Die USA arbeiten sich seit Mitte 2009 mit billigem Geld und hohen Staatsausgaben mühsam aus der schwersten Rezession der Nachkriegszeit heraus. Nach der Erholung des privaten Verbrauchs nahmen auch die Unternehmensinvestitionen im Verlauf des ersten Halbjahres 2010 Fahrt auf. Dies hat auch die deutschen Exporte kräftig wachsen lassen. Doch der US-amerikanische ­Aufschwung erweist sich als fragil. Die Absatzperspektiven für die deutsche Exportwirtschaft könnten sich schnell wieder eintrüben.

Von Sylvia Röhrig, Redakteurin ExportManager, F.A.Z.-Institut

Die relative Bedeutung des US-amerikanischen Marktes für die deutsche Wirtschaft nimmt seit Jahren stetig ab. Der Exportanteil der USA ist im Zeitraum 2001 bis 2009 um fast 4 Prozentpunkte auf 6,7% gesunken. Allein im Jahr 2009 gingen 0,6 Prozentpunkte verloren, weil die deutschen Exporte in die USA überdurchschnittlich um 24,6% eingebrochen sind. Nun dürfte es angesichts der fragilen US-Wirtschaftserholung eine Weile dauern, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht ist. Immerhin sind im ersten Halbjahr 2010 die deutschen Warenexporte in die USA auf Euro-Basis um 14,1% auf knapp 30,9 Mrd Euro gestiegen. Dieser Zuwachs ist höher als der bei den wichtigsten Handelspartnern in Westeuropa. Im Vergleich zu Asien (+36,4%) und Lateinamerika (+52%) ist aber die Absatzsteigerung auf dem US-Markt bescheiden und womöglich auch nicht nachhaltig.

Im ersten Halbjahr 2010 führten vor allem die Belebung der US-amerikanischen Automobilnachfrage und die Erholung der Investitionstätigkeit in einzelnen Sektoren zu einer verstärkten Nachfrage nach deutschen Gütern. Die deutschen Anbieter dürften zudem von der Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar um rund 12% profitiert haben. Hohe Wachstumsraten verzeichneten die deutschen Exporte von Schienen- und Wasserfahrzeugen. Im Kfz-Sektor legten vor allem die Ausfuhren von deutschen Leichtfahrzeugen (Pkw und Wohnmobilen) und Fahrzeugteilen zweistellig zu. Stark rückläufig blieben dagegen die Exporte von Nutzfahrzeugen (Lkw und Bussen). Kraftfahrzeuge machen gut 20% der gesamten deutschen Exporte in die USA aus.

Der Absatz der deutschen Automobilanbieter in den USA hat sich generell sehr gut entwickelt, die deutschen Hersteller konnten ihren Marktanteil weiter ausbauen. Mercedes und VW investieren derzeit in die Erweiterung ihrer Montagekapazitäten. Dies könnte die Nachfrage nach deutschen Kfz-Teilen auch in Zukunft stimulieren. Doch unter dem Strich dürfte sich mit dem Auslaufen der staatlichen Fördermaßnahmen die Automobilkonjunktur wieder deutlich abkühlen.

Das Investitionsklima in den USA hat sich seit Jahresbeginn aufgehellt. Die Unternehmensinvestitionen legten in den ersten zwei Quartalen 2010 erstmals wieder zu, nachdem sie fast zwei Jahre lang rückläufig waren. Dies bekamen einzelne Sparten des deutschen Maschinenbaus und der Elektroindustrie zu spüren, die ihre Lieferungen in die USA deutlich steigern konnten.

Doch die Kapazitätsauslastung in der verarbeitenden Industrie liegt trotz leichter Steigerung auf 72,2% im Juli immer noch 7 Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt. So wird im Industriesektor zurzeit kaum in die Erweiterung der Produktion, sondern vorwiegend in die Modernisierung der Anlagen zur Steigerung der Produktivität und der Umweltverträglichkeit investiert. Dabei profitieren ausgewählte Sektoren von den Finanzierungen aus dem 787 Mrd US$ schweren Konjunkturprogramm, die in diesem Jahr ausgereicht werden. Zu den Profiteuren zählen die Automobilindustrie, der Infrastruktursektor, die Bereiche Gesundheit und Bildung, die Branchen Telekommunikation und Informationstechnologie sowie die Energiewirtschaft.

