Einige politische Entscheidungen haben zu Unsicherheit in den Märkten und in der Exportwirtschaft geführt. Während größere Finanzierungen früher oftmals in sechs bis zwölf Monaten zustande kamen, benötigen sie heute zum Teil zwei oder drei Jahre.

Die deutschen Exporteure haben 2018 erneut einen Rekordabsatz im Ausland erzielt. Dabei stieg mit zunehmender Unsicherheit im Auslandsgeschäft die Nachfrage nach sogenannten ECA- bzw. in Deutschland hermesgedeckten Finanzierungen wieder an, stellte Werner Schmidt, Head of Structured Trade & Export Finance Germany der Deutschen Bank, im Gespräch mit dem ExportManager fest.

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Die politischen Risiken sind zurück. Wie erleben Sie die veränderte Risikolage in der Exportfinanzierung?

Politische Unsicherheiten sind für die Geschäfte unserer Kunden und für Banken wesentlich bedeutender als im vorherigen Jahrzehnt. Einige politische Entscheidungen haben zu Unsicherheit in den Märkten und in der Exportwirtschaft geführt. Dies verzögert Investitionsentscheidungen, erhöht den Analyseaufwand hinsichtlich Projektrisiken und Machbarkeit und verlängert damit auch die Vorlaufzeiten für unsere Geschäfte. Während größere Finanzierungen früher oftmals in sechs bis zwölf Monaten zustande kamen, benötigen sie heute zum Teil zwei oder drei Jahre.

Wie reagieren Sie darauf?

Die durch eine Export Credit Agency (ECA) gedeckte Finanzierung ist für genau diese Situationen gedacht. Sie bietet Sicherheit und Stabilität. Bereits in der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass die Exportfinanzierung als eines der wenigen langfristigen Instrumente auch in dieser krisenhaften Situation verfügbar war. In dieser Zeit wurden in der Exportfinanzierung die höchsten Abschlüsse erzielt. Auch die Exportkreditversicherungen haben deutlich höhere Volumina unterstützt als in „normalen“ Zeiten.

Worauf müssen Sie bei der Risikobewertung achten?

Die Exportfinanzierung unterstützt Investitionen im Ausland und ermöglicht Exporte deutscher Produkte ins Ausland. Dazu gehören große Infrastrukturprojekte und Investitionen in Maschinen überwiegend in Entwicklungsländern aber auch selektiv in den sogenannten „High Income Countries“. Dabei ergeben sich politische, aber auch kommerzielle Risiken, die die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Projekte betreffen und die abgesichert werden müssen. Diese hängen unter anderem von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Ländern ab. Zunehmende Unsicherheiten beeinträchtigen Exportgeschäfte und beeinflussen die Nachfrage nach Finanzierungen. Aber in schwierigen Zeiten ist üblicherweise, wie gesagt, die Nachfrage nach Exportfinanzierungen höher als nach anderen Finanzierungsvarianten.

Das heißt, die Exportfinanzierung wird eher unter Risikoaspekten gewählt? In normalen Zeiten kommen eher andere Finanzierungsformen in Betracht?

Es ist immer noch viel Liquidität in den Finanzmärkten. Das ist unter anderem der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken geschuldet. Es gibt einen starken Wettbewerb um Anlagemöglichkeiten und zahlreiche Angebote über die Exportfinanzierung hinaus. Geschäfte werden über den Kapitalmarkt finanziert oder über klassische Kredite ohne Hermesdeckung. Aber im derzeitigen Umfeld gibt es eine erhöhte Unsicherheit und damit einen höheren Bedarf an Absicherung. Dabei gibt es zwei Kategorien: Die Absicherung des wirtschaftlichen Risikos und die Absicherung des politischen Risikos. Die staatliche Exportkreditversicherung bringt neben der Absicherung dieser politischen Risiken zusätzlich eine gewisse Flankierung, je nach Art des Restrukturierungs- und Schadensfalls, z.B. auch auf ministerieller Ebene.

Gibt es eine Umschichtung der Deckungsvolumina von Ländern wie Russland und der Türkei in andere Länder aufgrund höherer politischer Risiken?

In den vergangenen Jahren ist zwar die Zahl der Transaktionen zurückgegangen, aber die Transaktionsvolumina in der Exportfinanzierung sind gestiegen. Das Geschäft ist daher volatiler geworden. Eine deutliche und nachhaltige Verringerung der Deckungen in Russland und der Türkei ist nicht feststellbar, das Volumen ist weiterhin hoch. Doch es sind Länder hinzugekommen, bspw. Ägypten, der Irak, einige Länder in Lateinamerika und Afrika. Die regionale Verteilung des Geschäfts ist dadurch vielfältiger geworden. Es gibt aber weiterhin Fokusländer, zu denen gehören auch Russland und die Türkei.

Wie wirken sich die geringere Zahl der Transaktionen und die steigenden Volumina auf die Margen aus?

