Investitionszurückhaltung und nachlassende Konsumbereitschaft haben die Importe aus Deutschland in den Golfstaaten von 2015 bis 2018 um ein Drittel auf nun rund 19 Mrd EUR einbrechen lassen. Europäische Investoren und Exporteure müssen mit langlebigen und qualitativ hochwertigen Gütern sowie attraktiven Finanzierungs­paketen überzeugen, um gegen die asiatische Konkurrenz zu bestehen.

Wenn der Brunnen voll ist, dann spart selten jemand am Wasser. Die hohen Ölpreise bis 2014 hatten Haushaltsdisziplin und Kostenkontrolle in den Ländern des Golf-Kooperationsrates (GKR) vorübergehend in den Hintergrund treten lassen. Spätestens seit 2016 jedoch haben die niedrigeren Ölpreise eine neue Realität geschaffen, mit der die Golfstaaten seither umgehen.

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Der Umfang der Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung, wie die Reduzierung der Strom- und Treibstoffsubventionen, sowie die Geschwindigkeit der Umsetzung dieser Maßnahmen durch die GKR-Mitglieder waren recht unterschiedlich ausgeprägt.

Golfstaaten reagieren auf ­Ölpreisschwäche

Mittlerweile hat auch Bahrain die GKR-weit beschlossene Mehrwertsteuer eingeführt und schließt diesbezüglich zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Saudi-Arabien auf. Oman hat die Mehrwertsteuereinführung nach dem gerade erfolgten Führungswechsel für 2021 angekündigt, muss aber noch weitere Maßnahmen umsetzen, um das herrschende Haushaltsdefizit einzudämmen.

Bahrain hat Wirtschaftsreformen eingeleitet, die Bedingung für ein Ende 2018 geschnürtes Hilfspaket über 10 Mrd USD der Nachbarn Kuwait, Saudi-Arabien und der VAE waren und helfen sollen, die hohe Schuldenlast des kleinen Königreichs zu begrenzen.

Kuwait und Qatar dürften wegen der Vermögen ihrer Staatsfonds weniger akuten Handlungsdruck verspüren. Dennoch empfiehlt  der IWF auch ihnen die Einführung einer Mehrwertsteuer nebst besserer Kostenkontrolle. Die Umsetzung von notwendigen Wirtschaftsreformen und der Neuzuschnitt von Staatsfirmen in Kuwait verzögern sich – auch aufgrund von Widerständen im dort existierenden gewählten Parlament.

Die resultierende Investitionszurückhaltung und nachlassende Konsumbereitschaft haben die Importe aus Deutschland in den Golfstaaten von 2015 bis 2018 um ein Drittel auf nun rund 19 Mrd EUR einbrechen lassen. Die Gesamtausfuhren aus der EU beliefen sich 2018 jedoch immer noch auf über 90 Mrd EUR, wobei die VAE und Saudi-Arabien weiterhin die größten Zielmärkte in dieser Region darstellen.

Golfstaaten erschließen neue Wachstumsquellen

Der Ressourcenreichtum an Öl und Gas hat Kuwait, Abu Dhabi, Qatar und Saudi-Arabien großvolumige Vermögenswerte im In- und Ausland beschert. Diese Reserven dienen zwar als Puffer für Schwankungen in Fördermengen und Marktpreisen, um so die immer noch maßgeblich von den Rohstoffexporteinnahmen abhängigen Budgets zu stützen. Als Ruhekissen werden diese Reserven jedoch nicht verstanden, vielmehr als Startkapital für künftig breiter aufgestellte Volkswirtschaften.

Insbesondere die VAE, die ihre Abhängigkeit vom Öl schon etwas reduziert haben, konnten sich als regionaler Finanzplatz und Touristendestination etablieren. Dubai, das schon die Endlichkeit der Ölreserven erfahren musste, hat sich zusätzlich schon vor Jahrzehnten über den Hafen Jebel Ali und seinen Flughafen den Platz als Logistikdrehscheibe am Golf gesichert. Nun steht dort im Oktober 2020 die Weltausstellung ins Haus – die vom Veranstalter ausgelobte „biggest show on earth“ soll die Nachfrage nach Hotelkapazitäten und Immobilien befeuern. Und doch muss sich Dubai auch danach als Standort immer wieder neu erfinden und moderierend auf die privaten und staatsnahen Immobilienentwickler einwirken, um die große Zahl an fertiggestellten Einheiten an die Nachfrage anzupassen.

