Die Wirtschaft Brasiliens hat weiterhin ein großes Potential und bietet Exporteuren viele Chancen. Allerdings kommt die Konjunktur nach der großen Rezession nur langsam in Schwung. Das spiegelt sich auch in der Zahlungsmoral vieler Unternehmen wider. Die Folge: ausbleibende Zahlungen im B2B-Geschäft. Baufirmen, Elektronikanbieter und Dienstleister sorgen für die meisten abgeschriebenen Forderungen.

Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)

Auf den ersten Blick klingt Brasilien nach einem verlockenden Markt für Exporteure. Die Volkswirtschaft des größten südamerikanischen Staates ist gut diversifiziert. So verfügt das Land beispielsweise dank namhafter internationaler Hersteller und zahlreicher Zulieferer über eine große Automobilindustrie, die die Wirtschaft stützt.

Brasilien ist weltweit auch eine der größten Bergbaunationen und profitiert von seinen reichhaltigen Bodenschätzen. Die Landwirtschaft ist vielseitig, als Agrarnation ist Brasilien der größte Exporteur von Zucker, Kaffee, Fleisch, Sojabohnen, Orangensaft und Tabak. Ebenso verfügt das Land über eine vergleichsweise gut entwickelte verarbeitende Industrie. Auch hat ein Großteil der Bauunternehmen aus dem lateinamerikanischen Raum seinen Firmensitz in Brasilien.

Die fünf größten Exporteure Brasiliens kommen aus den Bereichen Lebensmittel, Pflanzen, Maschinen und elektronische Geräte, Mineralien und Transport. Deutschland ist das fünftgrößte Abnehmerland brasilianischer Produkte. Daneben werden die meisten Produkte nach China, in die USA, nach Argentinien und in die Niederlande exportiert. Brasilien verfügt über einen starken Erdölsektor. 2008 wurden am Zuckerhut umfangreiche Rohöl- und Erdgasvorkommen erschlossen. Allein die brasilianische Mineralölgesellschaft Petrobras fördert pro Tag mehr als 2 Mio Barrel Rohöl.

Hemmschuh der Wirtschaft: politische Krisen

Aber schaut man genauer hin, dann wird deutlich, dass Brasilien nach der Rezession in den Jahren 2015 und 2016 nur langsam in Schwung kommt. Atradius geht für dieses Jahr von einem BIP-Wachstum von 2,0% aus. Damit schöpft die Volkswirtschaft ihr Potential bei weitem noch nicht aus. Ursache hierfür sind vor allem politische Krisen. So brachte jüngst der Streik der brasilianischen Lkw-Fahrer – ausgelöst durch eine Anhebung der Kraftstoffpreise von Petrobas – den Warenfluss im Land nahezu zum Erliegen. Die Stimmung im Land hat sich in der Folge des Streiks merklich eingetrübt. Das Vertrauen von Unternehmen, Investoren und Konsumenten ist nachhaltig gesunken.

Preissteigerungen sorgen für Unruhe in der Wirtschaft

Nicht nur der Streik und die hohen Kraftstoffpreise belasten. In Brasilien wird der Großteil der Güter über die Straße transportiert. Die Einführung von Mindesttarifen bei Frachten verteuerte den lokalen Transport von Waren zuletzt zusätzlich, was insbesondere den Agrarsektor trifft, da dieser auf die Landtransporte angewiesen ist.

Die Transportkosten erhöhten sich um circa 30%, in frachtintensiven Branchen wie der Landwirtschaft kann die prozentuale Teuerung sogar noch darüber liegen. Das kurzfristige Ausweichen auf andere Transportwege bringt nur bedingt eine Verbesserung für die aktuelle Situation in den Unternehmen und muss längerfristig geplant werden.

Zahlungsmoral verschlechtert sich

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des 200-Millionen-Einwohner-Landes spiegelt auch die sich verschlechternde Zahlungsmoral wider. Das geht aus dem aktuellen Zahlungsmoralbarometer von Atradius für Brasilien, Kanada, Mexiko und die USA hervor.

