Die Krise um die Staatsverschuldung insbesondere der südlichen Euroländer scheint zunächst überwunden – auch dank des ­Rettungsschirms des Euro-Raums. Doch den betroffenen Staaten stehen weitere Einschnitte bei den Staatsausgaben bevor, um finanziell wieder auf eigenen Füßen stehen zu können. Trotz gedämpfter Nachfrage besteht in diesen Staaten weiterhin ­Investitionsbedarf, um die Krise dauerhaft zu überwinden.

Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut

Die Überwindung der Finanzkrise hat einigen europäischen Staaten hohe staatliche Garantiezusagen und Ausgaben zur Rettung angeschlagener Banken abverlangt. Die jüngsten Neuberechnungen des Kapitalbedarfs irischer Banken weisen zusätzliche Belastungen des dortigen Staatshaushalts von etwa 25% des BIP aus. 2010 erreicht das Haushaltsdefizit einschließlich der Bankenrettung ein Drittel der Wirtschaftsleistung. Auch Großbritannien wird mit 12% des BIP einen sehr hohen Fehlbetrag ausweisen.

In beiden Ländern haben die Regierungen ein hartes Sanierungsprogramm aufgelegt, das die Neuverschuldung in den kommenden Jahren abbauen soll. Auch das in Zahlungsnot geratene Griechenland sowie Spanien und Portugal haben einen umfassenden Sparkurs eingeleitet, um ihre Staatsfinanzen in den Griff zu bekommen und die Risikoaufschläge auf ihre Staatsanleihen abzusenken. Alle diese Staaten haben ihr Wachstum in den vergangenen Jahren kreditfinanziert.

Die großen Eurostaaten Deutschland, Frankreich und Italien sind von dem Vertrauensverlust der Kapitalmärkte zwar kaum betroffen, doch auch sie weisen übermäßige Haushaltsdefizite auf, die in den nächsten Jahren unter die Grenze von 3% gebracht werden müssen. Defizitsünder sollen gemäß den Vereinbarungen des jüngsten EU-Gipfels am 29. Oktober in Brüssel in Zukunft schneller und härter bestraft werden. Bindende Vereinbarungen sollen im nächsten Sommer unterzeichnet werden. Allerdings können sich Mitgliedsstaaten des Euro-Raums auch dauerhaft auf die finanzielle Unterstützung im Rahmen des Rettungsschirms verlassen, wenn sie in eine finanzielle Notlage geraten.

Auf die wirtschaftliche Entwicklung der unter Konsolidierungsdruck stehenden Staaten haben sich die Sparanstrengungen im ersten Halbjahr 2010 bereits deutlich ausgewirkt. So sank in Irland die Inlandsnachfrage noch deutlich, lediglich der Export zog an. Griechenland erlebte im zweiten Quartal einen regelrechten Nachfrageschock, der den privaten Verbrauch um 4,2% und die Importe real um 13,5% einbrechen ließ.

Etwas positiver entwickelte sich die Konjunktur auf der iberischen Halbinsel, wo lediglich die Investitionstätigkeit noch zurückging. Deutlich erholt zeigte sich die Inlandsnachfrage in Großbritannien, das im zweiten Quartal auch höhere Investitionen als im Vorjahr tätigte.

Zur Überwindung der Verschuldungskrise benötigen die betroffenen Staaten nach Einleitung der Konsolidierung eine tragfähige Wachstumsperspektive. Hier haben sich Volkswirtschaften mit einer bedeutenden und wettbewerbsfähigen Industrie als besonders robust erwiesen. Daher steht zu erwarten, dass besonders die bislang auf Dienstleistungen fokussierten Länder nun wieder stärker auf den Aufbau industrieller Strukturen setzen. Dies bietet vor allem der deutschen Investitionsgüterindustrie Absatzchancen.

Die deutsche Exportwirtschaft konnte in den ersten acht Monaten 2010 bereits von
der Nachfrageerholung in einigen Ländern profitieren. Lediglich Griechenland
(–16,4%) und Malta (–7,6%) nahmen deutlich weniger ab als im Vorjahr. In Irland betrug das Nachfrageplus zwar 12,9%, war aber vor allem auf den Pkw-Absatz im Zuge der dortigen Abwrackprämie zurückzuführen. Großbritannien kam mit 12,2% auf einen ähnlichen Anstieg bzgl. der deutschen Ausfuhr. Nach Spanien wurden 14,1% höhere Exporte geliefert, Portugal nahm sogar 26,5% mehr ab.

