Auf den ersten Blick entwickelt sich die Chemiebranche in vielen Ländern zufriedenstellend bis ausgezeichnet. In den meisten ­Teilsektoren verzeichnen die Unternehmen kontinuierliches Wachstum und allgemein robuste Geschäftszahlen. Das Zahlungsverhalten ist meist gut, Insolvenzen sind seltener als in anderen Wirtschaftszweigen. Für europäische Chemieunternehmen, deren Geschäftszahlen noch zufriedenstellend sind, erhöht sich der internationale Konkurrenzdruck vor allem aus den USA und China.

Von Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa, Atradius Kreditversicherung

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Wachsende Konkurrenz

Generell sind Chemiebetriebe stark von Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten und von der weltwirtschaftlichen Situation abhängig. Doch im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen profi­tieren sie von höheren Marktzugangshemmnissen und einem breitgefächerten Kundenportfolio aus Industrie und Endverbrauchern. Allerdings werfen Veränderungen ihre Schatten voraus – vor allem für europäische Chemieunternehmen, deren Geschäftszahlen noch zufriedenstellend sind.

In einigen Segmenten erhöht sich der internationale Konkurrenzdruck, vor allem aus China und den USA. Die neu erschlossene Ressource Schiefergas und die boomende Nachfrage nach Erdgaskondensaten haben die USA im weltweiten Vergleich zu einem Billiganbieter gemacht. Die Folge: Global geraten die Verkaufspreise unter Druck. Gleichzeitig müssen die Chemieunternehmen in Europa und andernorts der Tatsache ins Auge blicken, dass der US-Anteil an den weltweiten Investitionen im Chemiesegment seit einigen Jahren steigt. Damit verschaffen sich die amerikanischen Chemiekonzerne einen bleibenden strategischen Vorsprung. Obwohl die Teil­sektoren, die mit Petrochemie und Energie in Verbindung stehen, derzeit unter den sinkenden Ölpreisen leiden, dürfte sich die gesamte US-Branche langfristig beträchtliche Wettbewerbsvorteile erobern.

USA profitieren von Schiefergas

Die US-amerikanische Chemieindustrie mit über 800.000 Beschäftigten hat einen Anteil von rund 15% an der weltweiten Chemieproduktion. Im Jahr 2014 trug sie rund 12% zu den Ausfuhren der US-Wirtschaft bei. Die Chemiebranche liefert ein breites Spektrum an Erzeugnissen, die in rund 95% aller in den USA gefertigten Waren zur Anwendung kommen. Daher ist sie extrem abhängig von der allgemeinen wirtschaftlichen Situation und der Industrieproduktion. Die Entwicklung des Chemiesektors folgt in der Regel jener des Bruttoinlandsprodukts.

Das BIP wird laut Prognosen 2015 um 2,5% und 2016 nochmals um 2,8% steigen. Nach einem Plus von 2% im Vorjahr wird die US-Chemieproduktion 2015 voraussichtlich um 3,7%, 2016 um 3,9% und somit stärker als die Gesamtwirtschaft wachsen. Durch die Schiefergasförderung profitieren die US-Chemieunternehmen von preislichen Wettbewerbsvorteilen. Trotz des starken US-Dollar – seit Mai 2014 wertete er im Vergleich zum Euro um 25% auf – hat diese neue Wettbewerbsfähigkeit die Nachfrage aus dem Ausland beflügelt. Zudem befeuert sie Investitionen: Seit 2011 hat sich der US-Anteil an den weltweiten Investitionen in die Chemieindustrie erhöht – ein Trend, der anhalten wird. 2014 lagen die Investitionen bei 36,3 Mrd USD. Bis 2019 sollen sie Berechnungen zufolge auf 49 Mrd USD jährlich steigen und lägen dann doppelt so hoch wie 2009.

Die Kreditwürdigkeit der US-amerikanischen Chemiekonzerne blieb 2014 stabil. Das billige Erdgas, das für viele Produktionsprozesse benötigt wird, hat Entwicklungen in der petrochemischen Industrie und ihren Abnehmerbranchen (z.B. Veredelung, Düngemittelherstellung) vorangetrieben. Die petrochemische Industrie der USA kann ihre günstige Position am Weltmarkt behaupten, sogar wenn die Ölpreise und die ölabhängigen Rohstoffpreise sinken. Weil die petrochemischen Erzeugnisse in gewissem Umfang an die Ölpreise gekoppelt sind, schlagen die niedrigen Ölkosten bei bestimmten Produkten und Firmen als Ertragseinbußen zu Buche. Insgesamt jedoch ist die Nachfrage nach erdgasbasierten Rohstoffen im Land weiterhin positiv. Der gesamte Wirtschaftszweig profitiert von geringeren Betriebskosten, die sich aus Umstrukturierungen, allgemein hohen Barguthaben und verbesserten Fälligkeitsprofilen ergeben. Mehr als 85% der US-Chemieunternehmen werden von Standard & Poor’s mit „BB“ bewertet.