Saudi-Arabien hat über ein Paket von sozialen Reformen, die meist auch eine wirtschaftliche Komponente enthalten, die Türen für eine nationale Unterhaltungs­industrie geöffnet, die Kinos, Freizeitparks und Konzerte ermöglicht. Die Fahrerlaubnis für Frauen und die Aufhebung der strikten Geschlechtertrennung am Arbeitsplatz dürften helfen, die Arbeitslosigkeit zu vermindern und, damit einhergehend, das Haushaltseinkommen der saudischen Familien und die Staatseinnahmen zu steigern. Die seit Herbst 2019 verfügbaren Tourismusvisa unterstützen zusätzlich die Binnennachfrage nach Unterhaltungsangeboten. Hochwertige Tourismusprojekte der Superlative, wie das „Red Sea Project“, tragen ebenfalls dazu bei, die Investitions- und Bautätigkeit im Land zu steigern.

Golfstaaten öffnen sich

Die Golfstaaten verfolgen langfristige Strategien, die eine Diversifikation der jeweiligen Volkswirtschaft vorsehen und so ergänzend neue Sektoren eröffnen sollen. In den angestammten Kernsektoren und in der logischen Erweiterung der Wertschöpfung fällt dies leichter. Für die Industrialisierung müssen klare Standortvorteile herausgearbeitet werden – so wurden in einigen Ländern wie den VAE und Qatar jüngst die Regelungen zu Eigentümerstrukturen angepasst, um die Mitsprachemöglichkeiten für Investoren zu verbessern.

Entsprechend steigen die Auslandsdirektinvestitionen (FDI) – ausgehend von einem niedrigen Niveau – wieder langsam wie z.B. in Saudi-Arabien um rund 10% in den ersten neun Monaten 2019 gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die GKR-Staaten suchen nach langfristigen Partnern, die neben Kapital auch Know-how für z.B. großvolumige Petrochemieprojekte in der Golfregion und in den Zielmärkten mitbringen, die die staatlichen Ölgesellschaften von Riad bis Maskat vorbereiten. Dahinter steckt eine klare Strategie, die auf Veredelung der Rohstoffe in zukunftsfähige Produkte und Sicherung von Absatzmärkten setzt.

Bezüglich Absatzmärkten, Investitionen und strategischen Partnerschaften geht der Blick am Golf stärker nach Asien, insbesondere zu den großen Volkswirtschaften Indien und China. Europäische Investoren und Exporteure müssen mit langlebigen und qualitativ hochwertigen Gütern sowie attraktiven Finanzierungspaketen überzeugen, um gegen die asiatische Konkurrenz zu bestehen.

Interessante Großprojekte

Solche Bemühungen lohnen sich, denn am Golf bietet sich ein ganzer Strauß von Großprojekten, die neben der Begebung von Anleihen auch über Bankfinanzierung dargestellt werden sollten. Die Golfländer erfahren einen regelrechten Boom von Erneuerbare-Energie-Projekten, die mehrheitlich auf Photovoltaik basieren. So wurden in der Region in kurzen Abständen immer neue,  günstige Rekordtarife von inzwischen deutlich unter 2 US-Cent pro kWh erzielt. Der billige Solarstrom soll teilweise Gaskraftwerke ersetzen und dient insbesondere der nunmehr ent­koppelten Meerwasserentsalzung mittels Umkehrosmose.

Die aufwendigen Meerwasserentsalzungsprojekte, bei denen sich auch europäische Know-how-Träger tummeln, sind jedoch nur ein Baustein zu mehr Ressourceneffizienz. Hocheffiziente Gaskraftwerke werden weiterhin gebraucht. Ein Beispiel stellt ein Projekt in Bahrain dar, für das die KfW IPEX-Bank im April 2019 auf Basis von Siemens gelieferter Kernkomponenten den Großteil einer Euler-Hermes-gedeckten Tranche bereitgestellt hat. Neue Kläranlagen sollen Brauchwasser liefern sowie Recyclingbemühungen und Müllverbrennungsanlagen die Lagerung auf Mülldeponien verringern.

Ende Januar 2020 wurden die Finanzierungs- und Projektverträge für das Kläranlagenprojekt Umm Al-Hayman mit einer Kapazität von 500.000 cbm pro Tag unterzeichnet. Die KfW IPEX-Bank hat dieses Projekt aufgrund der etablierten und vertrauensvollen Beziehung zu dem deutschen Koinvestor WTE seit der Frühphase in führender Rolle begleitet und stellt einen Teil der langfristigen Kredite.

Inzwischen ist am Golf die Erkenntnis eingekehrt, dass man mit Wasser haushalten muss. Die VAE haben beispielsweise eine Wassersicherungsstrategie etabliert, um Brauchwasser aus Kläranlagen in der Bewässerung zu nutzen, und es wurden Maßnahmen definiert, um den Verbrauch zu senken. Nicht nur in den VAE, sondern auch in der gesamten Region hofft man, die Wasserflasche gut gefüllt zu halten für den langen Marsch der Golfstaaten in die Zukunft.

andreas.roth@kfw.de

www.kfw-ipex-bank.de

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