Energieeffiziente Technologien in die MENA-Region exportieren? Diese Idee erscheint angesichts der stark subventionierten ­Energiepreise dort den meisten deutschen Unternehmen unrealistisch. Ganz allmählich wendet sich das Blatt jedoch. Seit einem Jahr nehmen ägyptische Manager an der Weiterbildung zum Europäischen Energiemanager teil und erkennen die Chancen ­energieeffizienter Verfahren für ihre Betriebe.

Von Dr. Bernhard von der Haar, Leiter Zusammenarbeit mit der verfassten Wirtschaft, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammen­arbeit (GIZ) GmbH

Ständige Energiesubventionen haben in Ägypten dazu geführt, dass weder Unternehmen noch private Konsumenten je darüber nachgedacht haben, ihren Energieverbrauch zu senken. Nach Gebäudedämmung, moderner Antriebstechnik oder isolierten Dampfrohrleitungen sucht man in der Region vergeblich. Allmählich können die Staaten die Subventionen nicht mehr stemmen. Langsam, aber sicher ziehen die Preise an. Nach einer Studie des Elektrizitätsministeriums in Kairo könnten die beiden größten Verbraucher, Industrie und Transport, nach konservativen Schätzungen ihren Energieverbrauch um fast die Hälfte reduzieren und so Kosten sparen.

Ein interessanter Markt also für deutsche Energieeffizienztechnologien, die international den Ruf als Markt- und Innovationsführer genießen. Dies ist durchaus berechtigt. Den Weltmarkt für Brennwerttechnologien von Heiz- und Brennkesseln dominieren deutsche Unternehmen zu nahezu 100%, und auch bei der Systemtechnik zur Nutzung erneuerbarer Energien haben deutsche Firmen die Nase vorn. Doch verkaufen lässt sich nur dort, wo auch eine Nachfrage besteht. Diese facht die Weiterbildung zum Europäischen Energiemanager, kurz EUREM, an.

1999 entwickelte die IHK Nürnberg den Kurs als berufliche Weiterbildung. Innerhalb von einer Dekade avancierte das Programm zu einer internationalen Qualifizierung mit anerkanntem Abschlusszertifikat. Von Mittelfranken breitete sich die Ausbildung über Deutschland, Europa nach China, Mercosur und nun auch Ägypten und Marokko aus. Das Bestechende dabei: Inhalte, Didaktik und Materialien sind auf der ganzen Welt identisch.

In Ägypten liegt die Federführung bei der AHK Kairo. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH beauftragt, das Thema Energieeffizienz in Kooperation mit AHKs in Entwicklungs- und Schwellenländern einzubringen. Das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM), eine Arbeitsgemeinschaft zwischen GIZ und der Bundesagentur für Arbeit, unterstützt diesen Ansatz durch die Vermittlung von Fachkräften an AHKs. Arnulf Knorr, einer dieser Experten, ist bei der AHK Kairo für EUREM verantwortlich und erklärt: „Die Trainer kommen alle aus der Industrie, überwiegend aus hier ansässigen deutschen Unternehmen. Sie ergänzen die Inhalte der Kurse um die spezifischen Bedingungen in Ägypten und führen die Trainings in ihrem Fachgebiet durch.“

Sämtliche relevanten Energiethemen, die in einem Unternehmen auftreten können, behandelt der Kurs. Jeder theoretischen Einheit folgt ein praktischer Abschnitt, in dem die Teilnehmer ihr Wissen an einem Fallbeispiel ausprobieren. Nach dem ersten Kursdrittel fangen sie an, ein Energiekonzept für ihren Betrieb zu erarbeiten. Hier geht es darum, Einsparpotentiale zu identifizieren, Angebote für technisches Equipment einzuholen, die Kosten zu kalkulieren und die Maßnahmen herauszufiltern, die sich innerhalb von wenigen Monaten bis maximal zwei Jahren amortisieren. Knorr bringt es auf den Punkt: „Der Mitarbeiter muss seinem Chef das Projekt und die notwendigen Maßnahmen verkaufen. Das geht nur, wenn sie sich auch rechnen.“

Weltweit hat sich ein Netzwerk von EUREM-Managern etabliert, die virtuell ständig in Kontakt stehen. Persönlich treffen sich die Energieeffizienzspezialisten fast jedes Jahr einmal zu einer großen gemeinsamen Konferenz. Niemand steht mit seinen Fragestellungen allein da, sondern er findet Kollegen, die mit ihrem Wissen weiterhelfen können.

In vielerlei Hinsicht hat EUREM-Ägypten Modellcharakter. Absolvieren Mitarbeiter aus Unternehmen in Europa den Kurs, haben sie das Zertifikat für immer in der Tasche. In Ägypten ist dagegen alle drei Jahre eine Auffrischung gefordert, damit die Energiemanager ihre Zertifizierung nicht verlieren. Dazu müssen sie ein erfolgreich eingeführtes Energieeffizienzprojekt vorstellen oder zwei geplante Pilotprojekte. Darüber hinaus erheben die EUREM-Macher in den Betrieben eine standardisierte Baseline des Energiebedarfs, bevor der Betrieb mit Effizienzmaßnahmen beginnt. So liegt klar auf der Hand, wie viel Energie und Kosten das Unternehmen mit welcher Technologie oder Verfahrensumstellung einspart. Auf Landesebene kristallisieren sich im Laufe der Jahre so die effektivsten Energieeinsparmöglichkeiten heraus. „Mit diesem Konzept haben wir in Ägypten angefangen, das hat Modellcharakter. Marokko möchte das genauso übernehmen. Unser Startpunkt ist hier, aber wir möchten das Programm in der ganzen MENA-Region verbreiten“, skizziert Knorr seine Zukunftsvision.

