Grundsätzlich ist der Aufbau einer entsprechenden Struktur für das Risikomanagement in jedem Fall empfehlenswert. Denn eine Hedge-Policy, die vor einer Krise in Ruhe erarbeitet worden ist, hilft im Krisenmodus, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Auftragsstornierungen, unterbrochene Lieferketten und volatilere Märkte sind die gravierendsten wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie, die der deutschen Exportwirtschaft zu schaffen machen. Als Reaktion darauf haben die Unternehmen ihr Risikomanagement ausgebaut. Eine Studie der Commerzbank in Zusammenarbeit mit forsa zeigt auf, welche Strategien sie dabei verfolgen.

Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)

Für die Studie „Risikomanagement des Mittelstands: wie sich Unternehmen im Corona-Jahr 2020 absichern“ befragte das Markt- und Meinungsforschungsinstitut forsa im Auftrag der Commerzbank 300 Unternehmen mit einem Jahresumsatz ab 15 Mio EUR. Grundsätzlich zeigte sich dabei, dass die Pandemie das Risikobewusstsein in Unternehmen deutlich geschärft hat. Sechs von zehn Befragten beklagten, Aufträge während der Krise verloren zu haben.

Knapp die Hälfte aller Befragten (47%) gab an, dass die finanziellen Risiken ihrer Unternehmen gestiegen seien. Betriebe mit einem Jahresumsatz von mehr als 250 Mio EUR waren mit 54% noch stärker betroffen. Als Ursachen werden neben Stornierungen von Aufträgen und Ver­änderungen der Lieferketten von 46% Marktpreis- und Kursschwankungen genannt. Das Risikomanagement international agierender Unternehmen nimmt deshalb neben Bonitäts- und Liquiditätsrisiken vor allem Schwankungen bei Rohstoffpreisen und Währungen ins Visier. Ziel ist die individuelle Balance aus Absicherung, Flexibilität und Kurschancen – für Grundgeschäfte, die so sicher wie nötig und so profitabel wie möglich sind.

Häufig fehlt eine Risikostrategie

Drei Viertel der Unternehmen haben aus der Coronapandemie die Lehre gezogen, das Management von Risiken zur Chefsache zu machen. Doch noch gibt es deutlichen Nachholbedarf. So überrascht insbesondere ein Ergebnis der Studie: Nur 50% der Befragten verfügen über eine eigene Hedge-Policy oder ein Handbuch für den Umgang mit Risiken. Erklären lässt sich das mit Abwägungen zur Verhältnismäßigkeit: Wer zum Beispiel im Jahr bei einem Umsatz von 50 Mio EUR für 1 Mio USD Absicherungsgeschäfte benötigt, muss dafür nicht zwangsläufig ein professionelles Risikomanagement aufsetzen. Ganz anders sieht es bei größeren Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über 250 Mio EUR aus: Hier verfügen bereits 70% über eine Hedge-Policy.

Anpassungszyklen werden kürzer

Grundsätzlich ist der Aufbau einer entsprechenden Struktur für das Risikomanagement in jedem Fall empfehlenswert. Denn eine Hedge-Policy, die vor einer Krise in Ruhe erarbeitet worden ist, hilft im Krisenmodus, einen kühlen Kopf zu bewahren, bedeutet, auf vorbereitete Instrumente zurückgreifen und eher objektive Entscheidungen treffen zu können. Das Umdenken in diese Richtung ist im Gange: Knapp ein Drittel der Unternehmen will erstmals eine Risikostrategie entwickeln. Acht von zehn Firmen wollen ihre Absicherungspolitik aufgrund der gestiegenen finanziellen Risiken durch die Folgen der Coronakrise entsprechend anpassen. Sicherungsgeschäfte wurden zwar auch in der Vergangenheit regelmäßig an neue Gegebenheiten angepasst, in Zeiten von Corona erfolgt das aber in kürzeren Zyklen und in größerem Umfang.

Bedeutung der Digitalisierung nimmt weiter zu – aber langsam

Aller Digitalisierung zum Trotz: Unternehmen nutzen zur Durchführung von Sicherungsgeschäften neben digitalen Kanälen nach wie vor überwiegend den telefonischen (74%) oder persönlichen (69%) Weg. Entsprechend gehören gute Erreichbarkeit und persönliche Beratung zu den wichtigsten Anforderungen der Unternehmen an ihre Banken. Single- und Multi-Dealer-Plattformen sind zwar im Kommen – insbesondere bei größeren Unternehmen –, derzeit nutzt sie aber erst jedes sechste der in der Studie befragten Unternehmen als Abschlusskanal.

