Die Zahl der Insolvenzen in Polen wird 2020 um 14% steigen. Zum Vergleich: Global erwartet Coface 10% mehr Insolvenzen, in Deutschland 8%. Wie lange sich diese optimistischen Prognosen halten lassen, hängt wesentlich auch davon ab, wie die allerorten angekündigten oder bereits verkündeten wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen greifen. Das gilt auch für Polen.

Das Ergebnis ist heftig: 98% der von Coface befragten Unternehmen in Polen haben Zahlungsverzögerungen erlitten. Nicht etwa aktuell wegen der Coronakrise, sondern noch im gut gelaufenen Wirtschaftsjahr 2019. Diese Quote kann sich also kaum noch verschlechtern. Aber die Auswirkungen der Krise auf Insolvenzen, Zahlungsausfälle oder verspätete Zahlungseingänge lassen sich im Moment allenfalls erahnen, aber nicht ­verlässlich prognostizieren.

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So ist auch Grzegorz Sielewicz, Autor der Coface-Befragung, derzeit vorsichtig mit Vorhersagen. Der Regional Economist für Mittel- und Osteuropa sieht in einem Bestszenario auf Basis der jetzt vorliegenden Daten für Polen 2020 noch ein Wirtschaftswachstum von 0,6%, allerdings schon mit einer Rezession im zweiten und dritten Quartal: „Leider könnte sogar die jüngste Prognose je nach der Entwicklung in den nächsten Wochen nach unten revidiert werden.“ Polens BIP-Wachstum erreichte 2019 noch 4,1%. Ein relativ günstiges makroökonomisches Umfeld hatte in den vergangenen Jahren unterstützende Bedingungen für Unternehmen geschaffen.

Im Fall der Insolvenzen ist eine Prognose nur in der Richtung sicher, noch nicht im Ausmaß. „Nach unserem Modell werden die Insolvenzen im Jahr 2020 um 14% steigen.“ Zum Vergleich: Global erwartet Coface mit Stand Ende März 10% mehr Insolvenzen, in Deutschland 8%. Wie lange sich diese noch optimistischen Prognosen halten lassen, hängt wesentlich auch davon ab, wie die allerorten angekündigten oder bereits verkündeten wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen greifen. Das gilt auch für Polen.

Insolvenzen dürften zunehmen

Die polnische Regierung kündigte verschiedene Maßnahmen zur Unterstützung der Unternehmen an, während die Zentralbank die Zinsen senkte und zum ersten Mal in der Geschichte das Programm der quantitativen Lockerung umsetzte. Ein verschlechtertes wirtschaftliches Umfeld, auch bei den wichtigsten Handelspartnern, könnte jedoch zu einer deutlich höheren Zahl von Insolvenzen führen.

Zu den Branchen, die davon betroffen sein werden, gehört der Verkehrssektor, sowohl im Inland als auch im Ausland. Polen ist der größte Transporteur von internationalen Straßengüterverkehrsdiensten in der EU, so dass diese Branche mit Sicherheit extrem unter den Folgen der Coronaeinschränkungen leiden wird. Gleiches gilt für die Automobilindustrie, die natürlich in die internationalen Lieferketten einbezogen ist, sowie andere Sektoren, die allmählich unter der Abschottung und dem Rückgang der sozialen Aktivitäten leiden: Tourismus, Einzelhandel, Elektronik.

„Wenn die Unternehmen beginnen, die Beschäftigung zu reduzieren, würde ich längerfristige Auswirkungen auf den Verbrauch der Haushalte und die Investitionen der Unternehmen in Polen sehen“, sagt Grzegorz Sielewicz. „Das würde auch dem Bausektor mit dem neuen Wohnungsmarkt schaden; Letzterer hat sich in den vergangenen Jahren dank eines steigenden verfügbaren Einkommens der Haushalte gut entwickelt.“

