Uruguay ist seit geraumer Zeit ein Vorbild für politische Stabilität in der Region, doch auch wirtschaftlich steht das Land gut da. In den vergangenen 15 Jahren wurde ausschließlich positives BIP-Wachstum erzielt, und in jüngerer Zeit wies auch die Leistungsbilanz einen Überschuss auf. Die wichtigste Schwachstelle bildet nach wie vor das hohe Niveau der Auslands- und Staatsverschuldung.

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Die Schweiz Südamerikas

Anfang des 20. Jahrhunderts erlangte Uruguay den Ruf als Schweiz Südamerikas: eines der stabilsten, wohlhabendsten und demokratischsten Länder der Region. Seit 2005 wird das Land vom linken Bündnis „Frente Amplio“ (FA) regiert, nachdem die Politik zuvor 170 Jahre lang von den beiden größten Parteien Blancos und Colorados dominiert worden war. Der derzeitige Präsident Tabaré Vázquez wurde 2014 mit einem klaren Sieg ins Amt gewählt. Seine Partei, die FA, verfügt in beiden Kammern des Parlaments über eine Mehrheit. Vázquez regiert das Land nicht zum ersten Mal: Bereits zwischen 2005 und 2010 hatte er das Präsidentenamt inne, bevor er seinem Parteikollegen José Mujica die Macht übertrug. In Uruguay muss der Präsident sein Amt bereits nach einer Amtszeit abgeben.

Die FA und ihre Präsidenten verfolgen seit jeher einen pragmatischen, linksgerichteten Kurs. So wurden soziale und wirtschaftliche Reformen umgesetzt, die zur Senkung von Armut und Arbeitslosigkeit geführt haben bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer wirtschaftsfreundlichen Politik. Folglich war das Anlegervertrauen im Land unverändert hoch.

Vázquez steht vor der Herausforderung, die unterschiedlichen Interessen innerhalb der aus unterschiedlichen politischen Parteien bestehenden FA miteinander in Einklang zu bringen. Fortschritte in einigen Politikfeldern, besonders hinsichtlich des unpopulären Plans zur Haushaltsanpassung, dürften durch interne Differenzen gebremst werden. Es ist zu erwarten, dass der Druck auf Vázquez mit dem Herannahen des Wahljahres 2019 weiter zunimmt. Der Fortbestand der Regierungskoalition wird hierdurch jedoch nicht bedroht, und der politische Kurs dürfte weiterhin insgesamt stabil, vorhersehbar und transparent bleiben.

Bekämpfung des Haushaltsdefizits zur Gewährleistung einer tragfähigen Staatsverschuldung

In den vergangenen Jahren ist das Haushaltsdefizit gestiegen und erreichte 2016 den allerdings immer noch moderaten Höchstwert von 4% des BIP. Diese Entwicklung ist auf die Abschwächung des uruguayischen Wachstums zurückzuführen, die 2015 mit der Rezession in Brasilien einsetzte. Seitdem hat die Regierung Konsolidierungsmaßnahmen eingeleitet, die einen Rückgang des Haushaltsdefizits bewirkt haben. Für das Jahr 2018 wird mit Primärüberschüssen gerechnet, doch aufgrund der Belastung durch Zinszahlungen dürfte die Gesamtbilanz weiterhin defizitär bleiben (2,9% des BIP). Die Zinszahlungen haben einen erheblichen Umfang und entsprechen rund 10% der Einnahmen.

In den kommenden Jahren rechnet der IWF mit einer Stabilisierung des Haushaltsdefizits bei ca. 2,5% des BIP. Gleichzeitig zeichnen sich Wahljahre – wie auch das Jahr 2019 – durch höhere Ausgaben und Defizite aus, was einen Anstieg des Defizits bedeuten würde. Daher ist die konsequente Konsolidierung des Haushalts eine wichtige Voraussetzung für die Gewährleistung der fiskalischen Nachhaltigkeit.

Die Staatsverschuldung hat in den vergangenen Jahren aufgrund des steigenden Haushaltsdefizits zugenommen. Da für die kommenden Jahre allerdings ein Rückgang des Haushaltsdefizits prognostiziert wird, ist mit einer Stabilisierung der Staatsverschuldung bei ca. 65% des BIP zu rechnen.

Die diversen FA-Regierungen sind gegen die Staatsverschuldung aktiv vorgegangen. Zum einen wurde die Laufzeit der Schulden verlängert, so dass praktisch von langfristigen Schulden gesprochen werden kann (mehr als zehn Jahre). Zum anderen wurde das Wechselkursrisiko nach einem Schuldentausch Ende 2011 reduziert. Dennoch ist der Anteil an Fremdwährungskrediten unverändert hoch, insbesondere da der Wechselkurs schwankt.