Unsere Umfrage ergab, dass 2,5% der B2B-Forderungen für brasilianische Unternehmen nicht einziehbar waren und nur noch als Totalverlust verbucht werden konnten. Im Vorjahr war der Wert bereits genauso hoch. Zum Vergleich: Bei den befragten Unternehmen in den USA (1,3%), Kanada (1,5%) und Mexiko (2,0%) war dieser Wert deutlich geringer. Am häufigsten mussten dabei Forderungen von Elektronik- und Bauunternehmen sowie bei Dienstleistungsanbietern abgeschrieben werden.

Als Grund für die Verluste gaben knapp 55% der befragten Studienteilnehmer die Insolvenz ihrer Geschäftspartner an. Handelt es sich um den Totalverlust der Forderungen bei einem wichtigen Abnehmer, kann das auch den Gläubiger in Liquiditätsengpässe bringen, wenn fest mit dem Eingang der Forderung kalkuliert wurde. Auch die Forderungshöhe ist entscheidend. Atradius geht davon aus, dass die Insolvenzen am Zuckerhut 2018 zwar aufgrund der leichten wirtschaftlichen Erholung etwas zurückgehen werden, aber noch auf einem hohen Level im Vergleich zu den Vorkrisenjahren bleiben werden.

Auch Zahlungsverzögerungen ­können zum Problem werden

Nicht nur ein Forderungsverlust, sondern auch schon eine Zahlungsverzögerung kann Firmen in finanzielle Schieflage ­bringen, wenn hohe Summen auf dem Spiel stehen. Knapp ein Viertel der be-fragten brasilianischen Firmen gab an, dass sie während des Befragungszeitraums Einnahmeverluste aufgrund von Zahlungsverzögerungen ihrer Geschäftspartner erlebt hätten. Für viele brasilianische Unternehmen dürfte dieses Risiko auch in den kommenden Monaten bestehen bleiben: Rund 44% erwarten einen leichten bis beträchtlichen Anstieg ihrer Days Sales Outstanding (Forderungslaufzeit).

Diese Branchen zahlen ihre Rechnungen am spätesten

Schaut man sich an, in welchen Branchen die schlechteste Zahlungsmoral in Brasilien herrscht, so bilden die Firmen aus der Baubranche und Konsumgüterhersteller das Schlusslicht. Beide Sektoren sind mit 60 und 65 Tagen, die zwischen der Zahlungsfrist und dem Zahlungseingang verstreichen, für die längsten Zahlungsverzögerungen verantwortlich. Sie gehören damit zu den langsamsten Zahlern der Studie.

Als Gründe für die schlechte Zahlungsmoral gaben die befragten Unternehmen an, dass es ihren Kunden aus der Baubranche häufig an den nötigen finanziellen Mitteln fehle. Firmen der Konsumgüterindustrie könnten aufgrund des ineffizienten Bankensystems ihre Rechnungen häufig nicht rechtzeitig bezahlen.

Für die Studie wurden mehr als 850 Unternehmen aus Brasilien, Kanada, Mexiko und den Vereinigten Staaten befragt. Die Studienteilnehmer stammen aus den Sektoren Fertigung und Produktion, Dienstleistungen, Groß- und Einzelhandel sowie Vertrieb.

Deutsche Exporteure sollten vor einem Geschäftsabschluss die nötigen Vorkehrungen treffen

Im Ranking der Hauptlieferanten von Waren und Dienstleistungen belegt Deutschland in Brasilien den dritten Platz. Im lateinamerikanischen Raum ist Brasilien Deutschlands wichtigster Handelspartner. Aufgrund der weiterhin hohen Unsicherheiten in der brasilianischen Wirtschaft raten wir Exporteuren, die Bonität ihrer Abnehmer regelmäßig zu überprüfen und ihre Forderungen beispielsweise durch eine Kreditversicherung abzusichern.

Die gesamte Studie finden Sie zum Download auf www.atradius.de.

thomas.langen@atradius.com

 

Aktuelle Beiträge