Der arabische Raum bietet für mittelständische deutsche Unternehmen umfassende wirtschaftliche Chancen. Angesichts des anhaltend hohen Bevölkerungswachstums floriert die Nachfrage nach Konsumgütern und medizinischer Versorgung stetig. Neben den Lieferchancen in den Bereichen Lebensmittel, Verpackung und Medikamente sind vor allem der Bausektor und die petro­chemische Industrie von besonderem Interesse. In diesen Segmenten herrscht jedoch starke Konkurrenz aus Südkorea und China.

Von Thomas Schröder, Abteilungsdirektor, Strukturierte Außenhandelsfinanzierung, BHF-BANK AG

Arabien ist keine homogene kulturelle, geographische oder wirtschaftliche Einheit. Die Region Middle East/North Africa (MENA) umfasst im allgemeinen Sprachgebrauch die stark französisch beeinflussten Maghreb-Länder Nordafrikas inklusive Mauretanien sowie Libyen und Ägypten. Im Osten schließt sich die Arabische Halbinsel mit den Ländern des Golf-Kooperationsrates (GCC) an. Während einige der Länder über viel oder sehr viel Öl bzw. Gas verfügen, sind andere Länder eher landwirtschaftlich geprägt. Die petrochemische Industrie, die Bauzulieferindustrie, Lebensmittel- und Verpackungsbetriebe sowie die medizinische Versorgung sind Bereiche, die für deutsche Firmen von besonderem Interesse sind.

Als ein Beispiel für die Entwicklungschancen der Region gilt die Desertec-Initiative. Hier soll das riesige natürliche Sonnenpotential der Sahara für die Erzeugung von Strom genutzt werden, der in den Industriezentren Westeuropas genügend Abnehmer finden dürfte. Das Desertec-Programm entspricht dem Trend zu erneuerbarer Energie und bietet Marktchancen für deutsche Unternehmen, die sich auf Solartechnologie spezialisiert haben bzw. die den Stromvertrieb organisieren.

Im Markt für Photovoltaik (private Nutzung bzw. Einspeisung über Hausdächer u.a.) fehlt es allerdings noch an gesetzlichen Regelungen für staatliche Einspeisevergütungen, so dass die breite flächen­deckende Nutzung – wie in vielen westeuropäischen Ländern üblich – leider noch ein wenig auf sich warten lassen dürfte.

Auch für den Tourismus bietet die arabische Welt viele Möglichkeiten. Fast alle arabischen Länder eignen sich grundsätzlich für Badeurlaube und bieten kulturelle Sehenswürdigkeiten. Hier gilt es jedoch, auf die religiösen Befindlichkeiten der lokalen Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Die Tendenzen zu einer Re-Islamisierung dürften einem stark kommerziellen Tourismus im Wege stehen. Lediglich Tunesien und Ägypten haben in der Vergangenheit vom westeuropäischen Massentourismus profitiert und leiden nun unter dem Ausbleiben der Urlauber. Andere Länder – hier sei der Oman als gutes Beispiel genannt – konzentrieren sich auf den gehobenen Bildungstourismus und versuchen, sich als Premiumanbieter zu etablieren.

Fast alle arabischen Länder sind von stark wachsenden Bevölkerungen gekennzeichnet. Dies hat Einfluss auf die Nachfragestruktur. Als Folge genießt der Konsumbereich einen hohen Stellenwert, so dass sich zum Beispiel besondere Chancen für Nahrungsmittellieferanten (Süßigkeiten, Softdrinks etc.) ergeben. Hinzu kommen Lieferchancen im Produktions- und Verpackungsbereich sowie bei Lebensmitteln, Medikamenten und Ähnlichem. Mit Blick auf eine wachsende junge Bevölkerung wird der Bildungssektor in den meisten Ländern ausgebaut. Bestes Beispiel hierfür ist Saudi Arabien, das in einem großen Programm Schulen und Universitäten baut. Der Zwang zur Schaffung von Arbeitsplätzen für die junge Bevölkerung führt zum Aufbau von lokalen Industrien. Hier sollten deutsche Unternehmen ganz besonders profitieren. Insbesondere der deutsche Mittelstand verfügt über viele gut positionierte Unternehmen, die Maschinen und Anlagen für Industriearbeitsplätze liefern können.

Ein Großteil des Reichtums der MENA-Region entstammt Öl- und Gasvorkommen. Während die Technik zur Exploration weitgehend von angloamerikanischen Firmen geliefert wird, verfügt die deutsche Industrie über potente Anbieter in den nachgelagerten Produktionsstufen der petrochemischen Weiterverarbeitung. Allerdings ist die Konkurrenz aus Fernost hier sehr stark, und es fällt auf, dass süd­koreanische Anbieter in vielen Fällen den Zuschlag erhalten, da sie schlüsselfertig anbieten und im Ruf stehen, europäische Qualität zu chinesischen Preisen zu liefern.

Die Bundesregierung flankiert die Bemühungen der deutschen Exportwirtschaft durch Wirtschaftsreisen, aber auch durch die Bereitstellung von Absicherungslimits der Euler Hermes Kreditversicherung. In fast allen Ländern der MENA-Region liegen die Ländereinstufungen in den günstigen Hermes-Prämien-Kategorien 2 bis 4, Deckungseinschränkungen kommen nur vereinzelt vor.

Die deutschen Auslandshandelskammern sind in der MENA-Region zahlreich vertreten und unterstützen deutsche Exporteure mit profundem lokalem Wissen flächendeckend in allen MENA-Ländern. Lokale Ansprechpartner finden sich in Algerien, Tunesien, Marokko, Ägypten, Abu Dhabi, Dubai, Saudi Arabien (Riyadh und Jeddah), Qatar, Oman und Teheran. Ein deutsches Wirtschaftsbüro für Irak befindet sich in Bagdad und in Erbil.

Für alle Umbruchländer gilt, sich rechtzeitig zu positionieren. Deutsche Produkte und Maschinen haben einen unverändert guten Ruf und erlauben auch manchmal einen Premiumaufschlag. Mit dem abgewerteten Euro hat der deutsche Exporteur zurzeit noch eine zusätzliche starke Verkaufshilfe an der Hand, die sich auf mittlere Frist hoffentlich in einem Auftragszuwachs auswirken sollte.

Kontakt: thomas.schroeder[at]bhf-bank.com

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