Die Videotelefonie erreicht aktuell bereits einen Anteil von 27%. Dazu hat Corona maßgeblich beigetragen. Generell wird der Trend zu digitalen Gesprächsformaten zunehmen. Dadurch können für das Risikomanagement notwendige Gespräche zwischen Firmenkunden und ihren ­Banken direkt und auf schnellerem Weg erfolgen.

Währungsrisiken: Je kürzer die Laufzeit, desto höher die Absicherung

Die Pandemie hat ähnlich wie die Finanzmarktkrise 2008/09 zu einem Hochschnellen der Volatilitäten geführt. Deshalb schützen sich rund 43% der Unternehmen gegen Währungsrisiken. Die auf den ersten Blick niedrig erscheinende Zahl erklärt sich durch die große Bedeutung des Euro-Raums für die Geschäftsbeziehungen eher kleinerer Unternehmen.

Absicherungen erfolgen mehrheitlich mit einer Laufzeit von maximal zwölf Monaten. Speziell bei kurzer Laufzeit sichern 40% der Unternehmen auch mehr als 75% ihrer Währungsrisiken ab. Mittel der Wahl sind vor allem Devisentermingeschäfte (29%) und Devisenkassageschäfte (20%). Dahinter folgen strukturierte Devisensicherungsinstrumente (14%), Devisenoptionen (14%) und Fremdwährungskredite (8%).

Der Trend zur Digitalisierung im Währungsmanagement führt auch zu neuen Lösungen wie dem „FX Live Trader Web“ der Commerzbank. Die Handelsplattform ermöglicht einen mobilen, geräteunabhängigen Realtime-Devisenhandel im Web. Sie läuft auf allen gängigen Endgeräten – auch mobil auf einem Tablet – und mit allen gängigen Betriebssystemen. So können Unternehmen noch flexibler werktags rund um die Uhr über 100 Währungspaare handeln und auf aktuelle Kursentwicklungen zugreifen. Handelsgeschäfte lassen sich schnell, direkt und übersichtlich durchführen sowie verwalten.

Eindeutig ist der Trend bereits bei Geschäftsbestätigungen: 88% der Befragten stimmen der Aussage zu, dass sie zunehmend auf elektronischem Weg erfolgen. Post oder Fax haben bald komplett ausgedient.

Rohstoffpreisrisiken werden häufig unterschätzt

Zu den wichtigsten und zugleich unwägbarsten finanziellen Risiken für Unternehmen zählt die Entwicklung bei Rohstoff- und Energiepreisen. Das sagen knapp 60% der Befragten – aber nur ein Fünftel nutzt Finanzinstrumente als zusätzliche Sicherung. Viele sind überzeugt, entsprechende Risiken allein durch Verträge mit Lieferanten oder Abnehmern absichern zu können.

Die Brisanz wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass der Anteil der Rohstoff- und Energiekosten an den Gesamtkosten bei einem guten Drittel der Unternehmen über 25% liegt – teils sogar deutlich darüber. Lediglich bei zwei von fünf Unternehmen sind es weniger als 10%. Was oft nicht bedacht wird: Bei Rohstoffen treten meist auch Währungsrisiken auf, weil zahlreiche Rohstoffe in US-Dollar gehandelt werden. 21% haben das erkannt und sehen in diesen Wechselkursrisiken besondere Herausforderungen bei der Sicherstellung der Rohstoff- und Energieversorgung.

Flexibler im Beschaffungsprozess

Rohstoffrisiken lassen sich perfekt über die passenden Finanzprodukte absichern. Grundsätzlich ist beispielsweise die Sicherung eines Festpreises für einen Rohstoff möglich. Ein Unternehmen kann gegen Zahlung einer Prämie auch eine Option, eine Art Versicherung, wählen. Dabei erfolgt ein Ausgleich, sollte ein Rohstoffpreis stark steigen oder fallen. Durch die Kombination dieser Basisinstrumente lassen sich individuelle Zahlungsprofile erzielen, die genau auf den Bedarf eines Unternehmens abgestimmt sind. Dank der finanziellen Preisabsicherung ist dieses Risiko von der physischen Transaktion getrennt. Das Unternehmen ist dadurch deutlich flexibler im Beschaffungsprozess der Rohstoffe.

Die Studie mit den ausführlichen Befragungsergebnissen steht HIER zum Download bereit.

simone.mrasek@commerzbank.com

www.firmenkunden.commerzbank.de

Aktuelle Beiträge