Anhaltendes BIP-Wachstum nach der Wirtschaftskrise

Zwischen 1999 und 2004 befand sich die uruguayische Wirtschaft in einer Rezession, die von einer Rezession in Argentinien, einer Abwertung des Brasilianischen Real sowie dauerhaft niedrigen Preisen in der Landwirtschaft (einem wichtigen Exportsektor) ausgelöst wurde. Die Rezession wurde von der argentinischen Finanzkrise im Jahre 2002 weiter verschärft, die in Uruguay einen Rückgang des BIP um 11% bewirkte. Als Argentinien seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen konnte, zogen Argentinier ihr Geld von den Banken in Uruguay ab und verursachten damit einen Bankensturm. Dank eines IWF-Rettungsprogramms konnte ein Zahlungsausfall verhindert werden.

Die Umschuldung der Auslandsschulden sowie internationale Finanzhilfen führten zu einer raschen Erholung, doch die uruguayische Politik erkannte die Notwendigkeit weitergehender Maßnahmen. Zum einen wurde die Regulierung des Bankensektors verbessert, was dazu geführt hat, dass der Sektor heute robuster ist als vor der Krise 2002. Zum anderen waren Diversifizierungsmaßnahmen erforderlich. Die Behörden begannen, die Wirtschaft von den großen Nachbarstaaten Brasilien und Argentinien abzukoppeln und neue Exportmärkte zu erschließen. Während im Jahr 2000 noch 23% der uruguayischen Exporte nach Brasilien und 18% nach Argentinien gingen, reduzierten sich die Anteile dieser Länder bis 2017 auf 16% bzw. 5%. Gleichzeitig entwickelte sich China mit einem Anteil von 19% an den Gesamtexporten zum größten Absatzmarkt Uruguays. Des Weiteren stieg das Land in neue Industriezweige ein, z.B. Software und audiovisuelle Dienste.

Heute weist die Wirtschaft einen relativ hohen Diversifizierungsgrad auf mit den Hauptexportgütern Tourismus (ca. 15% der Leistungsbilanzeinnahmen im Jahr 2017), Fleisch und Industrieerzeugnisse (jeweils 10% der Leistungsbilanzeinnahmen). Die Strategie war erfolgreich, da die uruguayische Wirtschaft trotz der globalen Wirtschaftskrise im Jahr 2008 oder der jüngeren Rezession in Brasilien und Argentinien (2017) stetig gewachsen ist. Seit 2004 zählt das Land sogar zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Lateinamerikas und kann 2018 auf ein 15 Jahre währendes BIP-Wachstum zurückblicken. Auch wenn in den kommenden Jahren ein Rückgang des Wachstums gegenüber dem im vergangenen Jahrzehnt erzielten Durchschnitt von über 4% erwartet wird, dürfte die Rate u.a. dank geplanter Investitionen in die Eisenbahninfrastruktur bei robusten 3% verbleiben.

Verbesserung der Leistungsbilanz in einem Kontext hoher Währungsreserven, aber ebenfalls erhöhter Auslandsverschuldung

Nachdem Uruguay zehn Jahre lang lediglich ein Leistungsbilanzdefizit vorweisen konnte, erwirtschaftet das Land seit 2016 einen Überschuss. Für diese Verbesserung gibt es zwei Hauptgründe. Erstens profitiert Uruguay als Ölimporteur von den historisch niedrigen Ölpreisen. Zweitens schaffte Argentinien Ende 2015 seine Import- und Währungsbeschränkungen ab, was zu einer Zunahme der Reisen nach Uruguay und einem starken Anstieg der dortigen Tourismuseinnahmen führte. Auch für 2018 wird ein leichter Überschuss erwartet, bevor die Leistungsbilanz wieder in den Negativbereich fällt. Allerdings bleiben die Leistungsbilanzdefizite Prognosen zufolge gering.

