Die Auswirkungen des Kampfes gegen die Verbreitung des Coronavirus dürfte in den Sektoren Automobil sowie Elektronik und IKT am stärksten sein. Außerhalb Chinas wird in den genannten Sektoren mit Störungen der Lieferkette gerechnet, da der Weltmarkt stark von Gütern aus China abhängt.

Das Coronavirus verbreitet sich in und außerhalb Chinas und schränkt das gesellschaftliche Leben vielerorts ein. Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen sind erheblich und weitreichend. Neben dem Konjunkturschock im Inland durch sinkende Konsumnachfrage, Produktionsstilllegung und die Lähmung des Transports betrifft der Ausbruch Unternehmen außerhalb Chinas auch auf anderen Wegen.

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In China stellen die von Produktionsschließungen betroffenen Provinzen den Großteil der verarbeitenden Industrie. Obwohl der Arbeitsalltag in China nach der offiziell verordneten Verlängerung der Werksferien um das chinesische Neujahrsfest um eine Woche am 10. Februar wieder begonnen hat, haben viele Unternehmen die Produktion noch nicht wieder aufgenommen, um Ansteckungen zu verhindern, oder zurückkehrende Mitarbeiter werden unter längere Quarantäne gestellt. Während die Bewegungsfreiheit der Arbeiter von den lokalen Behörden noch immer eingeschränkt wird, sind Personalengpässe zu beobachten. Eine Prognose, wann der Geschäftsbetrieb wieder zur Normalität zurückkehrt, ist unmöglich.

Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft

Ausgehend vom Branchenmix der betroffenen Provinzen, dürften die Auswirkungen in den Sektoren Automobil sowie Elektronik und IKT am stärksten sein. Bei Elektronik und IKT wird erwartet, dass die Lieferungen von Geräten wie Grafikkarten und Motherboards einbrechen werden. Smartphone-Hersteller sind sowohl auf der Nachfrageseite durch die Lähmung des Konsums als auch auf der Produktionsseite von Werksschließungen stark belastet. Beispielsweise sitzt mehr als ein Drittel der Zulieferer von Apple in von Werksschließungen betroffenen Städten. In der Automobilindustrie blieben die meisten Montagewerke und Teilelieferanten in China bis zum 10. Februar geschlossen. In der Zwischenzeit haben einige die Produktion wieder aufgenommen, während andere weiterhin geschlossen bleiben. Die Produktion in der Textilindustrie und im Schwermaschinenbau ist ebenfalls erheblich beeinträchtigt.

Während bei den Dienstleistungen vor allem der chinesische Einzelhandel und die Gastronomie stark unter Druck stehen, waren insbesondere Transport- und Fluggesellschaften unmittelbar von den Reisebeschränkungen und der Angst der Passagiere betroffen. Berichten zufolge haben chinesische Fluggesellschaften zwei Drittel ihrer Maschinen stillgelegt, und unter Druck geratene Unternehmen suchen nach Lösungen zur Refinanzierung.

Auswirkungen auf die Weltwirtschaft

Außerhalb Chinas wird in den genannten Sektoren mit Störungen der Lieferkette gerechnet, da der Weltmarkt stark von Gütern aus China abhängt. Beispielsweise kommen weltweit rund 25% aller Exporte von elektrischen Maschinen und Geräten aus China. Konkret veranlasste der Ausbruch Hyundai, die Produktion in Südkorea vorübergehend zu stoppen, weil den Werken die chinesischen Teile aus­gingen. Mitte Februar wurde auch berichtet, dass Fiat Chrysler die Produktion in Serbien wegen Unterbrechungen bei der Lieferung von Teilen des Audiosystems vorübergehend eingestellt hat. Auch aus Textilfabriken in Vietnam und Bangladesch wird über Schwierigkeiten beim Versand von Materialien aus China berichtet.

Neben den Störungen in den Lieferketten aufgrund fehlender Zwischenerzeugnisse aus China ist auch mit einem Rückgang der Lieferungen nach China zu rechnen. Chinesische Importe von Zwischenerzeugnissen dürften aufgrund des Einbruchs in der verarbeitenden Industrie zurückgehen. Exporteure von Rohstoffen für China spüren dies bereits schmerzhaft.

Rohstoffpreise und Frachtraten sinken

Führungskräfte einiger der größten chinesischen Raffinerien erwarten für Februar einen Nachfragerückgang bei Rohöl von 25% im Vergleich zum Vorjahr. Dies entspricht 3% des weltweiten Rohölverbrauchs. Infolgedessen sind die Rohölpreise im Sinkflug, der Preis für Brent-Rohöl ist seit Jahresbeginn um etwa 15% gefallen. Chinesische Importeure von Erdgas wie die China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) sowie möglicherweise Sinopec und die China National Petroleum Corporation haben zudem erwogen, die temporäre Aussetzung der Lieferverträge aufgrund höherer Gewalt (Force majeure) zu fordern. Mehrere chinesische Kupferhändler haben unter Berufung auf höhere Gewalt Lieferungen aus Chile und Nigeria ausgesetzt oder verschoben. Es ist zu erwarten, dass sich chinesische Unternehmen zunehmend auf die Anwendung von Force majeure berufen, um die Lieferverträge oder Vertragsbedingungen auszusetzen, da chinesische Behörden das Vorliegen höherer Gewalt schriftlich bestätigen.

Auch die Auswirkungen der Epidemie auf die Schifffahrt machen sich zunehmend bemerkbar. Die Zahl der Ankünfte in den großen chinesischen Häfen ist seit Mitte Januar deutlich zurückgegangen. Viele Containerunternehmen kündigten Leerfahrten nach China an, um eine Ansteckung der Besatzung und die Verbreitung des Virus in andere Häfen zu verhindern (Leerfahrten sind Fahrten, die von einem Spediteur storniert wurden, so dass das Schiff keine Fracht löscht oder lädt). Diese Stornierungen sowie der Stillstand in China bedeuten, dass die für den chinesischen Markt vorgesehenen Container nun entweder auf Schiffen fest­stecken, in anderen Häfen entladen oder dort gelagert werden. Da die sonst zahlreichen Touristen aus China ausbleiben, dürfte nicht zuletzt auch der globale Tourismussektor unter der Angst vor dem Virus leiden. Die Weltwirtschaft trägt also mehr als einen leichten Husten davon. Wie schwer die Folgen sind, wird jedoch von der Dauer des Virusausbruchs abhängen.

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