Mit Blick auf die Zukunft erwartet die taiwanische Wirtschaft negative Effekte des chinesischen Konjunkturrückgangs und des Handelskriegs mit den USA. Hinzu kommen die Auswirkungen einer alternden Bevölkerung.

Die Exporte Taiwans sind im vierten Quartal 2018 gesunken, da sich die Auslandsnachfrage vor allem aus China abgeschwächt hat. Die Konjunkturdynamik ließ entsprechend nach. Auch die deutschen Exporte nach Taiwan erlebten im Dezember 2018 einen starken Rückgang um 20,1%. Im Gesamtjahr wurde noch ein Plus von 2,4% erzielt. Die weiteren Aussichten werden auch von der Politik belastet.

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Die Wirtschaft Taiwans wird von Exporten getrieben und ist daher anfällig für externe Schocks. Ein Handelskonflikt zwischen den wichtigen Absatzmärkten USA und China würde die offene Volkswirtschaft negativ treffen. Bereits auf den Konjunkturabschwung in China reagiert die Wirtschaft sensibel. Taiwan ist auf die Produktion von Zwischenerzeugnissen spezialisiert und lückenlos in die globale Wertschöpfungskette integriert.

Furcht vor Handelskonflikten

Strafzölle der USA gegen China würden die Wirtschaft Taiwans besonders hart treffen, da sie den größten Anteil (gemessen am BIP) an den von China in die USA exportierten Gütern hat. Daher sind parallel zu Chinas Exporten auch die Exporte von Taiwan in den letzten zwei Monaten des Jahres 2018 zurückgegangen, insbesondere die Ausfuhr elektronischer Waren. 2019 dürfte sich dieser negative Trend angesichts möglicherweise höherer US-Zölle (von 10% auf 25% auf potentiell alle chinesischen Exporte) und bei insgesamt schwächerer globaler Nachfrage fortsetzen, da dadurch auch die chinesische Nachfrage nach taiwanischen Gütern sinkt. Dies würde sich negativ auf das BIP-Wachstum Taiwans auswirken.

Belastete Beziehungen

Die politischen Spannungen zwischen China und Taiwan halten voraussichtlich bis nach den Wahlen im Januar 2020 an. Obwohl die regierende Demokratische Fortschrittspartei DPP im Parlament über eine komfortable Mehrheit verfügt, verlor sie in den Kommunalwahlen vom November 2018 vor allem in größeren Städten deutlich gegen die festlandsorientierte Oppositionspartei Kuomintang (KMT). Als Folge der Wahl, die in erster Linie die Wirtschafts- und Energiepolitik der Regierung abstrafte, legte die geschwächte Präsidentin Tsai Ing-wen den Parteivorsitz nieder.

Streben nach Unabhängigkeit

Die Regierung dürfte ihre Politik der Distanzierung von Festlandchina vorantreiben, indem sie die Exportmärkte weiter diversifiziert (z.B. Japan, Indien und die ASEAN-Länder) und die Beziehungen zu den USA als Partner und Schutzschirm stärkt. Dies gilt umso mehr, als China den Druck auf Taiwan seit dem Amtsantritt Tsai Ing-wens erhöht hat. Diese erkennt das Prinzip „Ein China“ des 1992-Konsenses nicht an und widersetzt sich Pekings Vorstellung von „Ein Land – zwei Systeme“, wie es auch in Hongkong und Macau praktiziert wird.

Seit dem Erdrutschsieg der DPP bei den Wahlen im Jahr 2016 sieht sich Taiwan immer stärkerem wirtschaftlichen und militärischen Druck Chinas sowie zunehmender diplomatischer Isolierung ausgesetzt. Peking hat auch den Strom der Touristen aus China  nach Taiwan beschränkt. Die wenigen Länder, die Taiwan als eigenständiges Land anerkennen, werden gedrängt, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen, Taiwans Beteiligung auf der internationalen Bühne wird behindert, und Militärübungen in der Formosa-Straße werden verstärkt.

Strukturelle Herausforderungen

Die übermäßige Abhängigkeit von China als Exportmarkt (45% aller Warenexporte, Hongkong eingerechnet) macht die taiwanische Wirtschaft anfällig für konjunkturelle und politische Störungen. Das mittel- bis langfristige Wachstumspotential – ohnehin seit der Krise 2008 stark reduziert – könnte daher ohne tiefgreifende strukturelle Anpassungen beeinträchtigt werden. Solche notwendigen strukturellen Anpassungen wären insbesondere eine Diversifizierung der Produkte (weg vom dominierenden Elektroniksektor mit seinem starken regionalen Wettbewerb) und eine weitere geographische Streuung der Exporte, um die sich die derzeitige Regierung bereits seit 2016 bemüht. Ein Schwerpunkt sollte auf der Überwindung der strukturellen Innovationsschwäche liegen. Doch die Förderung von Innovationen benötigt Zeit. Bis dahin bleibt die Abhängigkeit von China weiterhin hoch.