Für dieses Ziel muss er nicht allein kämpfen. Das ENCPC (Egyptian National Cleaner Production Center) des ägyptischen Industrieministeriums, das regionale Zent­rum RCREEE (Regionales Zentrum für erneuerbare Energien und Energieeffizienz), das EU-Projekt MED-ENEC und die League of Arab States unterstützen EUREM genauso wie zahlreiche internationale Geber und Institutionen.

Es drängt sich die Frage auf, ob in dem politisch und wirtschaftlich gebeutelten Ägypten überhaupt eine Nachfrage nach technischen Fortbildungen besteht. Der Kurs kostet ein Unternehmen 2.000 EUR, die Mitarbeiter sitzen 20 komplette Arbeitstage in der Fortbildung und weitere Tage an dem Energiekonzept für den Betrieb. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz kann sich Knorr vor Anfragen kaum retten: „Wir könnten bis zu zehn Kurse parallel laufen lassen, wenn ich die Trainer dazu hätte. Zurzeit laufen gerade der zweite und der dritte Kurs, in denen jeweils 38 Teilnehmer sitzen.“ Am ersten Kurs nahmen 23 Personen teil. Teilnehmer kommen aus allen Industriezweigen: Tourismus, Zement-, Keramik-, Bau-, Textil-, Lebensmittel- oder Elektronikindustrie. Auch Mitarbeiter aus staatlichen Institu­tionen wie dem Industrie-, Energie- oder Bauministerium nutzen die Chance. Die Energieexperten in spe bekleiden allesamt Positionen im mittleren oder oberen Management. Das ist nach Ansicht von Knorr unerlässlich: „Wir brauchen in den Kursen Leute, die sich nach oben hin durchsetzen können, aber gleichzeitig auch den Draht zu ihrem Personal haben, um das Energiekonzept umzusetzen.“

Diese Strategie geht auf, das zeigt das Beispiel des technischen Leiters von Royal Ceramica, Samir Abdelsalam. Trotz schwieriger Wirtschaftslage hat der Ingenieur bereits an dem ersten Kurs teilgenommen und ist des Lobes voll: „Ich kann den Kurs nur jeder Firma empfehlen, denn für uns zahlt sich die Investition in den Lehrgang in barer Münze aus.“ Der rührige Ingenieur hat bei den Kugelmühlen frequenzgesteuerte Antriebe eingebaut und spart etwa 15% Energie ein. Darüber hinaus steigt die Lebensdauer der Motoren und ihre Störanfälligkeit sinkt. „In 20 Monaten haben wir die Kosten für diese Anschaffung wieder eingespielt“, freut sich Abdelsalam. Er hat noch ein weiteres großes Projekt in der Pipeline: den Bau eines eigenen Gasturbinen-Blockheizkraftwerkes. Die Kosten dafür belaufen sich auf 6 Mio EUR, doch die hätte der Betrieb innerhalb von vier Jahren wieder eingespielt. „Wir wollen sobald wie möglich mit dem Bau starten, das Management hat dieses Projekt bereits abgesegnet“, erklärt der Ingenieur stolz.

Die Trainer für die EUREM-Ausbildung kommen aus deutschen und europäischen Unternehmen. In Ägypten sind Siemens, Kaeser, BASF, Philips, Osram und viele mehr mit dabei. „Es ist doch klar, dass sich Teilnehmer und Unternehmensvertreter sehr gut kennenlernen und Vertrauen zueinander aufbauen. Wenn ein Energiemanager ein technisches Problem lösen will, fragt er erst einmal seinen Trainer“, beschreibt Knorr die Beziehungen.

Deutsche Technologieanbieter stoßen bei den sensibilisierten ägyptischen Unternehmen auf offene Ohren. Über Unternehmerreisen der deutschen IHKs und der AHK, Anfragevermittlungen durch die AHK oder von den IHKs und AHKs organisierte Veranstaltungen lernen sich die potentiellen Partner kennen. Hier bietet sich eine realistische Chance für deutsche Unternehmen, die MENA-Region als Exportmarkt nach und nach zu erschließen.

Mehr Informationen unter eg.eurem.net und www.ahkmena.com

Textkasten: Länderrisiko Ägypten

Der politische Wandel in Ägypten gestaltet sich nach wie vor schwierig mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Seit der letzten Herabstufung im Januar 2011 bewertet der Exportkreditversicherer Coface das Länderrisiko Ägyptens unverändert mit C, womit er vor relativ hohen Zahlungsrisiken warnt.

Staatspräsident Mohammed Mursi hat seit seiner Wahl im Juni 2012 zunehmend seine Machtbasis ausgebaut. Die Abstimmung über eine neue Verfassung war bei der Opposition umstritten. Beides hat seit Ende 2012 wieder bedeutende Demonstrationen ausgelöst. Im Frühling 2013 sollen erneut ­Parlamentswahlen abgehalten werden, falls das Verfassungsgericht das neue Wahlgesetz für verfassungskonform befindet. Frühstens dann kann mit einer Normalisierung der politischen Lage gerechnet werden. Unter diesen Umständen könnte das Vertrauen der Investoren allmählich zurückkehren und sich das BIP-Wachstum langsam auf 3% beschleunigen, so Coface. Die größten wirtschaftlichen Schwach­stellen sind das hohe Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit, der Abwertungsdruck, der die Importe verteuert, und das fragile Bankensystem. Positiv zu bewerten ist, dass der Internationale Währungsfonds nach Vorlage eines Reformprogramms einen Beistandskredit in Höhe von 4,8 Mrd USD zugesagt hat. Dies könnte weitere internationale Hilfe nach sich ziehen.
Die Auslandsschulden Ägypten bewegen sich mit 81% des BIP auf relativ niedrigem Niveau.

Kontakt: bernhard.haar[at]giz.de

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