Die amerikanische Automobilbranche investiert derzeit kräftig in die Umstellung der Produktion hin zu energieeffizienteren Autos. In der Energiewirtschaft wird in Technologien der alternativen Energieerzeugung investiert. Investitionsvorhaben werden im Bereich der Kernenergie sowie der Müllverbrennung durchgeführt. In der Kunststoffbranche werden Produktlinien umgerüstet, die zu einem Bedarf an neuen Spritzgießmaschinen führen. Diese und andere Modernisierungsmaßnahmen in der amerikanischen Industrie lassen erwarten, dass sich die Nachfrage nach deutschen Werkzeugmaschinen in den nächsten Monaten weiter erholen wird. Für diese Sparte fiel der Zuwachs (+0,6%) im ersten Halbjahr noch relativ gering aus.

Trotz der im vergangenen Halbjahr erfolgten Euro-Abwertung hat sich für die deutschen Anbieter die Wettbewerbssituation auf dem amerikanischen Markt verschärft. US-amerikanische Unternehmen haben im Zuge der Rezession ihre Kosten reduziert und ihre Strukturen angepasst und sind nun besser aufgestellt. Hinzu kommt, dass die 2009 beschlossene „Buy-American-Klausel“ einheimischen Unternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen den Vorzug gibt.

Im Bereich der Bau- und Agrarmaschinen liefern sich deutsche Maschinenbauer einen harten Konkurrenzkampf mit US-Firmen. Im Segment Industriemaschinen und Anlagen behauptet sich China zunehmend mit günstigeren Produkten auf dem amerikanischen Markt. Das Reich der Mitte hat sich zum wichtigsten Maschinenlieferanten der USA entwickelt. Auch gibt es immer noch infolge der krisenbedingten Konkurse ein großes Angebot an Gebrauchtmaschinen. Doch die deutschen Unternehmen setzen sich mit ihrem Angebot an innovativen Erzeugnissen und Speziallösungen sowie mit der hohen Qualität und Präzision ihrer Produkte gut durch. Dabei ist das Angebot von Kundendienstleistungen ein wichtiges Erfolgsrezept im verschärften Konkurrenzkampf.

Seit Mitte des Jahres mehren sich die Anzeichen einer deutlichen Konjunkturverlangsamung, die sich auch auf die Geschäfte der deutschen Exporteure auswirken dürfte. Es besteht ein erhöhtes Risiko, dass die US-amerikanische Wirtschaft erneut in die Rezession abgleitet, noch bevor sie sich von der letzten Krise richtig erholt hat. Das Verbrauchervertrauen ist stark rückläufig, die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern lässt spürbar nach. Die Arbeitslosenquote verharrt auf hohem Niveau. Die Entwicklung am Immobilienmarkt hat Rückschläge erlitten. Im August verzeichnete die Industrieproduktion einen Rückgang.

Die Wachstumsschätzungen der US-Regierung sowie des IWF (3% BIP-Wachstum 2010) erscheinen vor diesem Hintergrund sehr optimistisch. Viele Institutionen haben bereits ihre Prognosen nach unten korrigiert. D&B Deutschland erwartet für 2010 und 2011 ein sehr moderates Wachstum von 1,5 bzw. 1,3%. Die Rezession, das Konjunkturprogramm und die hohe Arbeitslosigkeit haben riesige Löcher im US-amerikanischen Staatshaushalt aufgerissen. Die Neuverschuldung der Zentralregierung erreichte im Fiskaljahr 2009/2010 rund 10% des BIP. Die Staatsverschuldung ist inzwischen auf 66% des BIP geklettert. Auch langfristig wird der politisch notwendige Mix aus Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen das Wachstum bremsen.

Kontakt: s.roehrig[at]faz-institut.de

Aktuelle Beiträge