Den deutschen Unternehmen kann man nur raten: Zeigen Sie Präsenz in Zentralasien, wie es Ihre Wettbewerber aus Japan und Südkorea machen. Reisen Sie nach Zentralasien und machen Sie sich ein Bild von den Ländern der Region.

Die Länder zwischen Kaspischem Meer und China sind in den vergangenen Jahren in den Hintergrund der Weltwirtschaft gerückt. Oft wird die Region mit Russland gleichgesetzt, obwohl sie längst einen eigenen Weg geht. Im Gespräch mit dem „ExportManager“ erläutern Ulf-Peter Noetzel, Igor Wagner und Dr. Steffen Totzke die Hintergründe und Möglichkeiten in Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan.

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Wenn der Finanzrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 vom EU-Parlament verabschiedet wird, ist darin voraussichtlich auch eine Strategie für Zentralasien enthalten. Geplant ist beispielsweise der Anschluss der Region an den südlichen Erdgaskorridor (SGC) der EU, um die Versorgung zu diversifizieren.

Herr Noetzel, wie schätzen Sie die Rolle Zentralasiens für die deutsche Wirtschaft ein?

Zentralasien war bisher eine „vergessene Region“. Dort besteht ein großer Bedarf an Infrastruktur und Investitionsgütern, aber auch eine große Unsicherheit. Wer sich als Unternehmen dieser Unsicherheit stellt, ist als „first mover“ im Vorteil.

Wie kann man als ausländisches Unternehmen in die dortigen Märkte einsteigen?

Dafür bieten sich zum Beispiel von Entwicklungsbanken wie der EBRD und der ADB geförderte Projekte an, auch die IFC kann ein Partner sein. Für Exporteure ist die Nutzung eines Akkreditivs empfehlenswert, auch wenn es eine Tendenz zu Vorauszahlungen gibt. Diese werden vor allem gewählt, um das Währungsrisiko zu verringern. Aktuell haben sich die Währungen stabilisiert, die Zentralbanken versuchen, den Bankensektor zu stärken.

Welche Branchen entwickeln sich aktuell besonders gut?

Kasachstan setzt auf „grüne Energie“ (Wind, Solar), ein wichtiger Ansprechpartner ist dort die Development Bank of Kasachstan. Zunehmend sind dort auch Leasinggesellschaften aktiv. Bei der Finanzierung von Projekten muss man jedoch darauf achten, welche Lieferländer mit welchen Anteilen beteiligt sind, da davon die Möglichkeit einer staatlichen Exportkreditversicherung abhängt. Aussichtsreich sind in Kasachstan auch Pharmazeutika, Konsumgüter werden dagegen meist aus China bezogen.

Wie sieht es mit der regionalen Zusammenarbeit aus?

Hohe Investitionen kommen aus China, sie sind aber politisch umstritten. Bessere Straßenverbindungen zwischen Kasachstan und Usbekistan könnten die regionale Zusammenarbeit verbessern. Denn die Länder ergänzen sich: Kasachstan ist vor allem Rohstoffproduzent, Usbekistan stärker in Landwirtschaft und Tourismus.

Herr Wagner, welche Rolle spielen die Projekte der „Neuen Seidenstraße“ in Kasachstan und Usbekistan?

Das Projekt der Seidenstraße wird verstärkt von chinesischer Seite gefördert. Die Infrastruktur wurde vor allem von China gebaut. Jetzt müssen weitere Be-standteile der Infrastruktur von den  anderen Ländern gebaut werden. Kasachstan setzt dabei eher auf Partner, die nicht aus China kommen, um nicht in eine Abhängigkeit von China zu geraten.

Liegt es daran, dass die Länder nicht investieren können bzw. wollen oder sich nach Westen ausrichten?

Die Länder der Region verfolgen keine geopolitischen Ziele. Sie wollen gute Nachbarn sein und mit allen Nachbarn, aber auch mit ihren westlichen Partnern zusammenarbeiten. Es wäre gut, wenn die europäischen Unternehmen stärker zwischen den Nachfolgestaaten der Sowjetunion differenzieren würden. Russland und die Ukraine haben ihre Probleme, damit sollte man die Länder Zentralasiens nicht in Verbindung bringen. Für eine Exportnation wie Deutschland gibt es in Zentralasien ein großes Potential.

Richten sich Kasachstan und Usbe­kistan bei der Nutzung ihrer wirtschaftlichen Potentiale auf die Arbeitsteilung in der GUS aus, etwa bei Rohstoffen, Baumwolle, Tourismus?