In den meisten Jahren profitiert Uruguay von starken Zuflüssen ausländischer Direktinvestitionen, häufig in Unternehmen, die in Freizonen tätig sind. Bereits vor 2016 wurde das Leistungsbilanzdefizit vorwiegend von diesen Kapitalzuflüssen finanziert. 2016 ging der Nettozufluss von Direktinvestitionen jedoch auf null zurück und spiegelte damit die tiefe Rezession in Argentinien und Brasilien, die in den vorangegangenen zehn Jahren zu den wichtigsten Investitionsquellen gehört hatten, wider. Infolgedessen gerieten die Währungsreserven unter Druck. Seitdem befinden sie sich, absolut gesehen, jedoch wieder in einem Aufwärtstrend und erreichten sogar ein derart hohes Niveau, dass im Juni 2018 zwölf Monatsimporte abgedeckt werden konnten. Auch mittelfristig werden anhaltend hohe Währungsreserven prognostiziert, während der starke Zufluss von Direktinvestitionen fortdauern dürfte.

Die Auslandsverschuldung ist innerhalb von fünf Jahren, absolut gesehen, um 10% gestiegen. Seit 2017 ist sie jedoch, relativ gesehen, zurückgegangen und wird sich voraussichtlich auf dem derzeitigen hohen Stand weitgehend stabilisieren.

Langfristig ist die Entwicklung des Ölpreises und der Weltmarktpreise wichtiger Exportwaren (u.a. Rindfleisch, Reis und Soja) für das Land von entscheidender Bedeutung. Auch weitere Diversifizierungsbemühungen zur Reduzierung der Abhängigkeit von Agrarprodukten wären ein wichtiger Schritt, da diese rund einem Drittel der Exporteinnahmen entsprechen und das Land eine hohe Anfälligkeit für ungünstige Witterungsbedingungen aufweist (z.B. El Niño). So könnte Uruguay dem seit fünf Jahren stagnierenden Export von Industrieerzeugnissen neue Impulse verleihen.

US-Handelsprotektionismus kann Chancen bergen

US-Präsident Donald Trump bewegt sein Land in eine protektionistische Richtung. Dabei konzentriert er sich in erster Linie auf Länder, mit denen die USA ein Handelsdefizit haben. Daher ist positiv zu erwähnen, dass die USA mit Uruguay einen Handelsüberschuss haben und das Land folglich nicht unmittelbar von den US-Maßnahmen getroffen wird.

Allerdings richten sich die Handelszölle gegen wichtige uruguayische Handelspartner wie China, Mexiko und die EU. Eine Abschwächung des realen BIP-Wachstums in diesen Ländern würde einerseits Uruguay in Mitleidenschaft ziehen. Andererseits könnten US-Handelszölle gegen andere Staaten positive Impulse für Uruguay setzen, wenn diese Staaten sich gezwungen sehen, zur Deckung ihres Versorgungsbedarfs auf neue Handelspartner zurückzugreifen. China zum Beispiel bezieht derzeit Sojabohnen aus den USA, ist allerdings auf der Suche nach alternativen Lieferanten.

Risikoeinschätzung und Ausblick

Aufgrund der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Belastbarkeit wird das mittel- bis langfristige politische Risiko Uruguays seit 2010 mit gut bewertet und in Kategorie 3 von 7 eingestuft. Dank der umfangreichen Währungsreserven, die das Risiko einer erhöhten kurzfristigen Auslandsverschuldung ausgleichen, wird auch das kurzfristige Risiko seit 2012 in Kategorie 3 von 7 eingestuft.

Das Geschäftsklima hat sich im vergangenen Jahr erheblich verbessert. Obwohl der Uruguayische Peso seit September 2017 gegenüber dem US-Dollar etwa 10% seines Wertes eingebüßt hat, gibt es keine nennenswerten Anzeichen dafür, dass die in Schwellenmärkten herrschenden Währungsprobleme, die in der Region besonders Argentinien und Brasilien treffen, auch auf Uruguay übergreifen. Der Anstieg des realen BIP-Wachstums, der Leistungsbilanzüberschuss sowie die höhere Kreditverfügbarkeit in Verbindung mit einer moderaten Inflation haben Credendo dazu veranlasst, das systemische Geschäftsrisiko Uruguays in die niedrigste Kategorie einzustufen (A auf einer Risikoskala von A bis C).

Der Ausblick ist insgesamt stabil, weist jedoch aufgrund der ausgeprägten Markt-öffnung des Landes eine unveränderte Anfälligkeit für externe Schocks auf. Diese potentiellen Schocks gehen insbesondere auf den weltweit ansteigenden Handelsprotektionismus, die Erholung des Ölpreises sowie niedrige Ausfuhrpreise zurück. Innenpolitisch kommt den anhaltenden Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung große Bedeutung zu.

Ausführliche Länderberichte finden Sie auf der Internetseite www.credendo.com.

c.witte@credendo.com

 

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