Vietnam boomt dank Offenheit

Die diversifizierte Wirtschaft Vietnams weist eine starke Dynamik auf, die von Exporten und Direktinvestitionen in den Produktionssektor, speziell in den IT-Bereich, angetrieben wird. Das Land profitiert von asiatischen Großkonzernen, die sich auf der Suche nach niedrigeren Lohnkosten aus China zurückziehen und sich dank der handelsfreundlichen Politik sowie diversen Freihandelsabkommen in Vietnam ansiedeln.

Von Christoph Witte, Country Manager, Credendo

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Die Wirtschaft Vietnams gehört zu den leistungsstärksten und diversifiziertesten im gesamten südostasiatischen Raum und weist heute dieselbe starke Dynamik und aussichtsreiche Position wie vor der globalen Krise 2008/2009 auf. Obwohl die Ernten 2016 von einer beispiellosen Dürre getroffen wurden, hat sich das Wirtschaftswachstum erholt. Zwischen 2014 und 2016 lag es im Durchschnitt bei 6,3%. Mittel- bis langfristig wird eine Wachstumsrate von 6,2% erwartet. Die erfolgreiche Rückkehr zur makroökonomischen Stabilität beruht auf dem Export von Industrieerzeugnissen – drei Viertel aller Güter sind für den Export bestimmt – sowie auf Direktinvestitionen.

Die aktuelle Expansion ist einem Wandel der Exportstruktur hin zur Fertigung von Hightechprodukten zu verdanken. So werden die größten Exporterlöse heute in der Elektronik-, Computer- und Handy-branche erzielt. Innerhalb weniger Jahre hat sich die ITK-Industrie zur wichtigsten Exportbranche entwickelt und erwirtschaftet über 25% aller Waren- und Dienstleistungsexporte. Allein 16% der Exporte entfallen auf die Handybranche, die mit der Ansiedlung von Samsung-Fabriken starke Impulse erhalten hat. Dies ist einer der Gründe für die solide Exportleistung in Zeiten nachlassender globaler Nachfrage.

Die positive Entwicklung der Direktinvestitionen geht überwiegend auf asiatische Großkonzerne zurück, die sich aus China zurückziehen und von den, relativ gesehen, niedrigeren und regional wettbewerbsfähigen Lohnkosten profitieren. Auch die akzeptable Infrastruktur, die dynamische Erwerbsbevölkerung sowie das wirtschaftsfreundliche Klima erklären, warum Hersteller Vietnam als Standort für neue Investitionen bevorzugen. Die derzeitige Attraktivität unter Investoren beruht ebenfalls auf der leichten Beschleunigung des Liberalisierungsprozesses unter der neuen Regierung sowie auf der offenen, handelsfreundlichen Politik, die sich in diversen Freihandelsabkommen äußert.

Stärkung der makroökonomischen Bedingungen

Die Verbesserung der makroökonomischen Bedingungen hat eine robuste Zahlungsbilanz zur Folge. Einerseits ist die Leistungsbilanz dank dem raschen Anstieg der vietnamesischen Exporte in etwa ausgeglichen. Da Vietnam ein Nettoimporteur von Brennstoffen ist, dürften die anhaltend niedrigen Ölpreise dieses positive Ergebnis dauerhaft stärken. Andererseits profitiert die Zahlungsbilanz von einem permanenten Aufwärtstrend der Direktinvestitionen: Die Nettozuflüsse sind zwischen 2014 und 2016 um eindrucksvolle 60% gestiegen. Die mittel- bis langfristigen Aussichten sind sowohl für Exporte als auch für Direktinvestitionen positiv.

In der Folge ist der Vietnamesische Dong (VND) 2016 trotz des Umstiegs auf ein flexibleres Wechselkurssystem weitgehend stabil geblieben. Der Wechselkurs wird dabei täglich an einen Korb auslän­discher Währungen angepasst und schwankt um maximal 3% in einem Handelsband gegenüber dem US-Dollar. Auch die finanziellen Rahmenbedingungen sind für Verbraucher und Binnenkonjunktur günstig, da die niedrigen Ölpreise eine moderate Inflation ermöglichen und niedrigere Zinsen die Binnennachfrage fördern. Dies ist für künftiges BIP-Wachstum von großer Bedeutung, da die Binnennachfrage parallel zu einem dominanten Exportsektor unaufhörlich steigt (Waren- und Dienstleistungsexporte entsprechen nahezu 95% des BIP).

Trumps Protektionismus könnte die Aussichten verdüstern

Trumps protektionistische Handelspolitik stellt für die positiven Aussichten Vietnams ein Abwärtsrisiko dar, da die USA der wichtigste Exportmarkt des Landes sind. Der angekündigte Ausstieg der USA aus dem TPP-Abkommen ist für Vietnam eine schlechte Nachricht, da Asien in hohem Maße von dieser Partnerschaft profitieren würde. Der mögliche Ersatz der TPP durch das weniger ehrgeizige und eher klassische Freihandelsabkommen Chinas (RCEP) würde Vietnam immer noch gewisse Fortschritte ermöglichen. Ein größeres Risiko, das allerdings durch gute bilaterale Beziehungen eingedämmt werden könnte, würde von höheren US-Einfuhrzöllen ausgehen. Diese könnten die zweitwichtigste Exportbranche des Landes, den Textil- und Bekleidungssektor, in Schieflage bringen, da die USA als größter Exportpartner 50% aller Waren abnehmen.