Die Exporte nach Russland sind noch ausbaufähig. 60% der Exporte Kasachstans sind Rohöl, das nach China und Europa geliefert wird. Usbekistan exportiert zu 32% Gold und zu 16% Energie und Ölprodukte. Russland ist nach China der zweitwichtigste Handelspartner. Die frühere Konzentration auf Baumwolle hat sich verringert. Usbekistan verkauft nur noch 2% seiner Baumwolle ins Ausland, der Rest wird in Baumwollclustern zu Textilien verarbeitet. Der Tourismus wird durch die Aufhebung der Visumspflicht gefördert. Usbekistan wirbt vor allem mit den Städten entlang der Seidenstraße (Samarkand, Buchacha). Auch Kasachstan will den Tourismus fördern.

In welchen Projekten, z.B. von Entwicklungsbanken und Industrieunternehmen, sehen Sie Chancen für deutsche Unternehmen?

Bei Infrastrukturprojekten ist weiteres Potential vorhanden. Vor allem bei erneuerbarer Energie: In Kasachstan hat ein deutsches Unternehmen gerade einen Solarpark aufgebaut mit 100 MW. Das Projekt wird von der EBRD mitfinanziert. Infrastrukturprojekte fehlen noch. Sehr viel Potential besteht in der Landwirtschaft, wie Viehzucht und Fleischverarbeitung. Das könnte gut nach Russland und China exportiert werden. In Usbekistan ist Wasseraufbereitung ein wichtiges Thema und die Bauwirtschaft, da in Taschkent viele Wohnungen gebaut werden und auch im gewerblichen Bau ein großer Nachholbedarf besteht. In Usbekistan baut GM Autos und MAN Busse in Joint Ventures mit lokalen Partnern zusammen, VW plant eine Anlage für die Zulieferung. Deutsche Unternehmen sind in Kasachstan gern gesehen, weil sie nicht nur in den Rohstoffsektor investieren, sondern vor allem in andere Bereiche und damit die Industriestruktur verbreitern. Deutsche, die zur Zeit der Sowjetunion in Kasachstan gelebt haben, sind als Mitarbeiter für deutsche Unternehmen in Kasachstan gesucht.

Was sind Ihre Hauptaufgaben in Kasachstan?

Wir sind in der Repräsentanz vor allem mit der lokalen Kontaktpflege und der Identifikation neuer Geschäftspotentiale  beschäftigt. Wenn sich Projektideen konkretisieren, ziehen wir unsere Produktspezialisten aus dem Netzwerk der Deutschen Bank hinzu.

Es gab in Kasachstan vor einigen Jahren Probleme mit der Überschuldung von Banken. Nun werden Banken von Euler Hermes wieder als Garantienehmer akzeptiert und Deckungen angeboten. Wie entwickelt sich die Nachfrage nach Deckungen?

Die Hermesdeckung ist seit Mitte 2019 wieder möglich. Zunächst standen der Informationsaustausch und das Marketing im Vordergrund. Inzwischen gibt es auch einige Absichtserklärungen von Unternehmen.

Die Finanzierung mit Akkreditiv scheint inzwischen auch wieder attraktiver geworden zu sein, da sich die Wechselkurse stabilisiert haben.

Die Finanzierung ist mit einem Währungsrisiko verbunden. Für den usbekischen SUM stehen z.B. keine Absicherungen zur Verfügung. Akkreditive sind für einen kurzen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten durchaus möglich. Die lokalen Banken haben viel Liquidität und sind bereit, Projekte in lokaler Währung zu finanzieren. In Kasachstan liegen die Zinsen der Zentralbank bei 9,25%.

Hat sich denn die Qualität der kasachischen Banken seit der Krise vor neun Jahren verbessert?

Zurzeit findet eine Konsolidierung des Bankensektors statt. Bis Jahresende läuft eine Asset-Quality-Review nach den Kriterien der EZB. Es gibt eine starke Konzentration. Die vier größeren Banken haben rund 60% Marktanteil und suchen nach guten qualitativen Projekten mit hohem Exportanteil.

Herr Dr. Totzke, wie ist die Situation in Turkmenistan?

Turkmenistan ist politisch stabil, leidet aber unter dem niedrigeren Ölpreis. Die Ausrichtung der „Asian Indoor and Martial Arts Games“ 2017 hat zu einem starken Anstieg der Importe und einem Handelsbilanzdefizit geführt, das anschließend durch Importeinschränkungen wieder zurückgeführt wurde. Dazu trägt bei, dass der US-Dollar im Land kaum verfügbar ist.

Welche Projekte werden vor Ort durchgeführt? 

Ein Meilenstein war sicherlich die Inbetriebnahme der petrochemischen Großanlage von Kiyanly am Kaspischen Meer im Oktober 2018. Dort werden jährlich 5 Mrd cbm Erdgas zu Polyethylen und Polypropylen verarbeitet. Turkmenistan will seine reichen Gasvorkommen besser nutzen und setzt dabei auf eine inländische Verarbeitung. So wurde beispielsweise ein Netz von Power-Stations aufgebaut, in denen Gasturbinen zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Dieser Strom wird dann zum Teil exportiert.

