Das in früheren Jahren fulminante Wirtschaftswachstum in der von Krisenherden umgebenen Türkei ist zurückgegangen. Doch die Regierung gibt ihre ehrgeizigen Wachstumsziele für das 100-jährige Jubiläum der Republik im Jahr 2023 nicht auf. Sie wird in vielen Bereichen Milliarden investieren. Für deutsche Unternehmen bieten sich etwa bei den erneuerbaren Energien, in der Medizintechnik und generell hinsichtlich der Lieferung von Maschinen und technischen Ausrüstungen viele Chancen.

Von Birgitta Heinze, Leiterin Strukturierte ­Außenhandelsfinanzierung, BHF-BANK

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Vor einigen Jahren wies die Türkei zusammen mit China eine der weltweit höchsten Wachstumsraten auf. Das Pro-Kopf-Einkommen der türkischen Bevölkerung konnte erheblich gesteigert werden. Seit 2012 verläuft die wirtschaftliche Entwicklung deutlich moderater. Nach Einschätzung der EU-Kommission wird die türkische Wirtschaft 2015 um 3,7% wachsen – was zwar im Vergleich zu den Staaten der EU sehr beachtlich ist, für ein Schwellenland mit relativ starkem Bevölkerungswachstum jedoch kein großes Vorankommen bedeutet.

Grundsätzlich hat die Türkei wirtschaftlich weiterhin gute Perspektiven. Das Land verfügt über Rohstoffe, eine breite industrielle Basis und einen gut ausgebauten Dienstleistungssektor. Für die Erschließung von Märkten im Nahen Osten und in Zentralasien ist die Türkei eine vielversprechende Basis. Aktuell dämpfen allerdings verschiedene, zum Teil äußere Faktoren, die Entwicklung. Im Irak und in Syrien, den südlichen Nachbarn der Türkei, herrscht Krieg, im Norden, jenseits des Schwarzen Meeres, sind die Ukraine und Russland im Konflikt, und auch die Sanktionen gegenüber dem Iran im Osten belasten die türkische Wirtschaft. Auch Libyen als ein weiterer traditioneller Absatzmarkt türkischer Unternehmen fällt aufgrund bewaffneter Auseinandersetzungen und der Erosion der staatlichen Ordnung als Wirtschaftspartner aus. Die EU und vor allem auch Afrika gewinnen vor diesem Hintergrund für die türkische Wirtschaft an Bedeutung.

Der starke Rückgang des Ölpreises hat sich für die Türkei zwiespältig ausgewirkt. Das Land profitiert von einem gesunkenen Leistungsbilanzdefizit aufgrund niedrigerer Importpreise für Öl und einem dadurch verminderten Inflationsdruck, muss aber eine ökonomische Schwächung seiner ölexportierenden Handelspartner im Nahen Osten vergegenwärtigen. Die ausländischen Investitionen, die in den Vorjahren erheblich zum Wirtschaftswachstum beitrugen, sind stark zurückgegangen. Ausländische Unternehmen, die die Türkei als Sprungbrett für die Erschließung weiterer Märkte nutzen möchten, investierten 2007 noch 19,1 Mrd USD. 2014 waren es nur noch 8,1 Mrd USD. Das Leistungsbilanzdefizit ist − nach zwischenzeitlichem Rückgang − 2014 auf 5,7% des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Die Arbeitslosenquote erreichte im Dezember 2014 mit 10,9% den höchsten Stand seit vier Jahren, wie bei anderen Mittelmeeranrainern ist insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch.

Die Türkische Lira hat gegenüber dem US-Dollar und dem Euro deutlich an Wert verloren. Die Währungsschwäche, eine hohe Inflation (7,9% im April 2015) und das Leistungsbilanzdefizit sprechen für höhere Zinsen, doch die Zentralbank steht im Widerspruch hierzu unter starkem politischen Druck, ihre Geldpolitik zu lockern, um auf diesem Weg die Nachfrage zu stimulieren.

Die weitere Entwicklung in der Türkei wird durch den Ausgang der Parlamentswahlen am 7. Juni 2015 beeinflusst, bei denen die von Staatspräsident Recep Erdogan unterstützte AKP ihre absolute Mehrheit verlor. Befürchtungen, Erdogan könnte eine autokratische Herrschaft anstreben, verunsicherten nicht nur ausländische Investoren und manche einheimischen Unternehmer. Auch viele Wähler misstrauten offenbar den Bestrebungen Erdogans, die Verfassung der Türkei zu ändern und ein Präsidialsystem einzu­führen.

Die Türkei bleibt trotz der Belastungen ein für deutsche Unternehmen sehr interessanter Markt. Die von der türkischen Regierung angestrebten, ehrgeizigen Ziele für das Jahr 2023 werden nun vermutlich mit forcierten Anstrengungen verfolgt. Die türkische Republik feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Bis dahin soll das BIP von 810 Mrd USD (2014) auf 2.000 Mrd USD steigen und ein Exportvolumen von 500 Mrd USD erreicht werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 wurden Waren für 151 Mrd USD exportiert. Im Jubiläumsjahr 2023 möchte Erdogan die Türkei unter den zehn größten Volkswirtschaften der Welt sehen. Noch ist die Türkei auf Rang 17. Für die kommenden Jahre wird ein Anstieg sowohl der privaten als auch der staatlichen Investitionen prognostiziert.