Bislang wurde Vietnam von Kapitalrückführungen und Abwertungsdruck infolge der Wahl Donald Trumps im November 2016 kaum getroffen. Ein von größerer Volatilität und Unsicherheit geprägtes internationales Umfeld, das zu Kapitalabflüssen aus Schwellenländern führt, würde für Vietnam sicherlich nicht folgenlos bleiben, besonders wenn der Renminbi weiter an Wert verlöre. Die solide Zahlungsbilanz, günstige Wirtschaftsaussichten und politische Stabilität könnten dem Land jedoch helfen, dem externen Druck standzuhalten. In diesem Kontext wird eine adäquate makroökonomische Politik seitens der Regierung von ausschlaggebender Bedeutung sein. Darüber hinaus dürften die große Zahl bilateraler Freihandelsabkommen, die Exporte und die Direktinvestitionen in den Produktionssektor dem Land wichtige Impulse verleihen und das erhebliche Wachstums-potential Vietnams damit weiter stärken.

Anhaltende Risiken durch Bankensektor und schwache Haushaltslage

Trotz der wirtschaftlichen Erholung werden die mittel- bis langfristigen Aussichten Vietnams nach wie vor von zwei anhaltenden Schwächen getrübt: der stetigen Verschlechterung der Haushaltslage sowie dem anfälligen Bankensektor. Die Staatsverschuldung (einschließlich Garantien, die sich auf 12% des BIP belaufen) ist auf einem hohen Niveau und dürfte 2016 bei 62% des BIP liegen, nachdem sie seit 2011 um 35% gestiegen ist. Die Ursachen für diese Entwicklung sind Steuersenkungen, niedrigere Öleinnahmen und gestiegene Zinsaufwendungen (von 4,1% auf 9,3% der Einnahmen zwischen 2011 und 2016), die zu einem Haushaltsdefizit von durchschnittlich 6,6% geführt haben.

Die zusätzliche Staatsverschuldung, deren Aufwärtstrend zudem von Umstrukturierungskosten für Banken verschärft wird, erfolgt vorwiegend in lokaler Währung, da der externe Anteil im betreffenden Zeitraum von 51% auf 36% zurückgegangen ist. Für die Zukunft wird eine Verlangsamung des Schuldenanstiegs prognostiziert, doch dazu müssten der Haushalt konsolidiert und das Defizit schrittweise reduziert werden. Einen weiteren Unsicherheitsfaktor bilden schwer einzuschätzende Eventualverbindlichkeiten von Staatsunternehmen und staatlichen Geschäftsbanken.

Der Bankensektor konnte sich dank der starken Wirtschaftsleistung ein Stück weit erholen, und die Situation hinsichtlich notleidender Kredite hat sich verbessert. Die Liquidität ist gestiegen, und mit dem 2013 begonnenen Verkauf eines kleinen Anteils dieser notleidenden Kredite an die vietnamesische „Bad Bank“ (VAMC) wurde eine Bereinigung der Bankbilanzen eingeleitet. Darüber hinaus wurden Regulierung und Aufsicht gestärkt, mehrere inländische Banken haben sich zusammengeschlossen, und ausländischen Banken wurde erlaubt, einige schwache vietnamesische Banken zu übernehmen. Allerdings ist der Bestand an notleidenden Krediten nach wie vor hoch und wird sogar deutlich höher als der offizielle Wert von 2,6% eingeschätzt. Die unzureichend ausgestattete VAMC ist nicht in der Lage, eine schnelle Abwicklung zu gewährleisten, und trübt damit die wirtschaftlichen Perspektiven. Hinzu kommt, dass für die notwendige erhebliche Rekapitalisierung nur begrenzte Mittel zur Verfügung stehen. Folglich muss Hanoi im Bankensektor mehr ausländisches Kapital anziehen und hat mit dem jüngsten Beschluss, die bei 30% liegende Obergrenze für ausländische Beteiligungen zu erhöhen, hierfür bereits die Weichen gestellt. Auch hat der etwas robustere Zustand der Banken seit 2015 eine schnellere Kreditexpansion ermöglicht (insbesondere in der Finanz- und Immobilienbranche). Dies wirft Fragen nach einer neuerlichen Gefahr finanzieller Instabilität auf: Das Verhältnis von Kreditvolumen zu BIP wurde für 2016 auf 121% geschätzt und näherte sich damit dem Niveau vor der Kreditklemme 2010 an. Folglich muss die Regierung bei der Restrukturierung des Bankensektors die folgenden Schwerpunkte setzen: Lösung des Problems notleidender Kredite, Stärkung des Risikomanagements, adäquate Eigenkapitalpuffer sowie Steigerung der Transparenz.

