Der weltwirtschaftliche Boom, der vom Wirtschaftswunder Chinas ausging, lässt spürbar nach. Zwar sind die Zahlen noch immer stabil, doch scheint die Euphorie langsam, aber sicher abzuebben. Mit Indien und Pakistan gibt es jedoch zwei Nationen, die in die Fußstapfen der Volksrepublik treten wollen – Länder, die die Vergangenheit trennt, die jedoch die wirtschaftliche Entwicklung eint. Für deutsche Unternehmen bieten sich Chancen in Infrastrukturprojekten und beim Ausbau der Exportproduktion.

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Obwohl zu Südasien lediglich acht Länder gehören (Afghanistan, Bangladesch, ­Bhutan, Indien, die Malediven, Nepal, Pakistan, Sri Lanka), leben beinahe 25% der Weltbevölkerung in dieser Region. Weil sie eher von ärmlichen Verhältnissen geprägt ist, vermuten nicht gerade viele Unternehmer große Potentiale vor Ort. Doch Indien und Pakistan arbeiten momentan aktiv daran, diesen Ruf zu ändern.

Beide Länder verbindet eine lange und oftmals auch schwierige Vergangenheit. Bis 1947 waren Indien und Pakistan ein Land: Britisch-Indien. Religiöse und ethnische Spannungen führten dann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zur Gründung der beiden separaten Staaten. Ein Konflikt, der sich auch heute noch bemerkbar macht, wenngleich es in den vergangenen Jahren zu einer deutlichen Entspannung kam. Ein Grund dafür ist vielleicht auch der wirtschaftliche Aufschwung, der beide Länder mittlerweile verbindet. Grund genug, einen genaueren Blick auf die aktuelle Entwicklung zu werfen – auf Erfolgszahlen aus Südasien und die sich damit eröffnenden Chancen für deutsche Unternehmen.

Der neue Stern Südasiens

Ist wirtschaftlich von Indien die Rede, kommt man momentan kaum an Super­lativen vorbei: vom Starperformer bis zur am schnellsten wachsenden Wirtschaft der kommenden drei Jahre. Während anderen BRICS-Staaten wie China oder Brasilien momentan etwas die Luft aus­zugehen droht, befindet sich Indien eindeutig auf der Überholspur. Das belegen auch die Zahlen mehr als deutlich: Im vierten Quartal 2017 wuchs Indiens ­Wirtschaft um gut 7,2% und katapultiert sich damit im weltweiten Vergleich in die Top 5 der erfolgreichsten Länder. Auch für die kommenden Jahre erwarten Experten ein Wachstum in dieser Größenordnung. Das Land profitiert dabei vor allem von den günstigen Ölpreisen, die maßgeblich Motor der erfolgreichen Industrialisierung waren. Einen weiteren großen Anteil an Indiens Aufstieg hat der indische Premierminister Narenda Modi. Seine umfangreichen wirtschaftlichen Reformen haben dem Land neuen Schwung gegeben.

Kleiner Bruder, großer Erfolg

Ein ähnliches Bild findet sich bei einem Blick über die Grenze Indiens: Auch Pakistan befindet sich im Aufschwung. Nach dem Militärputsch 1999 ging es mit der Wirtschaft fast kontinuierlich bergauf, mittlerweile kann der muslimisch geprägte Staat beeindruckende Erfolgszahlen vorweisen. Im Wirtschaftsjahr 2018 wird für Pakistan ein Wachstum von 5,6% prognostiziert – bis 2020 sogar ein Wachstum von beinahe 6%. Dabei handelt es sich um eine deutlich überdurchschnittliche Entwicklung, auch im weltweiten Vergleich. Zuversichtlich erwartet werden ebenso die Wahlen im kommenden Jahr. Sie werden zum zweiten Mal demokratisch durchgeführt und versprechen einen zusätzlichen Schub.

Die pakistanische Regierung tut viel dafür, dass die genannten Prognosen erreicht werden. Die Infrastruktur wird weiter ausgebaut, viele Straßenerweiterungen, Autobahnbauten, eine Verbesserung der elektronischen Versorgung sowie eine Erweiterung des Eisenbahnnetzes stehen aktuell auf dem Programm der Verantwortlichen. Diese Maßnahmen finden hauptsächlich im Rahmen des CPEC statt – des „China-Pakistan Economic Corridor“. China ist Pakistans wichtigster Handelspartner, und der Korridor ist eine Erweiterung von Chinas „One Belt, One Road“-Initiative. Damit ist er ein wesentlicher Motor des pakistanischen Wachstums. Es wird angenommen, dass allein der CPEC im Zeitraum von 2015 bis 2030 bis zu 2 Millionen Arbeitsplätze schaffen und 2 bis 2,5 Prozentpunkte zu Pakistans Wirtschaftswachstum beitragen wird.

Damit dieser anspruchsvolle Plan auch gelingt, gilt es allerdings einige Herausforderungen zu überwinden. Am gravierendsten sind dabei die schwindenden ausländischen Währungsreserven sowie ein drohender Downgrade des Landes durch die Financial Transaction Task Force. Beides sind allerdings Probleme, die Pakistan nicht neu sind und die bereits in der Vergangenheit erfolgreich gemeistert wurden.

Herausforderungen auf beiden Seiten

Eine Reaktion auf den Mangel an Währungsreserven ist bereits erfolgt. Mussten der Import von Gütern und Maschinen bisher zu 100% in Pakistanischen Rupien getätigt werden, gestattet die Regierung mittlerweile eine 50/50-Finanzierung mit gleichen Anteilen von Landes- und Fremdwährung. Auf diese Weise eröffnen sich beispielsweise deutschen Unternehmen ganz neue Chancen im pakistanischen Markt, da sie nun auf die Gesamtbreite möglicher Exportfinanzierungen und -absicherungen, wie sie etwa die Commerzbank anbietet, zurückgreifen können. Gerade die umfangreichen Arbeiten an Pakistans Infrastruktur eröffnen hier vielfältige Ansatzpunkte für fast alle Branchen Deutschlands.

Auch Indien muss auf dem Weg an die Spitze noch einige Hürden nehmen. Neben den infrastrukturellen Herausforderungen ist es vor allem die umständliche Bürokratie, die ausländische Investoren abschreckt. Vielleicht auch deshalb ist bisher fast ausschließlich der Binnenhandel für den bemerkenswerten Aufstieg des Landes verantwortlich. Im Export sehen viele Experten noch Nachholbedarf, will man sich langfristig in der Riege der Erfolgsnationen etablieren. Generell müssen sich die Exporte des Lands erheblich diversifizieren. Dies betrifft nicht nur die Bandbreite der Ausfuhren, sondern auch ihre Qualität. Hier muss sich das ehemalige Mitglied des Commonwealth breiter aufstellen und zunächst vor allem dafür die Grundlagen in der Produktion schaffen – ein Aspekt, der für deutsche Unternehmen von Interesse sein könnte.

Alle diese Herausforderungen wurden jedoch bereits von der Regierung Modi erkannt, die weitere, umfassende Reformpläne in Aussicht stellte, Pläne, von denen ebenso wie in Pakistan auch deutsche Firmen profitieren werden – auch hier be-sonders durch die umfangreichen Bemühungen, die Infrastruktur zu verbessern. Als wichtigster europäischer Handelspartner Indiens könnte Deutschland eine nicht unwesentliche Rolle in der Zukunft spielen. Denn der Ruf von Qualität „made in Germany“ hat sich auch bis ins weit entfernte Südasien verbreitet. Und das gilt nicht nur für Indien, sondern auch für Pakistan.

alexander.mondorf@commerzbank.com

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