Brasilien stellt die Weichen für den Aufschwung. Die Rentenreform dürfte im September verabschiedet werden. Sie entlaster den Staatshaushalt und setzt Mittel z.B. für Investitionen in die Infrastruktur frei. Im kommenden Jahr ist dann eine Steuerreform geplant, die private Investitionen fördern dürfte.

Exporte nach Brasilien sind dort mit hohen Zöllen belegt. Unternehmen wie delta pronatura sind mit ihren Produkten auf dem brasilianischen Markt daher aktuell kaum wettbewerbsfähig. Mit dem Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur sollen die Zölle deutlich sinken. Wann die Zollsenkungen in Kraft treten, war eine der intensiv diskutierten Fragen auf dem diesjährigen ExportManager-Forum, das der ExportManager am 4. September 2019 gemeinsam mit LIDE Deutschland und der Santander Consumer Bank veranstaltete.

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Marcos Prado Troyjo,  Keynote-Sprecher auf dem ExportManager-Forum 2018 und inzwischen Sekretär für internationalen Handel im brasilianischen Wirtschaftsministerium, hatte eine schnelle Umsetzung der Zollsenkungen angekündigt. Sie würden schneller kommen, als viele glaubten, zitierte ihn Fabiana Oscari-Bergs, Geschäftsführerin von LIDE Deutschland. Die Redner auf dem diesjährigen Forum veranschlagten die Umsetzungsdauer auf fünf bis zehn Jahre.

Brasiliens Reformen kommen voran

In seiner Keynote betonte Bernhard Kunsmann, CFO der Cronimet Holding, dass die Grundlage für eine Belebung der brasilianischen Wirtschaft gerade gelegt werde. Die Rentenreform dürfte im September verabschiedet werden. Sie entlaste den Staatshaushalt und setze Mittel z.B. für Investitionen in die Infrastruktur frei. Im kommenden Jahr sei dann eine Steuerreform geplant, die private Investitionen fördern dürfte. Gemeinsam mit den beginnenden Privatisierungen würde dies die brasilianische Wirtschaft beleben.

Die Zustimmung zur Rentenreform sei in der Bevölkerung relativ hoch. In einer Umfrage vom Juli 2019 hätten sie 47% der Befragten als vorteilhaft beurteilt, mehr Nachteile hätten 44% gesehen. Damit habe sich die Stimmung gegenüber April 2019 zugunsten der Reform verändert. Dagegen nehme die Unterstützung für Präsident Bolsonaro weiter ab, nur noch eine Minderheit bewerte seine Arbeit im ersten Halbjahr seiner Präsidentschaft als positiv. Allerdings sei er von einer Reihe sehr guter Minister umgeben, die das Reformprogramm professionell umsetzten, meinte Kunsmann.

Auch wenn die Reformen auf einem guten Weg seien, könne ein Scheitern der Rentenreform eine Finanzkrise in Brasilien auslösen, gab Kunsmann zu bedenken.

Handelsabkommen holt Brasilien aus der Binnenorientierung

„Brasilien bekommt eine neue DNA“, hatte Marcos Prado Troyjo bereits auf dem ExportManager-Forum 2018 angekündigt. Zu dieser wirtschaftlichen Neuausrichtung gehört außer den genannten Reformen auch die Öffnung der Wirtschaft durch den Abschluss von Handelsabkommen. Die Einigung der Mercosur-Staaten mit der EU und der EFTA auf eine gegenseitige Marktöffnung bietet Brasilien neue Exportmöglichkeiten und senkt die Importkosten.

Als Mitglied der Regierung Bolsonaro erläuterte Troyjo in einigen öffentlichen Vorträgen die neue Handelspolitik: Die brasilianische Wirtschaft müsse einem stärkeren Wettbewerb ausgesetzt werden, um ein anhaltendes Wachstum zu erzeugen. Präsident Bolsonaro möchte den Anteil des Außenhandels an der Wirtschaftsleistung Brasiliens von aktuell lediglich 25% bis zum Jahr 2022 auf 30% erhöhen.

Bernhard Kunsmann wies in seiner Keynote darauf hin, dass das EU-Mercosur-Abkommen über die wirtschaftlichen Vereinbarungen zur Marktöffnung hinaus auch eine Stärkung des politischen Dialogs sowie die Zusammenarbeit in wichtigen Bereichen wie z.B. Migration, digitale Wirtschaft, Forschung und Bildung, Menschenrechte, unternehmerische und soziale Verantwortung vorsehe.

Erfolgsfaktoren in Brasilien

Beim Aufbau des Geschäfts in Brasilien machte Kunsmann einige unangenehme Erfahrungen. So hatte der erste Geschäftsführer – ein Brasilianer mit einem hervorragenden Netzwerk – guten Schrott auf eigene Rechnung verkauft. Er wurde durch einen deutschen Geschäftsführer ersetzt, der das Unternehmen zwar ganz im Stil der Muttergesellschaft organisierte, jedoch zahlreiche Kunden verlor. Die richtige Mischung war dann der dritte Geschäftsführer, der Brasilianer mit internationaler Erfahrung ist.

Für den Erfolg in Brasilien bedarf es nach Kunsmanns Erfahrung auch einer strengen Durchsetzung der Compliance. Behördenvertreter würden immer wieder versuchen, Entscheidungen mit Geldzahlungen zu verknüpfen. Dagegen helfe die sofortige Einschaltung eines Rechtsanwalts. Das mache auch bei den Mitarbeitern Eindruck, hob Kunsmann hervor.

Transparenz und stabile Finanzen

Anteilseigner und Stakeholder müssten das oftmals volatile Engagement in Brasilien mittragen, rät Kunsmann. Dazu gehöre z.B. die Überbrückung einer Abwertungsphase mit US-Dollar-Darlehen. Wichtig seien Offenheit und Transparenz. So habe Cronimet auch schwierige Phasen überstanden und investiere jetzt wieder in Brasilien.

Für die Finanzierung der Aktivitäten setzt Kunsmann auf die großen Banken vor Ort, die auch zur Annahme von Steuerzahlungen berechtigt sind. Die Finanzierung in Brasilien sei immer noch vergleichsweise teuer. Daher seien Kredite der Muttergesellschaft eine Option, die Laufzeit müsse aber über sechs Monate betragen. Bei Zinszahlungen, Kapitalrückführungen und Dividenden müssten Sonderregelungen beachtet werden. Es bestehe kein Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Brasilien.

„Neue Marktchancen in Lateinamerika“ sind auch Thema eines Workshops am „Tag der Exportweltmeister“, der am 22. Oktober 2019 in Mannheim stattfindet.

gunther.schilling@frankfurt-bm.com

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