Mexiko und die EU haben im April eine Grundsatzvereinbarung über die Erweiterung des seit 2000 bestehenden Handels­abkommens getroffen. Die Gespräche mit Japan befinden sich auf der Zielgeraden. Weitere Beschlüsse könnten bald folgen. Welche EU-Industrien profitieren von den möglichen neuen Handelsbündnissen? Wie ist es um die Zahlungsmoral der potentiellen Exportpartner in Südamerika und Asien bestellt?

Beitrag in der Gesamtausgabe

Angesichts der protektionistischen Bestrebungen der USA forciert die EU ihre Verhandlungen über eine Reihe von Handelsabkommen mit Ländern in Südamerika und Asien. Mit Mexiko hat die EU-Kommission nur noch Einzelheiten für die Modernisierung des bestehenden Abkommens zu klären. Die Verhandlungen mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay befinden sich in der Endphase. Widerstand kommt von den EU-Landwirten. Die Rindfleischproduktion in Südamerika ist deutlich günstiger und wird zum EU-Wettbewerbsnachteil. Zwischen Japan und der EU könnte 2019 die größte Freihandelszone der Welt entstehen. Im ­Sommer dieses Jahres soll die Einigung, die beide Seiten erzielt haben, ratifiziert werden. Auch die Abkommen, die die EU mit Singapur und Vietnam getroffen hat, sind ausgehandelt, nur die Ratifizierung steht noch aus.

Bei den aktuellen EU-Verhandlungen geht es unter anderem um die Reduzierung von Zöllen und die Einführung von neuen bzw. weiteren, bilateral geltenden Standards und Regularien. Japan, die Mercosur-Staaten, Mexiko, Singapur und Vietnam bieten Exporteuren enorme Möglichkeiten für Zusatzgeschäft. Besonders großes Geschäftspotential ergibt sich für produzierende Industrien, sollten die Abkommen zustande kommen.

Gerade deutsche Anbieter mit ihren international anerkannten Produkten profitieren vom Abbau der Handelsbarrieren mit den Nationen. Vor allem der hiesigen Automobilbranche, dem Maschinenbausektor sowie der Chemie- und Pharmaindustrie würden durch die Handelsbündnisse zusätzliche Absatzchancen eröffnet. Bauunternehmen und Anbieter von Konsumgütern könnten ebenfalls profitieren.

Vielfältige Chancen für Europas Industrie

Japan

Sollte die größte Freihandelszone der Erde 2019 an den Start gehen, würde dies zahlreichen produzierenden EU-Industrien wie dem Automobilsektor, der Chemie- und Pharmabranche, dem Maschinenbau, der Konsumgüterindustrie sowie der Lebensmittel- und der Baubranche den Zugang zum Markt in Fernost wesentlich erleichtern. Mit 127 Millionen Einwohnern und einem BIP von etwa 4,6 Bill EUR ist Japan die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Mercosur

Das „Mercosur-Staaten-Abkommen“ würde vor allem europäischen Automobil-, Chemie- und Maschinenbaufirmen Vorteile im internationalen Wettbewerb verschaffen. Die Verhandlungen sollen bis Ende 2018 abgeschlossen sein. Bislang sind die südamerikanischen Märkte relativ geschlossen und weisen hohe Eintrittsbarrieren auf. Mit dem geplanten Abkommen würde sich den hiesigen Exporteuren ein Markt mit einem Gesamtvolumen von derzeit 2,6 Bill EUR weiter öffnen.

Mexiko

Im Jahr 2000 traf die EU eine Vereinbarung mit Mexiko, die hauptsächlich Geschäfte mit industriellen Gütern umfasst. Diese wird jetzt unter anderem um Agrar- und Lebensmittelprodukte, Dienstleistungen sowie staatliche Aufträge erweitert. Für die neuen Verträge sind zudem weitere Arbeitsrechts- und Umweltstandards geplant. Für europäische Automobilfirmen würde es dadurch attraktiver, in mexikanische Produktionsstätten zu investieren. Auch im Energie- und im Bausektor würden sich für europäische Unternehmen Chancen ergeben.

Singapur

Beim Freihandelsabkommen mit dem Inselstaat geht es um die Erweiterung der Geschäftsmöglichkeiten der Partner in den Branchen Finanzen, Dienstleistungen, Transport und Telekommunikation. Die EU-Kommission hat in den vergangenen Tagen neue Texte zur Ratifizierung durch ihre Mitglieder vorgelegt.

Vietnam

2016 schloss die EU die Verhandlungen mit Vietnam über den weitreichenden Abbau von Handelsbarrieren erfolgreich ab. In Sommer ist die Vorlage des Entwurfs in EU-Rat und EU-Parlament geplant. Das Abkommen erleichtert vor allem der chemischen und pharmazeutischen Industrie, den Herstellern von Konsumgütern, Lebensmittelanbietern sowie Maschinenbaufirmen den Marktzugang. Derzeit importiert der südostasiatische Staat jährlich Waren im Wert von 9,6 Mrd EUR aus der EU.

Das Erschließen neuer Märkte birgt natürlich auch Risiken für Exporteure, ins­besondere wenn sie noch keine Erfahrungen mit dem Zahlungsverhalten vor Ort haben. Atradius hat sich daher auch das Zahlungsverhalten der genannten Länder angeschaut. Die Analyse zeigt, dass einige potentielle Partner ein hohes Zahlungsrisiko bergen.

Hohe Zahlungsrisiken in Argentinien, Brasilien und ­Vietnam

Angesichts der Ausarbeitung der verschiedenen Abkommen verweist Atradius auf erhebliche Zahlungsrisiken in diesen Ländern:

Bei Geschäften mit Unternehmen in Argentinien besteht große Unsicherheit für Lieferanten und Dienstleister. Das Land befindet sich in einer fragilen wirtschaftlichen Erholungsphase. Es könnte kurzfristig wieder in einen Abwärtstrend geraten, u.a. aufgrund der anhaltend hohen Inflation. Die Möglichkeiten von Präsident Macri, der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung politisch entgegenzuwirken, sind eingeschränkt. Für Reformen benötigt er die Zustimmung der Opposition.

In Brasilien sollten sich Exporteure vorab ein genaues Bild der Bonität ihrer Abnehmer machen. Das Insolvenzvolumen am Zuckerhut ist im Zuge der wirtschaftlichen Erholung seit 2015 gesunken, bewegt sich allerdings auf einem sehr hohen Level im Vergleich mit dem anderer Schwellenmärkte. Hinzu kommen die anhaltenden politischen Unsicherheiten infolge des Petrobras-Skandals.

Für Vietnams Wirtschaft werden für die nächsten Jahre solide Wachstumsraten prognostiziert. Das Zahlungsausfallrisiko ist jedoch beträchtlich. Exporteure sind oft mit Korruption konfrontiert. Ein Großteil der südostasiatischen Firmen ist in Staatsbesitz und damit finanziell schlecht ausgestattet. Der Bankensektor leidet unter einer hohen Last durch notleidende Kredite.

Weiterführende Informationen finden Sie im Report auf www.atradius.de.

thomas.langen@atradius.com

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