Infolge der Krise in Griechenland ist auch das Länderrisiko Zyperns gestiegen. Die Unternehmen hier geraten unter Druck, weil die Banken des Landes sehr eng mit Griechenland verflochten sind. Daher können sie keine Kredite zu guten Konditionen anbieten. Die Gefahr von Zahlungsausfällen nimmt erheblich zu. Kreditversicherer Coface stuft die Inselrepublik deshalb von A3 auf A4 herab.

Von Dr. Dirk Bröckelmann, Referent Unternehmenskommunikation, Coface Deutschland AG

Die Konjunkturabschwächung in Europa macht auch vor der Mittelmeerinsel nicht halt: Um 0,6% ging die Wirtschaftsleistung Zyperns im dritten Quartal 2011 gegenüber dem Vorjahr zurück. Nach 1,4% im ersten Halbjahr wird das reale BIP im Gesamtjahr 2011 mit geschätzt 0,3% sehr verhalten zulegen, weitab von den durchschnittlichen 4% der Jahre 2004 bis 2008. Diese Jahre der Überhitzung wurden durch die private Verschuldung finanziert, die 2009 rund 280% des BIP erreichte. Die internationale Finanzkrise kam in diesem Jahr auch auf Zypern an.

Dem Platzen der Immobilienblase waren die Banken und die privaten Haushalte in hohem Maße ausgesetzt. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit, die Verknappung der Kredite und die Verschuldung der privaten Haushalte belasten seitdem den privaten Konsum. Aufgrund der mäßigen Erholung des Immobilien- und des Bausektors bewegen sich die Investitionen weiterhin auf niedrigem Niveau.

Nachdem im Juli das Kraftwerk Vassilikos, das die Hälfte des zypriotischen Stroms produzierte, bei einer Explosion schwer beschädigt wurde, beeinträchtigen die erhöhten Kosten für die Stromversorgung die Industrie. Die Sektoren Pharmazie und Chemie verzeichnen weiterhin einen Schwund ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Allein der Tourismus, der unter der Verschlechterung der Infrastruktur litt, verzeichnet einen Aufwärtstrend. Er profitiert davon, dass Touristen nordafrikanische Ziele zurzeit eher meiden wollen.

Die öffentlichen Ausgaben werden sich angesichts geringer Steuereinnahmen und der seit 2010 durchgeführten Maßnahmen zur Verringerung des Defizits im Staatshaushalt in Grenzen halten. Doch ist es unwahrscheinlich, dass die Regierung den Körperschaftsteuersatz (10%) erhöht, da sonst die Position des Landes als regionale Plattform für Unternehmensdienstleistungen gefährdet würde. Falls sich die Wirtschaftsentwicklung weiterhin auf einen geringen Steuersatz stützt, dürfte sich das Haushaltsdefizit auf Dauer erhöhen, und die Staatsverschuldung könnte schon 2011 die Marke von 60% des BIP übersteigen.

Bestandteil der Gesamtbewertung eines Landes ist bei Coface auch die Beurteilung des Geschäftsumfeldes. Sie umfasst die Transparenz von Bilanzen, den Gläubigerschutz und institutionelle Rahmenbedingungen. Hierzu gehören vor allem die Effektivität der öffentlichen Dienste, die Beschaffenheit des Rechtsrahmens, die Anwendung der Gesetze und das Ausmaß der Korruption.

Hier stuft Coface Zypern wie Griechenland von A2 auf A3 herab. Damit zählen beide zu den Ländern in der Europäischen Union, deren Geschäftsumfeld am schlechtesten bewertet wird. Lediglich Rumänien und Bulgarien (beide A4) werden noch schlechter beurteilt. Auslöser für die Abstufung ist der erschwerte Zugang zu Informationen über die Finanzlage der Unternehmen. Auch deutet die Zunahme an Zahlungsverzögerungen auf Schwierigkeiten beim Forderungseinzug hin. Das undurchsichtige Bankwesen belastet Zypern.

Dabei hat das Bankensystem Zyperns der Krise besser getrotzt als die Bankensysteme der anderen Länder der Eurozone. Zypriotische Banken blieben im Jahr 2010 rentabel, verfügten über eine gute Kapitalausstattung und eine komfortable Liquidität. Doch gerade wegen seiner Größe und seiner Konzentration birgt dieser Sektor relativ hohe Risiken für die Wirtschaft Zyperns. Sein Vermögen beläuft sich auf mehr als das Zehnfache des BIP des Landes.

Außerdem führt die starke Abhängigkeit des Bankensektors von der Wirtschaft Griechenlands zu einer hohen Krisenanfälligkeit. Die Geschäftsbanken Zyperns halten griechische Staatsanleihen. Sie haben über ihre Tochtergesellschaften und Filialen Kredite an griechische Privathaushalte und Unternehmen vergeben. Ende 2010 belief sich die Exposition der drei größten Geschäftsbanken Zyperns gegenüber Griechenland auf bis zu 53% ihres Vermögens. Davon entfielen 23 Mrd Euro auf Kredite für griechische Privathaushalte und Unternehmen.

Folglich zeigt sich der zypriotische Bankensektor in Verbindung mit der griechischen Rezession sehr fragil. Tatsäch-lich könnte er durch eine Restrukturierung bei der griechischen Staatsverschuldung und einen starken Rückgang der Aktivitäten in Griechenland sogar sehr gefährdet sein.

Bei einem Ausfall Griechenlands müsste der Inselstaat in den nächsten drei Jahren jeweils 10% seines BIP für die Rekapitalisierung seiner Banken aufbringen. Die Geschäftsbanken und das Genossenschaftsbankennetz sind zudem den Auswirkungen der Flaute in der heimischen Immobilien- und Baubranche ausgesetzt.

Die Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der Insel, die im September 2008 wieder aufgenommen wurden, sind nur wenig vorangekommen. Der nördliche Teil der Insel ist immer noch von türkischen Soldaten besetzt. Aus den türkisch-zypriotischen Präsidentschaftswahlen im April 2010 ging Dervish Eroglu, der Vorsitzende der Nationalistischen Partei, als Sieger hervor. Daher ist es unwahrscheinlich, dass der Wiedervereinigungsprozess kurzfristig erfolgreich zum Abschluss gebracht wird – trotz der Bemühungen des griechisch-zypriotischen Präsidenten Dimitris Christofias. Er bereitet sein Land auf den EU-Vorsitz vor, den die Republik Zypern im zweiten Halbjahr 2012 turnusgemäß übernimmt.

Textkasten: Einstufungskriterien des Länderrisikos

Mit der Länderbewertung dokumentiert Coface das durchschnittliche Risiko eines Zahlungsausfalls bei Unternehmen in einem bestimmten Land. So fließen neben makroökonomischen Daten vor allem die Zahlungserfahrungen mit den Unternehmen ein. Darin unterscheidet es sich von den Länderratings der Agenturen, die in der Regel die Staatsbonität oder Sicherheit von Anleihen zum Gegenstand haben. Regelmäßig werden 156 Länder analysiert und bewertet. Die Bewertungsskala reicht von A1 bis D, wobei die Stufen A1 bis A4 ein niedriges Länderrisiko kennzeichnen. Die Stufen B bis D stehen dagegen für ein mittleres bis hohes Risiko.

Die aktuellen Länderbewertungen von Coface können gebührenfrei abgerufen werden unter der Rubrik „Country Risk and Economic Research“ auf www.coface.de.

Kontakt: dirk.broeckelmann[at]coface.de

Aktuelle Beiträge