Der deutsche Export steckt in der Krise. Nicht allein der kräftige, zweistellige Rückgang des Ausfuhrwertes im vergangenen Jahr setzt der deutschen Wirtschaft zu. Nun ist auch noch eine Diskussion darüber entbrannt, ob Deutschland die Binnennachfrage stärken müsse, um die Ungleichgewichte im EU-Handel abzubauen. Da die öffentlichen Haushalte nach Bankenrettung und Konjunkturprogrammen sparen müssen, sollen Privathaushalte und Unternehmen von Sparen und Export auf Konsum und Investitionen umschalten.

Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut

Die Kritik an deutschen Exportüberschüssen zu Lasten defizitärer Euroländer hat die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft in Frage gestellt. Zwar wird in erster Linie die Stärkung der Binnennachfrage durch höhere Löhne und Gehälter angemahnt. Doch auch die hohe Wettbewerbs­fähigkeit der deutschen Industrie ist einigen Partnern im Euro-Raum ein Dorn im Auge. Ein genauer Blick auf die Gründe für den deutschen Exportüberschuss zeigen je-doch, dass auch die Nachbarländer in der EU von den deutschen Erfolgen profitieren.

Deutschland erzielt die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse in den Ländern, in denen auch die deutschen Direktinvestitionen und Kredite am höchsten sind. So entsprechen den Zuflüssen in die deutsche Leistungsbilanz Abflüsse in der Kapitalbilanz, die Investitionen im Ausland finanzieren. Letztlich sorgt dies für den Aufbau einer Kapital- und Exportbasis im Ausland. Davon profitieren die Auslandsmärkte, während die Investitionstätigkeit in Deutschland schwächelt. Hier besteht tatsächlich ein Nachholbedarf in Deutschland. Von der Überwindung der Investitions- und Innovationsschwäche in Deutschland könnten nach Ansicht der OECD sowohl die Binnennachfrage als auch die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen profitieren.

Zwar hat die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutlich verringert, da die verbliebenen Exportaufträge durch die Kurzarbeit zu relativ hohen Lohnkosten durchgeführt werden mussten. Zugleich wurde die Binnennachfrage stabilisiert, und insbesondere die Nachfrage nach Neuwagen zog aufgrund der Umweltprämie stark an. Doch diese Entwicklung setzt sich 2010 nicht fort, die Binnennachfrage dürfte schwach bleiben, die Lohnkosten dürften sinken und die Exporte wieder anziehen.

Daher bleibt der Anreiz bestehen, in kostengünstigere Wachstumsmärkte zu expandieren, die neben niedrigeren Lohnkosten und einer größeren Zahl verfügbarer Arbeitskräfte auch die Aussicht auf wachsende Absatzzahlen bieten. Denn sowohl das Fachkräfteangebot als auch die Nachfrage in Deutschland werden im Zuge des demographischen Wandels in den nächsten Jahrzehnten spürbar abnehmen.

Bislang konzentrieren sich die Spitzenleistungen der deutschen Industrie auf den Automobil- und Maschinenbau sowie die Chemie. Auch der gesamte Bereich der In-genieurleistungen gehört dazu, das äußert sich aber nicht in spezifischen Export­produkten. Hier sehen einige Studien ein potentielles Strukturproblem, wenn sich die Verschiebung der weltweiten Nachfrage hin zu Informationstechnologie, Pharmazie und Elektronik fortsetzt. Allerdings bleibt ein zentraler Wettbewerbsvorteil deutscher Fachkräfte bestehen: die eigenständige Entwicklung von technischen Lösungen. Diese Innovationsfähigkeit ist letztlich der Antrieb des deutschen Exporterfolges.

Der deutsche Export erlebte zwischen 2004 und 2007 einen rasanten Anstieg, die Zahl der exportierenden Unternehmen erhöhte sich nach Angaben der Umsatzsteuerstatistik von 2004 bis 2007 um 21.524 auf 363.819. Allein in der Umsatzklasse 2 bis 25 Mio Euro wuchs die Zahl der Exporteure um 9.468. Damit hat der Mittelstand seine Exportaktivitäten deutlich erhöht bzw. seinen Umsatz gesteigert.

Dabei zeichnen sich insbesondere mittelständische Familienunternehmen durch eine langfristig angelegte Expansion mit einer intensiven Pflege der heimischen Substanz aus. Ein Großteil der erzielten Gewinne wird investiert; das Geld fließt in Auslandstöchter, aber auch in die Stammsitze und an die dortigen Mitarbeiter.