Ich kann nur für die mittel- und langfristige Finanzierung sprechen, aber im kurzfristigen Handelsfinanzierungsgeschäft dürfte die Entwicklung ähnlich sein. Die Exportfinanzierung ist ein Geschäftsfeld, das sehr kundennah ist, sehr transparent, und das die Banken sehr gerne betreiben. Daher gibt es viel Wettbewerb, und er nimmt noch zu. Die Zahl der Transaktionen steigt zwar aktuell wieder an, war aber in den vergangenen Jahren gesunken. Wegen der guten Liquiditätslage konkurrieren zudem auch andere Finanzierungsprodukte wie Kapitalmarktlösungen, Anleihen oder auch die klassische Kreditfinanzierung mit der Exportfinanzierung. So konnten Unternehmen in Russland ihre Investitionen mit Laufzeiten über fünf bis sieben Jahre in Fremdwährung auf dem lokalen Markt finanzieren, ohne dass eine Exportfinanzierung notwendig war.

Welche Bedeutung haben bei dieser Betrachtung die klassischen Länderrisiken?

Die Performance in der Exportfinanzierung ist, verglichen mit anderen Kreditarten, sehr gut. Die Internationale Handelskammer (ICC), die sich um mehr Transparenz hinsichtlich der Ausfallhistorie  bemüht, weist recht niedrige Schadensquoten aus. Das Länderrisiko führt in der Regel nicht direkt zum Schadensfall. Aber politische Entscheidungen haben Einfluss auf die Einzelprojekte, da bspw. die Bonität der Unternehmen durch Wechselkursbewegungen beeinflusst werden kann. Dort sehen wir potentiell eine Risikoerhöhung, die sich  jedoch erst im Zeitablauf zeigen wird. Dabei kommt es im Vergleich zu früher eher zu Ausfällen von Einzelgeschäften als von Staaten.

Wie gehen Sie mit nichtfinanziellen Risiken um?

In der Due-Diligence-Prüfung haben nichtfinanzielle Risiken wie Reputations- oder Geldwäscherisiken an Bedeutung gewonnen. Das beeinflusst die Durchführbarkeit von Projekten, und man muss intensiv prüfen, welche Risiken relevant sind und man als Kreditgeber zu übernehmen bereit ist. Das erfordert erheblich mehr Transparenz und Nachweise hinsichtlich der Machbarkeit des Geschäfts. Bezüglich der Diskussion um Sanktionen von Drittstaaten, insbesondere der USA, gilt, dass ausländische Regulierungen vor dem Hintergrund  des Boykottverbots nicht beachtet werden dürfen. Allerdings scheint sich durch die Reform des Artikels 7 der AWV die Möglichkeit zu ergeben, dass Sanktionen von Drittstaaten, die nicht deckungsgleich mit EU-Sanktionen sind, berücksichtigt werden dürfen. Dadurch werden zum Beispiel hermesgedeckte Geschäfte in Russland erleichtert. Bisher befanden  sich Unternehmen und Banken bei Russland-Geschäften angesichts unterschiedlicher Regulierung der USA und der EU in einem Dilemma.

Wie wirkt sich die Zunahme der Regulierung auf Ihr Geschäft und die Schwellenwerte für Transaktionen aus?

Es gibt zwei große Themenfelder: Regulierung, die sich auf Eigenkapitalerfordernisse und die Bewertung von Bilanz­positionen sowie die Anrechnung von Sicherheiten im Exportfinanzierungsgeschäft wirkt. Das andere Thema betrifft die bereits erwähnten nichtfinanziellen Risiken [Geldwäsche, Know your Customer (KYC) usw.]. Das sind Regulierungen, wozu  im Übrigen auch Umweltprüfungen und Sozialstandards gehören, die wir durchaus begrüßen. Doch sie verändern eben auch die Transaktionskosten, beeinflussen die Wirtschaftlichkeit und erhöhen somit die Schwellenwerte für Transaktionen.

Small-Ticket-Lösungen, die unter diesen Schwellenwerten liegen, benötigen daher vereinfachte und standardisierte Prozesse. Dadurch wird auch eine Digitalisierung von Prozessen möglich. Die Exportfinanzierung, wie wir sie heute betreiben, ist sehr individuell. Ein wünschenswerter Standardexportvertrag, vereinfachte Ab-läufe bei Hermes bei der Antragstellung („click & cover“), Standardisierung auf der Bankenseite und Digitalisierung könnten die Schwellenwerte drücken. Die AKA Bank hat bereits die Initiative ergriffen, die wir als großer Gesellschafter nachdrücklich unterstützen. Letztlich müssen aber alle Partner an einem Strang ziehen.

Gibt es denn eine technologische Entwicklung, die den Markt verändern wird?

Ich sehe die Disruption in der Exportfinanzierung aktuell noch nicht. Es gibt – auch von Fintechs –  noch keine Plattformlösung, die die Komplexität und die Vielfalt von Risiken komplett abbilden könnte. Kurz- und mittelfristig geht es wohl eher um die Erhöhung der Effizienz der Prozesse.

Vielen Dank für das Gespräch.

werner.schmidt@db.com

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