Wirtschaftliche Umstrukturierung verläuft schleppend

Unterdessen befindet sich der wirtschaftliche Transformationsprozess auf einem guten Weg. Auch wenn der Staat unverändert dominanten Einfluss auf die Wirtschaft ausübt, wurde die Privatisierung von Staatsunternehmen unter der neuen Regierung leicht beschleunigt, nachdem ausländische Investoren nunmehr größere Anteile an wichtigen Staatsunternehmen halten dürfen, die in vielfältigen Bereichen wie z.B. Bankensektor, Tele-kommunikation, Lebensmittelbranche oder Versicherungswesen tätig sind. Diese Entwicklung hat nicht nur positive Auswirkungen auf ausländische Direktinvestitionen und öffentliche Infrastrukturprogramme (die mit Privatisierungserlösen finanziert werden), sondern auch auf Staatsunternehmen. Letztere dürften vom verbesserten Finanzmanagement und der gesteigerten Rentabilität profitieren, zumal sie sich vor dem Hintergrund der Freihandelsabkommen und der ASEAN-Wirtschaftsgemeinschaft auf wachsende ausländische Konkurrenz einstellen müssen.

Moderate Auslandsverschuldung, unzulänglicher Liquiditätspuffer

Die Auslandsverschuldung ist in den vergangenen zwei Jahren in hohem Tempo gestiegen: absolut gesehen um 26% und um 17 Prozentpunkte im Verhältnis zum BIP. Damit lag das Verhältnis Verschuldung zu BIP im Jahr 2016 bei 45%, was in diesem Jahrhundert den Spitzenwert markiert, aber im Vergleich zu anderen Schwellenländern immer noch moderat ist. Dieser Anstieg beruht hauptsächlich auf Entwicklungen im Privatsektor vor dem Hintergrund starken Kreditwachstums bei staatlichen Geschäftsbanken. Gemäß aktuellen IWF-Prognosen sollte sich die Auslandsverschuldung mittel- bis langfristig auf diesem vertretbaren Niveau stabilisieren. Die Schuldendienstverpflichtungen gegenüber dem Ausland weisen mit 5% der Exporteinnahmen einen niedrigen Stand auf und spiegeln damit die moderate Auslandsverschuldung und die vergleichsweise längeren Laufzeiten wider, die die mit dem starken US-Dollar einhergehenden Rückzahlungsrisiken ausgleichen. Während Vorzugsfinanzierung internationaler Gläubiger vor einigen Jahren noch dominierte, ist der Anteil der privaten Verschuldung inzwischen angestiegen. Dies könnte künftig zu höheren Refinanzierungskosten führen.

Die Währungsreserven befinden sich nach einem starken Jahr 2016 auf einem Rekordstand. Obwohl sie mehr als das Doppelte der kurzfristigen Verschuldung abdecken, liegt die Deckung der Importe jedoch überwiegend (2007/2008 ausgenommen) unter der adäquaten Dreimonatsmarke (2,3 im vergangenen September). Dies ist unter anderem auf starke Importe zurückzuführen (Warenimporte mit Kapital aus Direktinvestitionen) sowie auf die Aufwendung von Währungsreserven zur Verteidigung des Vietnamesischen Dong gegen Abwertungsdruck.

Es besteht die Möglichkeit, dass dieses Risiko, das von einem Umfeld potentieller Kapitalabflüsse und regionalen Währungsverfalls weiter verschärft werden könnte, mit einem etwas flexibleren Vietnamesischen Dong abnimmt. Gleichzeitig macht der praktisch nicht vorhandene Puffer an Devisenreserven das Land anfällig für Schwankungen der Anlegerstimmung. Daher wird Hanoi der Aufrechterhaltung des Anlegervertrauens künftig hohe Priorität einräumen müssen.

Das mittel- bis langfristige politische Risiko Vietnams (4/7) stuft Credendo höher ein als das kurzfristige (3/7). Die Aufrechterhaltung der makroökonomischen Stabilität wird künftig nicht nur Fortschritte bei der Haushaltskonsolidierung erfordern, sondern auch von einer Beschleunigung der laufenden Reform des Bankensektors und der Staatsunternehmen abhängen. Die Anstrengungen müssen über die 2016 beobachteten leichten Verbesserungen hinausgehen. Die Notwendigkeit dieser Reformen in Verbindung mit Problemen wie Korruption und politischer Beeinflussung der Justiz unterstreichen den unvollendeten Transformationsprozess Vietnams und erklären die Bewertung des wirtschaftlichen Risikos mit Kategorie C (bei möglicher Bewertung von A bis C).

Weitere Länderberichte und aktuelle Risikobewertungen finden Sie auf der neuen Internetseite von Credendo, ehemals Credimundi, unter www.credendo.com.

Kontakt: c.witte@credendo.com

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