Diese erfolgreiche Mischung aus Investitionen in Auslandsmärkte, in Qualifikation, Forschung und Entwicklung im Inland sowie den Ausbau des Exportgeschäfts dürfte nicht nur dem deutschen Mittelstand zur Sicherung seiner Marktstellung verhelfen. Auch die anderen EU-Länder können gezielt den Aufbau einer mittelständischen Wirtschaft fördern.

Dazu könnten Investitionen deutscher Mittelständler in diesen Ländern beitragen, wenn der Staat durch Förderung dieser Unternehmen und Entflechtung staatlich dominierter Großunternehmen Freiräume eröffnete. So zeigt der Blick auf die deutschen Direktinvestitionen, dass vor allem die liberalen Länder Großbritannien und USA Ziel deutscher Unternehmen waren. In Frankreich waren die deutschen Investitionen im Zeitraum 2005 bis 2009 dagegen sogar leicht negativ. Frankreich sollte sich um eine größere Attraktivität für Investitionen bemühen.

Die deutsche Exportorientierung verschafft Unternehmen und Privathaushalten finanzielle Überschüsse, die sich in der hohen Sparquote und umfangreichen Kapitalanlagen im Ausland niederschlagen. Während die exportierten Waren über kurz oder lang verbraucht oder abgeschrieben sind, bleiben die Vermögenswerte bestehen und erhöhen sich durch Verzinsung sogar. Diesen Leistungsansprüchen stehen jedoch keine adäquaten realen Gegenleistungen gegenüber, da die weltweite Wirtschaftsleistung bereits deutlich unter den weltweiten Finanzguthaben liegt. Lediglich das Vertrauen in die Einlösbarkeit der Forderungen und die Konzentration der Guthaben auf relativ wenige Eigentümer lässt diese Diskrepanz fortbestehen.

Allerdings weisen die zunehmende Nachfrage nach physischen Wertanlagen wie Gold, Immobilien, Ackerland und Rohstoffen sowie die starke Schwankung der Preise dieser Güter in den vergangenen Jahren auf eine Abnahme des Vertrauens in physisch nicht besicherte Forderungen hin. Mit Hinweis auf die geringe Besicherung der Forderungen vieler Banken wird daher die Stabilität des Bankensystems und des Geldwertes in Frage gestellt. Für die deutsche Wirtschaft stellt sich hier die Frage, ob der Aufbau internationaler Strukturen im Falle einer schwerwiegenden Krise nicht zum Verlust von Investitionen führt, da der Zugriff auf Realwerte in Ländern mit staatlichen Eingriffen in die Eigentumsrechte schwierig werden dürfte.

Das deutsche Exportmodell ist sinnvoll und funktionsfähig, wenn es andere Länder mit höherem Wachstumspotential in die Lage versetzt, ihre Wirtschaftsleistung nachhaltig zu erhöhen. Davon können international aufgestellte Unternehmen profitieren. Dann ist auch ein alterndes Deutschland zukünftig in der Lage, sein Wohlstandsniveau aufrechtzuerhalten.

Textkasten: Welthandel erholt sich

Die Welthandelsorganisation WTO erwartet für 2010 einen Anstieg des Welthandelsvolumens um 9,5% nach einem Rückgang um 12% im Vorjahr. Die Exporte der Industrieländer steigen real um 7,5%, die der Entwicklungs- und Schwellenländer um 11%. Diese preisbereinigte Betrachtung lässt die starken Schwankungen insbesondere der Energie- und Rohstoffpreise außer Acht und vermittelt ein realistischeres Bild der Handelsentwicklung als die Betrachtung nominaler Werte.

In nominaler Betrachtung ist der Welthandel 2009 um 23% zurückgegangen. Hierzu haben neben den geringeren realen Lieferungen auch die gesunkenen Preise für Energie, Nahrungsmittel und Rohstoffe beigetragen. Da die Preise unter anderem für Energie­träger, Agrarrohstoffe und Metalle inzwischen wieder deutlich angezogen haben, dürfte der nominale Anstieg des Handels weit stärker als der reale Zuwachs ausfallen.

Besonders kräftig sanken 2009 die weltweiten Exporte von Automobilen und Maschinen sowie von Eisen und Stahl. Stabiler entwickelten sich dagegen die Exporte von Textilien und Bekleidung sowie von Informationstechnik und Chemikalien. Daran zeigt sich die weltweite Zurückhaltung bei privaten und gewerblichen Investitionen, während konsumnahe Produkte etwas besser abschnitten. Preisrückgänge haben besonders bei Eisen und Stahl die nominalen Werte stark beeinflusst. Die jüngsten Preisanhebungen für Eisenerz und Kokskohle werden allerdings wieder für deutliche nominale Zuwächse sorgen und auch die Produktionskosten für Automobile und Maschinen erhöhen.

Kontakt: g.schilling[at]faz-institut.de

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