Nicht nur in Griechenland kämpfen die Unternehmen mit uneinbringlichen Forderungen, auch in Polen fallen überdurchschnittlich viele Zahlungen aus. In einer Befragung von 800 Unternehmen in östlichen EU-Staaten ermittelte Atradius eine Ausfallquote von 4,4% im Inland und 4,1% im Ausland. In einer parallelen Befragung in Westeuropa wurden in Griechenland 7,4% der Forderungen als Totalausfall gewertet. Und eine weitere Verschlechterung der Zahlungsmoral ist absehbar.

Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut

Unternehmen in Osteuropa rechnen für das zweite Halbjahr 2012 mit einer Steigerung des Zahlungsausfallrisikos. Über 800 Unternehmen aus der Tschechischen Republik, Ungarn, Polen und der Slowakei wurden für das Zahlungsmoralbarometer von Atradius befragt. In der Tschechischen Republik rechnen über 40% der Befragten mit einer Verschlechterung der Zahlungsmoral. Mehr als ein Drittel der polnischen Unternehmen (35,1%) teilt diese Auffassung. Daher will jedes zweite der befragten polnischen und slowakischen Unternehmen (jeweils 56% der Befragten) als vorbeugende Maßnahme die Prüfung der Kreditwürdigkeit ihrer Geschäftspartner verstärken.

Die unsichere Wirtschaftslage in den vier befragten osteuropäischen Ländern hat dazu geführt, dass im Durchschnitt 31,6% der Forderungen gegenüber inländischen Geschäftspartnern verspätet bezahlt werden. Wie schon bei der Befragung vor sechs Monaten sind fehlende finanzielle Mittel mit 87,3% (2011: 80,4%) der Hauptgrund für späte Zahlungen im Inland. Als Ursache für Zahlungsverzögerungen von ausländischen Geschäftspartnern geben 71% (2011: 69,5%) der Studienteilnehmer fehlende Liquidität an. Die slowakischen Unternehmen haben im Binnenhandel am stärksten mit überfälligen Forderungen zu kämpfen. 35,7% der offenen Rechnungen werden dort zu spät bezahlt. Ausländische Kunden zahlen nach Angabe der befragten Firmen im Durchschnitt schneller als inländische. Die befragten tschechischen Exporteure gaben an, dass mehr als ein Drittel ihrer ausländischen Geschäftspartner zu spät zahle (32,9%). Im Studiendurchschnitt lag der Anteil bei 26,3%.

Insgesamt ergab das aktuelle Zahlungsmoralbarometer für Osteuropa, dass im Durchschnitt 2,6% der Forderungen von inländischen Abnehmern und 1,8% von ausländischen Geschäftspartnern komplett ausfielen. In Polen lag der Anteil an Totalausfällen im Inland bei 4,4%. 4,1% der Forderungen gegenüber ausländischen Geschäftspartnern fielen komplett aus. Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director für Mittel- und Osteuropa von Atradius, erklärt: „Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in einigen europäischen Ländern haben Unternehmen nach wie vor mit Zahlungsausfällen bis hin zu Insolvenzen zu kämpfen.

Aufgrund der verhaltenen konjunkturellen Aussichten für die Euro-Zone wird für das Jahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr eine Verlangsamung des BIP-Wachstums in Mittel- und Osteuropa erwartet. In Ländern, in denen die Wirtschaftsleistung bereits schwach ist, wie beispielsweise in Ungarn, ist das Risiko für Zahlungsausfälle am größten.“

Auch Unternehmen in Westeuropa kämpfen weiter mit verspäteten Zahlungen, Forderungsausfällen und einem erhöhten Risiko bei Lieferantenkrediten. Nach Angaben der 2.886 im Rahmen des Atradius Zahlungsmoralbarometers befragten Unternehmen wurden 30% der Forderungen gegenüber Geschäftskunden zu spät beglichen. 20% davon waren mehr als zwei Monate überfällig. 3% fielen komplett aus.

Am angespanntesten ist die Lage in Griechenland, wo Rechnungen durchschnittlich 90 Tage zu spät beglichen werden und im Vergleich zum westeuropäischen Durchschnitt mehr als doppelt so viele Forderungen uneinbringlich sind. Im Gegensatz zu einer Verbesserung erwarten dreimal so viele Studienteilnehmer eine Verschlechterung der Zahlungsmoral in den nächsten sechs Monaten.

