Gedämpftes Wachstum in der Euro-Zone und im übrigen Europa, eine Abschwächung der Weltwirtschaft, niedrige Rohstoffpreise und Krisen in wichtigen Schwellenmärkten: Das herausfordernde ökonomische Umfeld für die Unternehmen in West- und Ost­europa macht sich auch bei der Entwicklung des Zahlungsverhaltens im B2B-Sektor bemerkbar. Es gibt kaum ein Unternehmen auf dem europäischen Kontinent, das nicht von verspäteten Zahlungen seiner in- bzw. ausländischen Kunden betroffen ist.

Von Andreas Tesch, Chief Market Officer, Atradius Kreditversicherung

Datei als PDF (Download)

88,5% der befragten Unternehmen in Westeuropa, die an der aktuellen Atradius-Studie zum Zahlungsverhalten ihrer Geschäftskunden teilgenommen haben, berichteten, im vergangenen Jahr von einem oder mehreren Abnehmern zu spät bezahlt worden zu sein. Bei den Unternehmen aus Deutschland gaben sogar 93% an, von Zahlungsverzug betroffen zu sein. Doch dieser Wert gibt noch keine Auskunft über die tatsächlich auftretenden Zahlungsausfälle. Diese betrugen bei deutschen Unternehmen 0,8% der Forderungen, während im westeuropäischen Durchschnitt 1,3% der Forderungen (60% mehr) als uneinbringlich abgeschrieben werden mussten.

Ost und West im Vergleich

In West- und Osteuropa ist die Situation im Hinblick auf die am Fälligkeitstag noch offenen Forderungen recht ähnlich: Etwa 40% des Gesamtwertes dieser Forderungen waren zu diesem Termin noch nicht beglichen, wobei sich vor allem in den an der Studie teilnehmenden Ländern Osteuropas ein deutlicher Zuwachs der offenen Posten abzeichnete: Dort stieg der Wert der inländischen Forderungssumme um 9% auf 45%, bei ausländischen Kunden waren sogar 19% mehr offene Forderungen zu verzeichnen (40,8% im Vergleich zu 34,2% im Vorjahr).

Schaut man sich die Entwicklung in den einzelnen Ländern an, so stellt man fest, dass vor allen Dingen Unternehmen aus Italien und Griechenland von säumigen Zahlern aus dem Kreis ihrer inländischen Kunden berichteten: In beiden Märkten gab es bei fast 50% der offenen Forderungen Zahlungsverzögerungen zu beklagen, womit dieser Wert um etwa ein Viertel über dem westeuropäischen Durchschnitt lag. Demgegenüber litten 46,4% der in Großbritannien befragten Unternehmen unter verspäteten Zahlungen ihrer Exportkunden, das waren deutlich mehr als im Durchschnitt aller Länder Westeuropas (38,3%).

Polen wartet am längsten

Von den an der Studie teilnehmenden Ländern Osteuropas waren die Unternehmen aus Polen am häufigsten von verzögerten Zahlungen ihrer ausländischen Kunden betroffen: 29,8% des Gesamtwertes der B2B-Forderungen waren hier auch 90 Tage nach dem Fälligkeitstermin noch unbezahlt. Damit lag deren Anteil fast um die Hälfte über dem Durchschnittswert aller untersuchten osteuropäischen Länder von 20%. Es folgten die Länder Türkei und Tschechische Republik mit 26,4% bzw. 22,3%.

Diese Entwicklung korrespondiert mit dem Anstieg der durchschnittlichen Forderungslaufzeit (DSO – Days Sales Outstanding), die in der Türkei im vergangenen Jahr um drei Tage auf 63 Tage anstieg. Nur in Polen lag die DSO mit 71 Tagen noch deutlicher über dem Durchschnitt von 57 Tagen. Im Mittelfeld bewegten sich Ungarn (53 Tage) sowie die Tschechische Republik mit 55 Tagen durchschnittlicher Forderungslaufzeit.

Dominoeffekt in der Lieferkette

Anlass zur Besorgnis gibt die Tatsache, dass viele Unternehmen aufgrund von verspäteten Zahlungen ihrer Kunden dazu gezwungen sind, ihre eigenen Lieferanten zu spät zu bezahlen, da sie nicht über die notwendigen liquiden Mittel verfügen. Dieser Dominoeffekt betraf 25% der befragten Unternehmen in Westeuropa und fast 30% in Osteuropa. Zudem gaben 11% der Befragten in Osteuropa und 7,6% in Westeuropa an, dass der Zahlungsverzug ihr eigenes Wachstum behindere.

Nur langsames Wachstum

Damit wird deutlich, dass verzögerte Zahlungen nicht nur den Cashflow der betroffenen Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen, sondern auch deren Wachstumsdynamik ausbremsen können. Bedeutsam ist dieser Umstand, weil die Konjunkturlage in Europa ohnehin durchwachsen ist und jeder weitere Negativfaktor das Wachstum zusätzlich abschwächt. Während für die gesamte EU 2016 bis zu 1,9% Wirtschaftswachstum erwartet werden, fallen die Prognosen für Osteuropa mit 1,1% deutlich geringer aus.

Auch die internationalen Märkte bieten keine Alternative. Wichtige Exportmärkte aus den Schwellenländern befinden sich in der Krise: Während Russland unter dem Embargo sowie den niedrigen Erdölpreisen leidet, kühlt sich die Konjunktur in China weiter ab. In Brasilien schließlich lähmen Korruption und eine Staatskrise die Wirtschaft.

Schlechtere Zahlungsmoral und längere Forderungslaufzeiten

Die genannten Faktoren werden auch im laufenden Jahr dafür sorgen, dass die Zahl der Insolvenzen auf einem hohen Niveau verharren wird und die Kreditrisiken zunehmen. Dieses Szenario spiegelt sich nicht zuletzt in den Erwartungen der im Rahmen unserer Studie befragten Unternehmen wider: Fast jedes dritte Unternehmen (31%) in Westeuropa erwartet eine Verschlechterung des Zahlungsverhaltens im laufenden Jahr, und in Osteuropa rechnet jeder fünfte Studienteilnehmer mit einem weiteren Anstieg der Forderungslaufzeiten (DSO).

Um diesen Gefahren für die Liquidität des eigenen Unternehmens entgegenzuwirken, empfiehlt es sich zum einen, das eigene Kundenportfolio und die darin enthaltenen Kreditrisiken genauer unter die Lupe zu nehmen und eventuell zu diversifizieren. Zum anderen sollte das Forderungsmanagement professionalisiert werden, um Zahlungsausfälle so weit wie möglich zu begrenzen. In beiden Fällen kann eine Kreditversicherung dabei gute Dienste leisten.

Hier finden Sie alle Ergebnisse der aktuellen Zahlungsmoralbarometer von Atradius für Westeuropa (https://atradius.de/publikation/payment-practices-barometer-western-europe-2016.html) und Osteuropa (https://atradius.de/puDablikation/payment-practices-barometer-eastern-europe-2016.html).

Kontakt: andreas.tesch@atradius.com

 

Aktuelle Beiträge