Die wirtschaftliche Belebung im Euro-Raum im zweiten Quartal 2010 hat Hoffnungen auf eine dauerhafte Erholung geweckt. Allerdings schwächt sich der Aufschwung in den meisten Ländern bereits wieder ab, bevor er in den bislang noch schrumpfenden Volkswirtschaften begonnen hat. Der Forderungsspezialist Coface kommt in seinem jüngsten Risikoüberblick für die Euro-Zone daher zu einer verhaltenen Wachstumsprognose von 1,1% für 2011 nach 1,2% für das laufende Jahr. Insbesondere das Rating von Irland (A3) wird von Coface inzwischen mit einem negativen Ausblick versehen, da sich die leichte wirtschaftliche Erholung des ersten Halbjahres wohl nicht fortsetzen wird. Die zusätzlichen Kosten der Bankenrettung werden das Land wohl anhaltend belasten. Die Unternehmen bleiben finanziell angeschlagen, und die Zahl der Insolvenzen hat sich deutlich stärker als im europäischen Durchschnitt erhöht.

Spanien und Portugal weisen ähnliche Zahlungsrisiken auf, das Rating A3 für diese Länder steht ebenfalls unter Beobachtung für eine Abwertung. In Spanien bleibt die Wirtschaft durch hohe Arbeitslosigkeit, zurückhaltende Inlandsnachfrage und vorsichtige Kreditvergabe im Wartestand. Nach einem Höchststand der von Coface registrierten Zahlungsausfälle im Sommer 2009 steigen die Insolvenzzahlen derzeit immer noch an.

Italien wird von Coface ebenfalls mit A3 bewertet, der Ausblick weist jedoch auf eine stabile Bewertung hin. Zwar leidet das Land ebenfalls unter einer schwachen Inlandsnachfrage und einer geringen Wettbewerbsfähigkeit der Exporte. Doch die Industrie erholt sich, und die Zahlungsausfälle gingen nach den Erkenntnissen von Coface im ersten Halbjahr 2010 deutlich zurück.

Mit einem positiven Ausblick hat Coface das Rating von Großbritannien (A3) im Juli 2010 versehen, da sich seine Wirtschaft stärker erholt als die anderer Länder dieser Risikokategorie. Von der Abwertung des Pfund haben die Exporte jedoch noch nicht deutlich profitiert. Die Insolvenzzahlen sind zwar gesunken, liegen jedoch noch über dem Vorkrisenniveau.

Die besten Aussichten auf die Spitzenbewertung A1 hat derzeit Deutschland, das ebenso wie seine Nachbarländer Frankreich, Niederlande und Österreich seit Januar 2010 ein Rating von A2 mit positivem Ausblick aufweist. In all diesen Ländern hat sich die Konjunktur deutlich erholt, und die Zahlungsrisiken sind gesunken.

Geringe Zahlungsrisiken sieht Coface innerhalb Europas vor allem in der Schweiz und in Schweden, die beide ihre Vorkrisenbewertung von A1 bereits wieder erreichten.

Textkasten: Luftfracht unter Kontrolldruck

Auf den Fund von explosiven Frachtstücken aus dem Jemen haben die europäischen Regierungen mit einer Initiative zur Verschärfung der Kontrollen von Frachtlieferungen im Flug­verkehr reagiert. So verhängte die Bundesregierung zunächst einen Stopp für alle Flüge aus dem Jemen. Doch auch im Frachtflugverkehr mit anderen Ländern drohen deutliche Ver­zögerungen und Zusatzkosten. So haben neben den USA auch Großbritannien, die Niederlande und Kanada Frachttransporte aus dem Jemen und zum Teil aus Somalia untersagt.

Vorbild für eine umfassende Kontrolle des Luftfrachtverkehrs könnten die im Seeverkehr mit den USA geltenden Sicherheitsbestimmungen für Frachtcontainer sein. Diese sehen die Untersuchung jedes Containers mittels Röntgenscanner vor. Eine komplette Durchleuchtung der Luftfracht wird von deutscher Seite jedoch als unrealistisch abgelehnt.

Eine schärfere Kontrollpflicht würde die deutschen Luftfrachtdienstleister inmitten eines starken Aufschwungs belasten. In Deutschland wurden im 1. Halbjahr 2010 insgesamt 1,93 Mio t Fracht für den Lufttransport umgeschlagen. Gegenüber dem Vorjahr betrug der Zuwachs 28%. Aus dem Jemen kamen lediglich 190 t. Im Seeverkehr erreichte der Fracht­umschlag im ersten Halbjahr 2010 mit 138 Mio t zwar ein weitaus größeres Volumen, der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr betrug jedoch lediglich 8%. Der Containerumschlag erreichte 6 Mio TEU, das ist ein Anstieg um 6%.

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