Schwache Wachstumsergebnisse im ersten Halbjahr 2011 und ideologische Grabenkämpfe zwischen Demokraten und ­Republikanern haben jüngst zu einer schlechteren Einschätzung des Länderrisikos der USA geführt. Coface hat den positiven ­Ausblick für eine mögliche Aufwertung der Länderbewertung von A2 auf A1 wieder zurückgenommen. Ein erneuter Anstieg der Unternehmensinsolvenzen ist insbesondere bei KMUs nicht auszuschließen.

Von Dr. Dirk Bröckelmann, Referent Unternehmenskommunikation, Coface Deutschland AG

Die US-amerikanische Wirtschaft ist im ersten Halbjahr nur sehr schleppend gewachsen. Trotz besserer Wachstumszahlen im dritten Quartal hat Coface für das Gesamtjahr 2011 ihre Wachstumsprognose auf 1,7% gesenkt. Denn sowohl das Verbraucher- als auch das Unternehmervertrauen haben im Oktober einen neuen Tiefstand erreicht. Angesichts politischer Grabenkämpfe hat die Administration unter Staatspräsident Barack Obama kaum Chancen, ihr neues Konjunkturprogramm durch den Kongress zu bringen. Zur Debatte steht ein 447 Mrd US$ schweres Programm zur Erhöhung der Kaufkraft und Schaffung von Arbeitsplätzen.

Die amerikanischen Staatsschulden haben im Sommer die gesetzlich zulässige Grenze von 14.290 Mrd US$ überschritten. Im Verhältnis zum BIP werden die Staatsschulden 2011 über die 100%-Marke steigen. Auch die Neuverschuldung dürfte in diesem Jahr mit geschätzt 9,5% des BIP hoch ausfallen. In der politischen Auseinandersetzung um die Erhöhung der Schuldengrenze und einen möglichen Plan zur Konsolidierung der Staatsfinanzen lieferten sich Demokraten und Republikaner einen erbitterten Streit. Nun richten sich die Hoffnungen auf einen politischen Kompromiss, der bis zum Jahresende erreicht werden könnte. Ein Ausschuss des Kongresses soll Ende November einen Plan zum Defizitabbau vorlegen, der sich bemüht, die zwei sehr gegensätzlichen Vorstellungen der Demokraten und Republikaner unter ein Dach zu bringen.

Die Demokraten setzen neben moderaten Sparmaßnahmen bei Gesundheitskassen und Renten vor allem auf höhere Steuern und den Abbau von Steuervorteilen für besserverdienende Amerikaner und Unternehmen sowie Ausgabenkürzungen im Verteidigungsetat. Die Republikaner schließen dagegen Steuererhöhungen kategorisch aus und möchten stärker die Sozialausgaben beschneiden. Auch wenn der Kongress dem Defizitplan des Ausschusses bis Ende Dezember nicht zustimmt, ist ab 2013 mit automatischen Ausgabenkürzungen von über rund 1,1 Billionen US$ zu rechnen, die vor allem die Verteidigungsausgaben treffen würden. Wie auch immer am Ende die Sparmaßnahmen ausfallen werden, die Finanzpolitik wird zunehmend restriktive Wirkungen auf die US-amerikanische Konjunktur entfalten.

Das Verbrauchervertrauen fiel im Oktober auf den historischen Tiefstand der Krisenjahre 2008/2009 zurück. Gründe hierfür sind die Verunsicherung durch die unklare Ausrichtung der Wirtschaftspolitik sowie der immer noch daniederliegende Immobilienmarkt. Die Immobilienpreise liegen im Schnitt 20% unter dem 2007 erreichten Höchststand. 2011 dürften die Immobilienpreise weiter um 5% bis 10% gesunken sein. Die Haushalte sind zudem bemüht, ihre Verschuldung weiter abzubauen. Seit 2007 ist die Verschuldungsquote der privaten Haushalte von 131% auf 114% gesunken. Die Sparquote hält sich auf einem für die USA relativ hohen Niveau von 5%.

Die private Nachfrage wird zudem durch die trüben Aussichten am Arbeitsmarkt gedämpft. Die Arbeitslosenquote verharrte im dritten Quartal 2011 mit über 9% auf hohem Niveau, das Gleiche gilt für die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Wenig zuversichtlich stimmt auch die Tatsache, dass weniger als ein Drittel der Unternehmen in den kommenden sechs Monaten plant, Beschäftigung aufzubauen.

Die Unternehmensinvestitionen bilden in diesem Jahr und voraussichtlich auch 2012 eine wichtige Konjunkturstütze. Allerdings investieren die amerikanischen Firmen meist nicht in die Produktionserweiterung, sondern in die Modernisierung von Anlagen und IT-Systemen, mit dem Ziel, ihre Produktivität und Wettbwerbsfähigkeit zu verbessern. Es sind vor allem die Großunternehmen, die über die notwendigen Finanzmittel für Investitionen verfügen. Denn 2010 erzielten sie durch bedeutende Kostensenkungsmaßnahmen Rekordgewinne, wodurch bedeutende Liquiditätspolster aufgebaut wurden.

Dagegen leiden viele KMUs unter schwachen Umsätzen und einem begrenzten Zugang zu Finanzierungen. Ihre Haupt­finanzierer, die Regionalbanken, haben noch mit den Folgen der Immobilienkrise zu kämpfen. So ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in den USA zwar rückläufig, bewegt sich aber immer noch auf einem Niveau, das doppelt so hoch ist wie vor der Krise. Trotz dieser schwierigen Lage stellt Coface fest, dass sich die Zahlungsausfälle stabilisiert haben. Der Indikator für die USA bewegt sich allerdings noch deutlich über dem weltweiten Durchschnitt.

Die US-amerikanischen Warenexporte profitieren vom schwachen Wechselkurs und der robusten Nachfrage aus Asien, wohin etwa 20% der Gesamtexporte gehen. Die Exporte legten 2010 um 20,5% zu und dürften auch in diesem Jahr zweistellig wachsen. Doch auch die Importe expandieren kräftig, was zum Teil mit der starken Währung bedeutender Lieferländer (Kanada, Euroländer, Australien, Schweden und UK) sowie den zeitweise hohen Rohstoffpreisen zusammenhängt. So verharrt das Handelsbilanzdefizit 2011 auf hohem Niveau, und die konjunkturellen Impulse der Außenwirtschaft bleiben begrenzt. Die Entwicklung im Außenhandel spiegelt einen Verlust der USA an internationaler Wettbewerbsfähigkeit wider. Gemäß dem World Economic Forum sind die USA von ihrer diesbezüglich ehemaligen Spitzenposition auf Rang 4 hinter die Schweiz, Schweden und Singapur zurückgefallen.

Konjunkturelle Impulse erwartet Coface von der Fortsetzung der expansiven Geldpolitk durch die amerikanische Notenbank Fed. Hierzu zählt auch die Umschichtung kurzfristiger Staatsanleihen in langfristige Papiere, eine Maßnahme, mit der die Fed versucht, die langfristigen Zinsen zu senken. Hierdurch sollen Haushalte und Unternehmen einen Anreiz bekommen, mehr auszugeben.

Kontakt: dirk.broeckelmann[at]coface.de

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