Seit nunmehr fast zwei Jahren befindet sich Russland in einer anhaltenden Wirtschaftskrise, ausgelöst durch eine Kombination aus fallendem Ölpreis und Finanzsanktionen. Die Krise hat aber strukturelle Ursachen wie die mangelnde Diversifizierung und ­Wertschöpfung in Russland. Deutsche Unternehmen und ihre russischen Partner suchen nach Möglichkeiten, weiterhin Geschäfte zu machen. Die Deckungsinstrumente des Bundes bieten eine Absicherung für Exporteure und Investoren.

Von Andrej Nötzel, Büroleiter Moskau, KfW IPEX-Bank

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Die Bruttoanlageinvestitionen, die ein Indikator für die Zukunftserwartungen der Unternehmen sind, sind schon seit 2013 leicht rückläufig. 2015 sanken die Bruttoanlageinvestitionen um 8,4%, und mit einer Stabilisierung wird erst für 2017 gerechnet. Aufgrund der anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten und der hohen Finanzierungskosten in Rubel halten sich Unternehmen mit Neuinvestitionen weitgehend zurück. Auch der Staat muss deutlich sparen: Großprojekte wurden zurückgestellt. Durch die Rubel-Abwertung ist vor allem der Import von Investitionsgütern betroffen. Die deutschen Exporte nach Russland sind zwischen dem Rekordjahr 2012 und 2015 von rund 30 Mrd EUR auf 18 Mrd EUR eingebrochen. Die deutschen Maschinenexporte sind allein 2015 um 27% zurückgegangen.

Wirtschaft setzt Dialog fort

Langfristig bleibt Russland für die deutsche Industrie angesichts der Größe des Marktes, des hohen Investitions- und Modernisierungsbedarfs und der zwar volatilen, aber historisch gewachsenen deutsch-russischen Beziehungen von großer Bedeutung. Einige deutsche Unternehmen sind in Russland seit über 100 Jahren tätig. Russland ist nach der EU, den USA und China immer noch einer

der wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschlands. Umgekehrt gehören die deutschen Unternehmen in Russland traditionell zu den größten Direktinvestoren und sind geschätzte Partner. Vor der Krise erreichte der deutsch-russische Handel ein Volumen von knapp 60 Mrd EUR. Das ist nach dem Handelsvolumen mit der Volksrepublik China mehr als das bilaterale Handelsvolumen mit anderen Emerging Markets. Die Bedeutung Russlands als Absatz- und Investitionsstandort zeigt sich auch bei dem regelmäßigen Spitzenplatz von Russland bei den Deckungszusagen des Bundes für Hermes- und DIA-Deckungen.

In den 70er Jahren hat die deutsche Industrie aktiv für eine Annäherung an die Sowjetunion geworben und Willi Brandts Ostpolitik über „Röhren für Gas“-Geschäfte flankiert. Der Wirtschaft kommt auch in dieser Zeit der angespannten politischen Beziehungen eine Brückenfunktion zu. Es sind vor allem die deutschen und europäischen Wirtschaftsverbände, die sich aktiv für den Dialog mit Russland und den Abbau der Sanktionen einsetzen.

Chancen im Maschinen- und Anlagenbau

Nach dem Abwertungs- und Zinsschock Ende 2014 und der Erwartung, dass die geopolitische Krise länger währen wird, haben Unternehmen begonnen, sich der neuen Realität anzupassen. Das Interesse russischer Unternehmen an deutschen und europäischen Technologien nimmt aktuell wieder zu. Die von der russischen Regierung proklamierte Umorientierung nach Asien funktioniert nur eingeschränkt und ist einer Ernüchterung gewichen. Russische Unternehmen besuchen aktiver Messen in Deutschland. Auch deutsche Wirtschaftsdelegationen sind häufiger in Russland unterwegs. Man ist im Gespräch. Chancen ergeben sich für die Lieferung von Maschinen und Anlagen zum Aufbau von Produktionskapazitäten. Bedarf besteht zum Beispiel im Agrarsektor, in der Nahrungsmittelverarbeitung, der Chemie- und Pharmaindustrie und der Textilindustrie. Chancen ergeben sich auch bei Lieferungen an exportorientierte Unternehmen in den Bereichen Öl und Gas, Düngemittel oder Holzverarbeitung und bei vom Staat geförderten strategisch wichtigen Industrieprojekten.

Die in Russland tätigen ausländischen Unternehmen verfolgen, von Ausnahmen abgesehen, eine Strategie der „Überwinterung“. Sie reduzieren ihre Präsenz und passen ihre Kostenstrukturen an. Durch die Rubel-Abwertung und die Forderung nach Importsubstitution wird der Aufbau einer lokalen Produktion immer wichtiger für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit auf dem russischen Markt. Die Produktionskosten in Russland sind im internationalen Vergleich attraktiv. Angesichts der hohen Unsicherheiten werden statt größerer Neuinvestitionen eher Auftragsfertigung oder kleinere Produktionslokalisierungen in Erwägung gezogen.

Finanzierungslösungen

Der Bund bietet weiterhin Absicherungsmöglichkeiten für Exporteure und Investoren in Russland. Die Rekordzusagen 2015 bei Hermesdeckungen und Investitionsgarantien sind unter anderem auf einen hohen Absicherungsbedarf zurückzuführen. Es zeigt sich, dass diese Deckungsinstrumente als antizyklische Finanzierungsinstrumente in Krisenzeiten gefragt sind.

Die KfW IPEX-Bank, als Tochter der KfW Bankengruppe für das Export- und Projektfinanzierungsgeschäft zuständig, kann mit Hilfe dieser Deckungsinstrumente weiterhin deutsche Exporteure und Investoren bei ausgewählten Ge-schäften in Russland unterstützen. Die Geschäfte müssen jedoch strenge Anforderungen an Compliance (das heißt u.a., es darf keine Sanktionsrelevanz geben) erfüllen und umfassenden Kreditprüfungen standhalten.

Die KfW Bankengruppe hat langjährige Erfahrung in diesem weiterhin für Deutschland wichtigen Markt. Sie unterstützt deutsche Exporteure und Investoren bei ihren Russland-Geschäften seit den 70er Jahren. 2005 hat die KfW IPEX-Bank ein eigenes Außenbüro in Moskau eröffnet. Neben der KfW IPEX-Bank sind auch die zur KfW Bankengruppe gehörende Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) und die KfW Entwicklungsbank vor Ort präsent.

Kontakt: andrej.noetzel@kfw.de

 

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