Die politischen Planungen zielen darauf ab, die Türkei etwa durch den Ausbau des Verkehrswesens, der Energieversorgung und die Verbesserung der Ausbildung international wettbewerbsfähiger zu machen. Die Fertigungstiefe, die Produktivität und die Qualität der industriellen Produktion sollen gesteigert und die Abhängigkeit von Importen reduziert werden. Vor den Parlamentswahlen wurde ein Konjunkturprogramm mit Milliardenvolumen angeschoben, das über Steuererleichterungen und Investitionsanreize für Unternehmen für neuen wirtschaftlichen Schwung sorgen soll.

Für alle Infrastrukturbereiche stehen immense Investitionen an, die auch deutschen Unternehmen Chancen bieten. In den Ausbau der Energieerzeugung werden nach Aussage des türkischen Wirtschaftsministers angesichts des stark steigenden Stromverbrauchs 150 Mrd USD fließen, um die Kapazitäten in der nächsten Dekade zu verdoppeln. Verbunden hiermit steht die Verminderung der Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten auf der Agenda, denn sie lasten schwer auf der Handelsbilanz. Allein für die erneuerbaren Energien sind Investitionen von mehr als 60 Mrd USD vorgesehen. Den größten Kapazitätszuwachs soll es mit 14.000 MW bei der Windkraft geben. Die Stromerzeugung aus Kohle und über Wasserkraft soll ebenfalls stark erweitert und im Fall der Kohleverstromung zudem die Filter- und Rauchgasentschwefelungstechnik verbessert werden. Auch für die Modernisierung der zum Teil veralteten Gaskraftwerke will die Türkei viel tun. Mit neuen Gaspipelines wird das Land Verbindungen zu Vorkommen in Aserbaidschan, Turkmenistan und dem Iran schaffen. Darüber hinaus sind im Bereich der Wassergewinnung, der Abwasseraufbereitung und der Abfallentsorgung große Investitionen geplant. Besonders spektakulär ist das Projekt, Nordzypern mit einer 80 km langen Wasserleitung unter dem Mittelmeer mit Trinkwasser zu versorgen.

Nicht minder ambitioniert sind die Vorhaben im Verkehrswesen: Innerhalb der nächsten vier Jahre sollen 7.000 km neue Autobahnen und Schnellstraßen sowie 1.600 km Hochgeschwindigkeits-strecke für die Bahn neu entstehen. Auch für normale Bahnstrecken, U- und S-Bahnnetze gibt es umfangreiche Erweiterungspläne, die den Bau von mehreren Bahnhöfen einschließen. Nach der Privatisierung der Häfen ist eine Kapazitätserweiterung um 40% avisiert. All dies bringt einen großen Bedarf an Baumaschinen, Ausrüstungen und Entwicklungskompetenz mit sich.

In weiten Teilen der Türkei entspricht die Gesundheitsversorgung noch nicht den europäischen Standards. Zudem wächst auch mit der Zahl der alten Menschen der Bedarf an Krankenhausbetten. Allein 2015 errichteten staatliche und private Betreiber rund drei Dutzend neue Krankenhäuser. Der Bedarf an Medizintechnik ist groß, deutsche Lieferanten haben hier bereits einen hohen Lieferanteil und können auch für die Zukunft zuversichtlich sein. Das Gleiche gilt für die Lieferanten von Maschinen und Anlagen. Die exportstarke türkische Textilindustrie will ihre Kapazitäten erweitern, auch Förder- und Bergbautechnik sowie Maschinen für die Nahrungsmittel- und die Verpackungsindus-trie sind gefragt. Zudem wächst der Automobilbau stark, dessen Produktionskapazität in den kommenden Jahren mehr als verdoppelt werden soll. Ein Fünftel aller Maschinenimporte der Türkei kommt von deutschen Lieferanten.

Die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen sind traditionell gut. Rund 6.000 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind bereits in der Türkei engagiert. ­Konjunktur- und Modernisierungsprogramme bieten vor allem Investitions­güterherstellern aus Deutschland in den kommenden Jahren zusätzliche Chancen. Die BHF-BANK verfügt über umfangreiche Kontakte und Erfahrungen bei der Strukturierung der passenden Finanzierungen. Auf türkischer Seite besteht unter anderem großes Interesse an Joint Ventures, vor allem im Bereich der Hochtechnologie. Mit dem zunehmenden Wohlstand steigt zudem auch das Interesse an höherwertigen Konsumgütern, was zusätzliche Möglichkeiten für deutsche Firmen eröffnen könnte. Generell ist die Türkei unverändert ein sehr interessanter Absatzmarkt und ein attraktiver Investitionsstandort.

Kontakt: birgitta.heinze[at]bhf-bank.com

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