Warum exportiert Turkmenistan sein Gas nicht, um seine Importe zu finanzieren?

Einige Länder nehmen turkmenisches Gas ab: China etwa 35 Mrd cbm (2018), die russische Gazprom 4–5 Mrd cbm (seit April 2019). Es gibt seit Jahren Pläne, eine Pipeline über Afghanistan und Pakistan nach Indien zu bauen. Dies ist ein in vielerlei Hinsicht sehr komplexes Projekt, das somit einer sorgfältigen und langwierigen Vorbereitung bedarf. Eine Reihe europäischer Exporteure für Ausrüstungen hat Interesse signalisiert. Ein für die Beziehungen mit Europa interessantes Projekt wäre eine Pipeline durch das Kaspische Meer nach Aserbaidschan, wo etwa 25 Mrd cbm Erdgas in die bestehende TANAP-Pipeline Richtung Europa eingespeist werden könnten. Die dafür notwendige Konvention über das Kaspische Meer wurde im Sommer 2018 unterzeichnet. Doch Turkmenistan besteht im Moment darauf, dass eine Pipeline bis an seine Küste gebaut wird. Sie würde etwa 10 Mrd USD kosten. Die EU sieht einen großen Bedarf für diese Verbindung und hat die Transkaspische Pipeline (TCP) Ende Oktober 2019 als Projekt im gemeinsamen Interesse ausgewählt.

Welche anderen Sektoren entwickeln sich aktuell positiv?

Im Fokus der Regierung steht auch der Ausbau der Landwirtschaft. So erntet Turkmenistan inzwischen 1 Mio t Baumwolle von hoher Qualität. Bei einem Preis von 1.500 USD/t entspricht das potentiellen Exporterlösen von immerhin 1,5 Mrd USD. Hinzu kommt der sanfte Tourismus, der vor allem ältere US-Bürger ins Land lockt. Doch es fehlt noch an ausreichenden Hotels. Wirklich außergewöhnlich ist das hervorragend ausgestattete Gesundheitssystem. Präsident Berdymuhamedov ist gelernter Zahnarzt und setzt auf eine gute medizinische Versorgung. Daher ist z.B. Fresenius vor Ort aktiv.

Wie laufen Projekte in Turkmenistan ab?

In der Regel werden Projekte bei den turkmenischen Fachministerien angemeldet und von der Regierung bewilligt. Dann stellt sie Mittel aus dem Haushalt zur Verfügung, die über die Banken ausgereicht werden. Es ist schwierig, langfristige Lieferabkommen zu schließen aufgrund einiger besonderer Charakteristika. Das turkmenische Geschäftsgebaren ist für ausländische Unternehmen nicht leicht zu verstehen. Projekte haben einen entsprechend langen Vorlauf und werden bedingt durch den hohen bürokratischen Aufwand nicht immer bis zum Ende gedacht. So fehlt es bisweilen an inländischen Fachkräften, die die Anlagen bedienen können.  Gleichzeitig ist es für ausländische Unternehmen schwierig,   Vereinbarungen zu treffen, die für einen Weiterbetrieb der Projekte nach der Fertigstellung sorgen.

Wie sieht es mit der Finanzierung der Projekte aus?

Eine Finanzierung privater Vorhaben ist im Inland kaum möglich, da die Banken  schwach kapitalisiert sind. Das gesamte turkmenische Bankensystem hat lediglich eine Bilanzsumme von 33,9 Mrd USD, von denen 53% auf die staatliche Entwicklungsbank entfallen. Exportkredite können durch staatliche Deckungen abgesichert werden. Bestätigte Akkreditive sind für eine kurze Frist von sechs bis zwölf Monaten üblich. Darüber hinaus kommen die Währungsrisiken stärker in den Blick. Zwar ist der offizielle Wechselkurs des turkmenischen Manat seit Jahren stabil (3,5 TMT/USD), aber die geringe Devisenverfügbarkeit hat den Schattenwechselkurs extrem ansteigen lassen. Im Moment ist das Land dabei, sein Rating aus dem Jahr 1997 mit Fitch zu erneuern. Mit einem Rating kann die finanzielle Situation transparenter werden.

Welche Empfehlungen können Sie deutschen Unternehmen mit Blick auf Turkmenistan geben?

Zeigen Sie Präsenz in der Region, wie es Ihre Wettbewerber aus Japan und Südkorea machen. Reisen Sie nach Zentralasien und machen Sie sich ein Bild von den Ländern der Region.

Vielen Dank Herr Noetzel, Herr Wagner, Herr Dr. Totzke für diesen spannenden Einblick in die Märkte Zentralasiens!

ulf-peter.noetzel@db.com

igor.wagner@db.com

steffen.totzke@db.com

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