Auch die größten Probleme mit Zahlungsverzögerungen gab es in Griechenland, wo 41,1% der Forderungen gegenüber inländischen Geschäftskunden zu spät beglichen wurden, gefolgt von Italien mit 39,5% und Irland mit 38,2% (westeuropäischer Durchschnitt: 30%). Davon waren jeweils 18,7% (Griechenland), 11,7% (Italien) und 6,5% (Irland) mehr als drei Monate überfällig (westeuropäischer Durchschnitt: 6%).

Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich der durchschnittliche Anteil von Verkäufen mit Zahlungsziel kaum verändert. Griechenland und die Türkei, die zum ersten Mal befragt wurden, zeigen jedoch deutlich abweichende Ergebnisse beim Geschäft mit inländischen Kunden. Griechenland (66,1%) und die Türkei (65,8%) wiesen den zweit- und dritthöchsten Anteil von Verkäufen mit Zahlungsziel im Inland und die längsten Zahlungsziele für inländische Geschäftspartner auf (85 Tage in der Türkei und 75 Tage in Griechenland).

Im Studiendurchschnitt fielen rund 3% der Forderungen gegenüber inländischen Geschäftspartnern aus. Die befragten Unternehmen in Griechenland gaben die höchste durchschnittliche Ausfallquote bei Geschäftskunden an. Demnach waren hier 7,4% der Forderungen im Inland uneinbringlich. Italien wies mit 5,4% die zweihöchste Ausfallquote auf. Der westeuropäische Durchschnitt lag bei 3,5%.

Wie im vergangenen Jahr gaben die Studienteilnehmer Liquiditätsengpässe als Hauptgrund für verspätete Zahlungen ihrer Geschäftskunden an. 66,8% der befragten Unternehmen nannten dies als Ursache für verspätete Zahlungen inländischer Geschäftspartner, 46,2% für ausländische Geschäftspartner. Unternehmen in Westeuropa werden voraussichtlich auch in den nächsten sechs Monaten mit Liquiditätsschwierigkeiten ihrer Geschäftskunden zu kämpfen haben. Die Zahl der Studienteilnehmer, die eine Verschlechterung der Zahlungsmoral erwarten, ist dreimal so hoch wie die Zahl derjenigen, die eine Verbesserung erwarten.

Um sich vor verspäteten Zahlungen und Forderungsausfällen zu schützen, wollen rund 48,6% der Studienteilnehmer in Westeuropa verstärkt auf aktives Forderungsmanagement setzen und dabei regelmäßiger die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden überprüfen, das Mahnwesen intensivieren und häufiger Sicherheiten verlangen.

Andreas Tesch, Vorstandsmitglied und Chief Market Officer von Atradius N. V.: „Die aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Westeuropa sind bedenklich. Die Unsicherheit bezüglich der Zukunft Griechenlands in der Euro-Zone und die allgemein schwachen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa deuten auf eine Phase steigender Insolvenzzahlen und Forderungsausfälle hin. Das Studienergebnis für Griechenland mit einer Ausfallquote von 7,4% gegenüber dem westeuropäischen Durchschnitt von 3,5% unterstreicht deutlich das verschlechterte Risikoumfeld in diesem Land. Das Forderungsausfallrisiko in Griechenland und ganz Europa wird kurzfristig nicht sinken. Im Gegenteil, wir erwarten einen Anstieg der Insolvenzzahlen von 5 bis 10% in Europa.“

Während die Euro-Länder mit höheren Zahlungsrisiken konfrontiert sind, leisten sich die Unternehmen in der Türkei deutlich längere Forderungslaufzeiten, um durch großzügigere Zahlungsziele eine engere Kundenbindung zu erreichen. Auch in Griechenland und Spanien ver­suchen die Unternehmen, mit großzügigen Lieferantenkrediten Liquiditätsengpässe ihrer Kunden zu überbrücken. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob diese Praxis Bestand haben kann oder rigideren Zahlungsvereinbarungen Platz machen muss.

Kontakt: g.schilling[at]faz-institut.de

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