Thailand kommt politisch nicht zur Ruhe. Seit dem Militärputsch gegen Premierminister Thaksin Shinawatra im Jahr 2006 ist das Land gespalten. Im Frühjahr 2010 spitzte sich die Situation zu, als die Gefolgsleute Thaksins – die sogenannten Rothemden – das Geschäftszentrum Bangkoks für mehrere Wochen besetzten. Über die aktuelle Situation und die wirtschaftliche Lage des ­Landes sprachen wir mit Jens B. Bessai, Leiter der Repräsentanz der KfW IPEX-Bank in Bangkok.

Interview mit Jens B. Bessai, Leiter Repräsentanz Bangkok, KfW IPEX-Bank

Herr Bessai, der im April über Bangkok verhängte Ausnahmezustand wurde über den 7. Juli hinaus verlängert. Inwieweit ist das tägliche Leben in der Hauptstadt davon betroffen?

Nach der Beendigung der Demonstration der Rothemden in Bangkok am 19. Mai durch eine Militäroperation und die unmittelbar darauf folgenden rund 40 Brandanschläge herrscht wieder Ruhe in der Stadt. Behörden, Schulen und Banken sind wieder geöffnet. Die Ausgangssperren wurden aufgehoben. Das tägliche Leben geht seinen gewohnten Gang. ­Auffallend sind die Bemühungen, die Zeichen der Unruhen und Brände möglichst schnell zu beseitigen.

Sie pflegen für die KfW IPEX-Bank Kontakte zu Unternehmen und Banken in Thailand. Spüren Sie in Ihren Gesprächen den politischen Konflikt?

Es wurde Ruhe geschaffen, aber kein Frieden geschlossen. Die Auseinandersetzung hat die Gräben zwischen den Konfliktparteien vertieft. Die Konfrontation und die gewaltsame Beendigung der Demonstration sowie die nachfolgenden Brandstiftungen polarisieren Teile der Gesellschaft. Dies verunsichert viele Thais, da Konflikte selten offen ausgetragen werden. Harmonie und Einigkeit gelten unter den Thais als verbindliche Werte.

Es wird nun unter Thais öfter vorab abgetastet, wie die politische Positionierung eines Landsmannes ist. Grundsätzlich sind Geschäftsleute sehr zurückhaltend mit öffentlicher Positionierung, um bei einem Machtwechsel nicht im Abseits zu stehen.

Besteht die realistische Chance auf einen politischen Neuanfang?

Reconciliation/Aussöhnung ist ein oft in den Kommentarkolumnen appellartig gebrauchtes Wort zur Lösung der angespannten politischen Situation. Aber konkrete Vorschläge und Konzepte sind offensichtlich Mangelware. Die gegen Thaksin von der Regierung vorgebrachte Anklage wegen Terrorismus deutet auf einen eher konfrontativen Weg hin.

Wie entwickelt sich die thailändische Wirtschaft vor dem Hintergrund der politischen Konflikte?

Die wirtschaftliche Entwicklung stellt dazu ein Kontrastprogramm dar. Die Zahlen des ersten Quartals mit 12% Realwachstum des BIP haben die Erwartungen übertroffen und zeigen einen Turn-around aus der Rezession von 2009. Getrieben wird das Wachstum vom Automobilsektor, der chemischen Industrie sowie von Elektronik und Elektrotechnik. Chinas Wachstum ist ein positiver Faktor, aber auch die gesamte ASEAN-Region sowie Australien und Indien stehen gut da. Dies ist für ein stark exportorientiertes Land wichtig.

Die Exportzahlen zeigen dementsprechend nach oben: In den ersten fünf Monaten 2010 stiegen die Exporte gegenüber dem Vorjahr um 34,5%. In den Monaten April und Mai, als die Unruhen ihren Höhepunkt erreichten, waren die Zuwachsraten mit 35,2% und 42,1% sogar besonders hoch. Allerdings hatte Thailand im 1. Quartal 2009 eines seiner schwächsten Quartale. Von daher geht es weniger um exorbitantes Wachstum als vielmehr um das Signal, dass man wieder recht schnell dort ist, wo man vor der Krise war.

Gelten diese positiven Ergebnisse für die gesamte Wirtschaft?