Auch die rasche Alterung der taiwanischen Bevölkerung sowie eine anhaltend hohe Verschuldung der privaten Haushalte (86% des BIP 2017, die zweithöchste in Asien nach Südkorea) belasten zukünftig den privaten Verbrauch. Entsprechend wurden die Wachstumsprognosen für das reale BIP für 2019 und 2020 auf 2% bzw. 1% gesenkt (nach 2,6% 2018 und 3,1% 2017).

Starke Fundamentaldaten

Taiwan weist weiterhin einen hohen Leistungsbilanzüberschuss (knapp 13% des BIP 2018) auf. Angesichts der außenwirtschaftlichen Risiken dürfte er sich mittel- bis langfristig zwar rückläufig entwickeln, aber immer noch im soliden zweistelligen Bereich bewegen. Exporte, vor allem im Elektroniksektor, werden voraussichtlich weniger stark wachsen als bisher. Hinzu kommen geringere Einnahmen durch chinesische Touristen. Die Importe werden infolge von Infrastrukturinvestitionen dagegen zulegen.

Nach einer positiven Entwicklung 2018 verharren die Währungsreserven auf Rekordniveau und decken Importe für fast 15 Monate ab. Sie sind damit doppelt so hoch wie die Auslandsverschuldung (34% des BIP 2018), was Taiwan zu einem soliden Nettogläubiger macht. Obwohl die Auslandsverschuldung Taiwans überwiegend kurze Restlaufzeiten hat, dämpfen die Währungsreserven Risiken im Zusammenhang mit restriktiveren globalen Finanzierungsbedingungen. Die Auslandsverschuldung dürfte auch zukünftig tragfähig bleiben.

Solide Wirtschaftspolitik

Die öffentlichen Finanzen dienen als weiterer Puffer. Die öffentliche Verschuldung liegt bei niedrigen 30% des BIP. Das Haushaltsdefizit, 2018 auf nur 0,7% des BIP geschätzt, wird in den kommenden Jahren angesichts von Ausgaben im Zusammenhang mit der alternden Bevölkerung und dem Vierjahresprogramm „Forward-looking Infrastructure Construction Project“ der Regierung langsam steigen. Zur Finanzierung der Ausgaben sind Steuermaßnahmen zur Haushaltskonsolidierung und zur Steigerung der Staatseinnahmen geplant. Die Regierung wird ihren finanzpolitischen Spielraum zur Konjunkturförderung nutzen.

Zugleich profitiert die Wirtschaft von einer lockeren Geldpolitik mit anhaltend niedrigen Zentralbankzinsen (1,37% seit Mitte 2016). Diese wird mit anhaltend niedriger Inflation (1,4% zum Jahresende 2018) und den für einen Nettoölimporteur wie Taiwan vorteilhaft niedrigen Ölpreisen begründet. Der geldpolitische Kurs dürfte angesichts einer ungünstigeren außenwirtschaftlichen Entwicklung und des Endes des Zinsanstiegs in den USA auch im Jahr 2019 andauern.

Die insgesamt stabile Wirtschaftsentwicklung mit starken Fundamentaldaten erklärt die Stärke des Taiwan-Dollar in den vergangenen Jahren. Eine leichte Abwertung um wenige Prozent gegenüber dem US-Dollar im Jahresverlauf 2018 ging größtenteils von dem generellen Aufwertungsdruck auf den US-Dollar und der starken amerikanischen Wirtschaft aus. Die künftige Wechselkursentwicklung ist dagegen unsicher und steht unter dem Einfluss eines möglichen Konjunkturabschwungs in Taiwan oder eines potentiell schwächeren US-Dollar.

Politisches Risiko: derzeit stabiler Ausblick

Mit Blick auf die Zukunft erwartet die taiwanische Wirtschaft negative Effekte des chinesischen Konjunkturrückgangs und des Handelskriegs mit den USA, hinzu kommen die Auswirkungen einer alternden Bevölkerung. In diesem tendenziell unsichereren und ungünstigeren Umfeld sind weitere strukturelle Anpassungen unabdingbar, wenn Taiwan seinen erfolgreichen Weg fortsetzen will. Dies ist ein zentrales Risiko, das ebenso wichtig ist wie die politische Unsicherheit, Taiwans künftiger Status und die Beziehung zu China. Zum jetzigen Zeitpunkt stuft Credendo Taiwan bezüglich des politischen Risikos (kurzfristig sowie mittel- bis langfristig) in die niedrigste Kategorie 1 von 7 ein. Eine Herabstufung ist jedoch möglich, wenn die DPP die Wahlen im kommenden Jahr gewinnt und dies zu einer Destabilisierung der Situation mit China führen sollte.

Ausführliche Länderberichte finden Sie auf der Internetseite www.credendo.de.

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