren.

Geschäftsmodelle. Die Unternehmen sind auch während der dritten Globalisierungswelle Antreiber und Getriebene zugleich: Sie entwickeln neue Technologien – und reagieren gleichzeitig mit neuen Strategien auf die geänderten Möglichkeiten und Herausforderungen. So setzen sie in immer stärkerem Maße auf Automatisierung sowie auf Zusatzdienstleistungen, von denen viele über das „Internet of Things“ nahezu kostenlos exportiert werden können.

Der Erfolg der vernetzten ­„Mikro-Multis“

Die Treiber der Globalisierung zeigen eindrucksvoll: Es wird in den nächsten Jahrzehnten immer billiger und einfacher, in neue Märkte zu expandieren. Das ist eine große Chance für spezialisierte mittelständische Unternehmen. Denn wenn sie die neuen Möglichkeiten nutzen und sich darüber hinaus mit anderen spezialisierten Anbietern vernetzen, können sie multinationalen Konzernen erfolgreich Konkurrenz machen.

Viele Unternehmen des gehobenen international orientierten deutschen Mittelstandes bringen dafür beste Voraussetzungen mit.

Schon jetzt gibt es einige Netzwerke spezialisierter Anbieter, die als sogenannte Mikro-Multis agieren. In der einfachsten Form funktioniert das Modell wie folgt: Betreiber digitaler Plattformen bieten Strukturen an, über die spezialisierte Unternehmen ihre Produkte in andere Länder vertreiben können, ohne eigene Kanäle aufzubauen oder vor Ort präsent zu sein.

Umfragen zeigen beispielsweise, dass die große Mehrheit der kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die Plattformen wie eBay als Vertriebskanal nutzen, weltweit ausliefern – in der Regel in 20 bis 40 verschiedene Märkte. Dieses Prinzip werden wir künftig in immer mehr Varianten erleben, mit ganz neuen Formen der Vernetzung und der Kooperation.

Der Aufstieg der Schwellenländer setzt sich fort

Neben mittelständischen Unternehmen werden Schwellenländer in besonderem Maße von der dritten Globalisierungswelle profitieren. So bestätigt die Studie – trotz aktuell zurückgehender Wachstumsraten – die langfristig stabilen Aussichten für den chinesischen Markt: Die Autoren prognostizieren, dass das Reich der Mitte im Jahr 2050 der mit Abstand größte Exporteur der Welt sein wird – gefolgt von den USA und Deutschland.

Auf den nächsten Plätzen folgen laut Prognose Südkorea, Indien und Mexiko, die sich damit vor Japan und Frankreich schieben und den Abstand zu Deutschland deutlich verringern. Auch andere Schwellenländer legen also kräftig zu, was Wirtschaftsleistung und Exporte angeht – mit positiven Folgen für ihre Bürger: Laut der Studie „Trade Winds“ schaffen bis 2050 3 Milliarden Menschen den Aufstieg in die Mittelschicht, die meisten davon aus Schwellenländern.

Und bereits in den nächsten Jahren stehen erhebliche Veränderungen an: Dem jüngsten „HSBC Trade Forecast“ zufolge wird China spätestens im Jahr 2030 der wichtigste Exportmarkt für deutsche Unternehmen sein – vor Frankreich und den USA.

Unternehmen müssen ihre Handelsbeziehungen diversifizieren

Damit untermauern „Trade Forecast“ und „Trade Winds“-Studie gleichermaßen, dass es für Unternehmen mehr denn je darauf ankommt, Brücken zu den Wachstumsmärkten zu schlagen und Handelsbeziehungen zu diversifizieren.

Viele Verantwortliche haben das bereits erkannt. So prognostizieren die „Trade Winds“-Autoren, dass Unternehmen in den kommenden Jahren verstärkt auf „reverse innovation“ setzen. Das heißt: Sie entwickeln Güter und Dienstleistungen gezielt für Wachstumsmärkte – und passen sie dann an die Bedingungen und Kundenwünsche in etablierten Märkten an.

Auch darüber hinaus gewinnen Anpassungen an unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse an Bedeutung. Laut Studie wird die Massenproduktion zunehmend einer Massenindividualisierung mit immer mehr unterschiedlichen Produktvarianten weichen. In diesem Zusammenhang werden Big-Data-Technologien, mit deren Hilfe Unternehmen ihre Kunden besser kennenlernen, eine immer wichtigere Rolle spielen; zudem sind kleinere und flexibel organisierte Produktionsstätten gefragt.

Auf dem Weg zu einer ­Dienstleistungsökonomie

Darüber hinaus gehen die Studienautoren davon aus, dass die Nachhaltigkeit weiter an Bedeutung gewinnt – unter anderem getrieben von geänderten ­Präferenzen der Kunden und Investoren. Das wird aber nicht nur dazu führen, dass Unternehmen hohe Summen in erneuerbare Energien, Energiespeicher und klimafreundliche Antriebssysteme investieren.

Da die Kunden zudem längere Produktlebenszyklen einfordern, werden die Unternehmen zugleich verstärkt auf Dienstleistungen setzen und in größerem Umfang ergänzende Services anbieten – von Wartungen und Reparaturen bis hin zu regelmäßigen Verbesserungen der Software, die im Zeitalter des „Internet of Things“ immer öfter elementarer Bestandteil von Produkten ist.

Neben dem Güterexport wird deshalb auch der Export von Dienstleistungen kräftig zulegen – eine Vorstellung, die während der ersten und großer Teile der zweiten Globalisierungswelle zweifellos als Science-Fiction eingestuft worden wäre.

Kontakt: alexander.mutter@hsbc.de

 

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