Die verarbeitende Industrie wurde von den Demonstrationen, die sich hauptsächlich im Geschäftsviertel Bangkoks abgespielt haben, nicht beeinträchtigt, weil sie sich vor allem in den Außenbezirken von Bangkok und im Eastern Seaboard befindet.

Deutlich stärker betroffen waren der Tourismus und der MICE-Sektor (Meetings, Incentives, Conferences, Events), dabei vielleicht weniger der Strandtourismus (Phuket, Koh Samui, Pattaya), der sich auch in der Vergangenheit schnell von schwerwiegenden Ereignissen (Tsunami, Vogelgrippe) erholt hat. Es ist zu vermuten, dass Bangkok und Nordthailand länger und schwerer betroffen sein werden. Eine Reihe der bekannten großen Hotels in Bangkok war über Wochen geschlossen oder beeinträchtigt. Viele Konferenzen wurden abgesagt oder verlegt.

Haben die Unternehmen noch genug Vertrauen für weitere Investitionen?

Thailändische Unternehmen in der verarbeitenden Industrie werden weiter investieren. Das politische Risiko ist für diese Unternehmen von geringerer Bedeutung, und die Kreditversorgung durch lokale Banken ist zumindest für die mittelgroßen und großen Thai-Unternehmen sehr gut. Der Thai-Bankenmarkt ist voll Liquidität; wir beobachten immer wieder sehr günstige Finanzierungskonditionen der hiesigen Institute.

Ein wichtiger Aspekt sind neue Auslandsinvestitionen. Für eine grundsätzliche Investitionsentscheidung über einen neuen Standort ist die gegenwärtige Situation, insbesondere wenn es sich um eine Firma ohne Thailand-Erfahrung handelt, Gift. Dafür ist die Konkurrenz in Asien um Investitionen zu stark. Für ASEAN-Nachbarn wie Malaysia und Vietnam bedeutet das natürlich eine relativ gestiegene Attraktivität. Bestehende Investitionen werden unserer Einschätzung nach nicht abgezogen und hier und da sogar moderat ausgebaut. Die Vorteile anderer Standorte müssen signifikant höher sein, um die Standortwechselkosten zu rechtfertigen.

Was sind die besonderen Vorteile des Standorts Thailand?

Thailand bietet für eine Reihe von Branchen weiterhin Vorteile, inklusive Clustereffekten (Automobil, Petrochemie, Elektronik), wie einen Pool an sektorbezogenen Fachkräften, eine existierende Zuliefer- bzw. Abnehmerstruktur sowie eine spezifische Infrastruktur.

Thailand ist allerdings kein Standort mehr für Industrien mit niedriger Kapital­anfangsinvestition und extrem niedrigen Löhnen wie z.B. die einfache Bekleidungsindustrie, die im benachbarten Kambodscha ein größerer Industriezweig ist (gebrauchte Anlagen und ungelernte Arbeiter zu niedrigsten Löhnen). Thailand ist hier deutlich weiter entwickelt. Allerdings müsste es in der innerasiatischen Konkurrenz weiter auf höherwertige ­Produktion setzen. Sonst könnte Thai-land mittelfristig relativ zurückfallen, Entwicklungsmöglichkeiten blieben ungenutzt.

Textkasten: Repräsentanz der KfW IPEX-Bank in Bangkok

Die Repräsentanz in Bangkok stellt die ­Verbindung zwischen Geschäftspartnern und Banken vor Ort und dem Stammsitz der KfW IPEX-Bank in Frankfurt am Main dar. Das Büro existiert bereits seit 1998 in Thailand.

Die zentrale Aufgabe der Repräsentanz liegt in der Pflege bestehender Kontakte und der Identifizierung von Geschäfts­potential sowie der Anbahnung neuer Geschäftsbeziehungen. Dazu erstellt die Repräsentanz Marktstudien und informiert über aktuelle Entwicklungen in der Region. Der Schwerpunkt der Finanzierungen der KfW IPEX-Bank in Thailand liegt in den Industriesektoren Energie, Petrochemie und Telekommunikation.

Jens B. Bessai, der Leiter der Repräsentanz, ist ein ausgewiesener Kenner Südostasiens. Seit den späten 90er Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Region. Seit 2006 lebt und arbeitet er in Thailand.

Kontakt: jens.bessai[at]kfw.de

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