Die Margen der Firmen bewegen sich auf stabilem Niveau, und die Zahlungsverzögerungen sind gering. Im Chemiesektor werden Rechnungen durchschnittlich innerhalb von 30 bis 90 Tagen beglichen. Seit 2014 sind die Insolvenzzahlen rückläufig – ein Trend, der sich 2015 wohl fortsetzen wird.

China kämpft mit Überkapazitäten

Die chinesische Chemieindustrie tritt in eine Phase des verlangsamten, nach wie vor jedoch soliden Zuwachses ein. Gleichzeitig gibt das Wirtschaftswachstum des Landes nach. Auf ein Plus von 7,4% im Jahr 2014 werden für 2015 nur noch 6,5% er-wartet. Nach 8,8% im Vorjahr wird die Produktion der Chemieindustrie 2015 wohl um 8,5% steigen. Angesichts anschwellender Überkapazitäten gerät dieser Industriezweig immer mehr unter Druck – zumal die Nachfrage aus wichtigen Abnehmerbranchen abflaut, während die Produk­tionskapazitäten ausgebaut werden. Die Auslastung in der Ethylenproduktion lag 2014 zum Beispiel bei rund 70%.

Aufgrund der investitionsorientierten Wachstumsstrategie, die in der Vergangenheit zu einem exzessiven Bau von neuen Produktionswerken führte, besteht in vielen Teilsektoren ein Angebotsüberhang. Und noch immer bauen Sinopex, PetroChina, CNOOC und andere Staatsunternehmen zahlreiche Produktionsanlagen von teils immenser Größe.

Einige Teilsektoren legen 2015 voraussichtlich deutlicher zu als andere: Die Nachfrage nach Automobilen könnte die Produktion von Synthesekautschuk und Polyurethan ankurbeln. In der Kunststoffproduktion flauen die hohen Wachstumsraten der vergangenen Jahre langsam ab. Gründe sind die Abkühlung des Immobilienmarktes und rückläufige Konsumausgaben. Das Abebben der Bautätigkeit bekommen auch die Hersteller von PVC-Erzeugnissen wie Fenstern und Polymerschläuchen zu spüren. Weil jedoch die Regierung Maßnahmen zum Abbau der Überkapazitäten bei chinesischen PVC-Herstellern plant, dürfte sich der Nachfragerückgang nicht übermäßig auf die PVC-Preise auswirken.

Obwohl der Staat die Implementierung von westlichem Know-how vorantreibt, wird der wirtschaftliche Fortschritt der chinesischen Chemieindustrie durch ihren technologischen Rückstand ge-bremst. Viele chinesische Firmen investieren zu wenig in eigene Forschung und Entwicklung und sind daher sehr abhängig von Technologieimporten. Kleinen chinesischen Chemiebetrieben fehlt es an Effizienz, um mit großen Playern mithalten zu können. Zudem produzieren die meisten Anbieter Billigprodukte, die nur schmale Margen abwerfen.

Die Industrialisierung und Urbanisierung Chinas eröffnet der Chemieindustrie langfristig weitere Wachstumschancen, zumal die boomende Mittelschicht höherwertige Erzeugnisse verlangt. Infolge verschärfter Umweltprobleme hat der chinesische Staat die Errichtung von kleinen und umweltgefährdenden Chemiewerken beschränkt. Dieses Verbot trifft zahlreiche lokale Unternehmer, die in den vergangenen Jahren kleine Anlagen gebaut haben, deren Technik meist veraltet, ineffizient und umweltgefährdend ist.

Im Vergleich zur Stahl- und Textilindustrie sind Bonität und Liquidität im Chemie­sektor offenbar generell besser. Rechnungen werden durchschnittlich nach 60 bis 90 Tagen beglichen; im laufenden Jahr ist nicht mit einer Zunahme der Zahlungsverzögerungen und Forderungsausfälle zu rechnen. Allerdings leiden kleine privatwirtschaftliche Chemiefirmen mit geringer Wertschöpfung oftmals unter schmalen Erträgen, die in Liquiditätsschwierigkeiten münden können. Darüber hinaus sind sie am häufigsten von Umweltschutzmaßnahmen betroffen, etwa wenn Anlagen, die bestimmte Auflagen nicht erfüllen, außer Betrieb genommen oder stillgelegt werden.

Der MarktMonitor Chemieindustrie steht unter www.atradius.de zum kostenlosen Download bereit.

Kontakt: thomas.langen@atradius.com

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