Zahlungsfristen wurden 2019 verkürzt

Die Hälfte der befragten polnischen Unternehmen erklärte im Dezember 2019 gegenüber Coface, dass sie durchschnittliche Kreditlaufzeiten von bis zu 30 Tagen einräumten. Im Vergleich zum Vorjahr gewährten weniger Unternehmen (–1,3 Prozentpunkte) Ziele im Bereich von 91 bis 120 Tagen. Die durchschnittliche Kreditlaufzeit ist in etwa gleich geblieben. 2018 waren es 47,3 Tage, jetzt sind es 47 Tage. In diesem Zusammenhang erwarteten 59% der befragten Unternehmen, dass sich die Kreditlaufzeiten für kleine und mittlere Kunden in den kommenden Monaten nicht ändern werden. Im Gegensatz dazu wird erwartet, dass die Kreditlaufzeiten für Großkunden bei 60% der befragten Unternehmen zunehmen werden. Inwieweit das jetzt noch zutrifft, wird die Folgebefragung Ende dieses Jahres zeigen. Es dürfte nicht nur in Polen die interessanteste Befragung werden, seit Coface sie in mehreren Ländern durchführt.

Zahlungsverzögerungen etwas kürzer

Zwar haben fast alle Unternehmen im Jahr 2019 Zahlungsverzögerungen erlebt. Allerdings hat sich die durchschnittliche Überziehung um fast drei Tage gegenüber 2018 auf 57,2 Tage leicht verkürzt. In Deutschland, dem Haupthandelspartner Polens, waren die durchschnittlichen Zahlungsverzögerungen laut einer Befragung von Coface drei Wochen kürzer: 35,5 Tage. In der Türkei betrug der durchschnittliche Zahlungsverzug bei Inlandsverkäufen 40,7 Tage und bei Exportverkäufen 58,1 Tage.

Die verschiedenen Wirtschaftssektoren sind weiterhin mit erheblichen Zahlungsverzögerungen in unterschiedlichem ­Ausmaß konfrontiert. Obwohl der Transportsektor einer der fünf befragten Sektoren war, die über geringere Verzöge­rungen berichteten – zusammen mit der Agrar- und Ernährungswirtschaft, der chemischen Industrie, der Automobil­industrie und dem Baugewerbe –, nannten 70% der Transportunternehmen Zahlungen, die mehr als ein halbes Jahr überfällig waren. Der Durchschnitt im Transportsektor erreichte 121,7 Tage. Die durchschnittlichen Zahlungsverzögerungen im Bausektor betrugen ebenfalls mehr als 100 Tage (104,2). Beide Sektoren gehörten dabei schon zu den großzügigsten, die lange durchschnittliche Kreditlaufzeiten anboten: 50% der Transport­unternehmen und 38% im Baugewerbe boten Zahlungsziele von mehr als 90 Tagen an.

Von den Branchen, die eine Zunahme der Zahlungsverzögerungen verzeichnen (Textil, Papier/Holz, Pharma, Einzelhandel, Metalle, IKT und Energie), verzeichnete der Metallsektor den höchsten Anstieg: um fast 13 Tage von 53 auf 66 Tage. Diese Verschlechterung im Metallsektor wurde bereits hervorgehoben, als Coface seine Risikobewertung für den Sektor in Polen von „mittleres Risiko” auf „hohes Risiko” herabstufte.

Ende vergangenen Jahres erwarteten 50% der Unternehmen in der Umfrage, dass ihre Rentabilität kurzfristig steigen werde. 10% erwarteten, dass ihre Rentabilität auf dem derzeitigen Niveau bleiben würde. Zu diesem Zeitpunkt waren die Textil- und Bekleidungsindustrie, die Automobilindustrie und der Energiesektor diejenigen, die die größte Umsatzsteigerung erwarteten. Die Pharma-, die Metall- und die Baubranche hingegen prognostizierten geringere Umsätze für die kommenden Monate. Jetzt, ein Vierteljahr später, dürften die Erwartungen mit großer Wahrscheinlichkeit anders ausfallen.

Aktuelle Webinare zur wirtschaftlichen Situation weltweit (LINK) sowie speziell in Mittel- und Osteuropa (LINK) stehen auf dem YouTube-Kanal der Coface-Group zur Ansicht bereit.

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