Eine moderne Supply-Chain basiert deswegen auf einer einzigen Planungsbasis. Um den Brexit beherrschbar zu machen, müssen Unternehmen ihre Planungs- und Steuerungssysteme vereinheitlichen und die Verantwortung dafür in eine Hand legen.

Die Verbreitung eines neuen Coronavirus brachte den inter­nationalen Handel im Frühjahr 2020 aus dem Takt. Die Viruskrise und der damit verbundene Shutdown unterbrechen und beeinflussen seither die Supply-Chain auf der gesamten Welt und ­stellen sie vor große Heraus­forderungen. Doch auch die Übergangsphase des Brexits neigt sich dem Ende zu.

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Während die Welt gegen das Coronavirus kämpft, verhandeln die EU und Großbritannien die Bedingungen für die künftigen Beziehungen. Die Zeit drängt, denn Premierminister Boris Johnson lehnt es ab, die Gespräche über die Brexit-Frist zum Jahresende hin zu verlängern. Damit dräut erneut ein No-Deal-Szenario.

Verhandlungen könnten scheitern

Am 31. Januar 2020 hat das Vereinigte Königreich die EU verlassen – damit wurde der Brexit am 1. Februar 2020 Realität. Bis zum Ende des Jahres wollen Großbritannien und die EU ein neues Handelsabkommen aufsetzen. Beide Seiten haben bereits ihre Positionen dargelegt, sie passen jedoch noch längst nicht zusammen. Experten zufolge ist die Frist für derart komplexe Verhandlungen viel zu kurz – die Coronakrise nimmt derzeit die administrativen Kapazitäten stark in Anspruch. Dennoch verschärft Johnson den Kurs, indem er eine Verlängerung ablehnt: Verlässt Großbritannien die EU im Dezember ohne jede vertragliche Regelung, wird das gefürchtete No-Deal-Szenario Realität.

Die politische Entscheidung betrifft die internationalen Versorgungsketten ganzer Industriezweige und aller Branchen. Mit den neuen Mechanismen, die bei Zoll- und Einfuhrabläufen greifen, werden Produktionsrückstaus und Verzögerungen in den Lieferketten einhergehen. Preise werden wegen der höheren Zölle drastisch steigen und Hamsterkäufe die Planung beeinflussen. Der Brexit bringt nicht nur Verzögerungen, sondern auch eine große Planungsunsicherheit mit sich.

Supply-Chain muss vorbereitet werden

Doch die Systeme von Unternehmen sind auf diese Instabilität häufig noch gar nicht ausgerichtet. Allzu oft liegt keine einheitliche Datenbasis vor: Bei Planungsprozessen, die in der Regel mehrstufig erfolgen und vom Einkauf über die Produktion bis zum Kunden reichen, birgt dies ein nicht abschätzbares Risiko. Gerade Betriebe, die noch mit Excel und Handzetteln arbeiten, haben jetzt das Nachsehen. Viele haben die durchgängige Transformation der Supply-Chain versäumt und nur Teile wie Transport, Lager oder Planung im Einkauf verkettet. Zwar sind die technologischen Möglichkeiten mit Cloud-Computing sowie einer preiswerten und schnellen Datenverarbeitung vorhanden. Doch über 90% der Firmen können dies nicht abbilden: Große Unternehmen haben sich zu wenig auf den Brexit oder ähnliche Überraschungen vorbereitet, und der Mittelstand ist überfordert, da ihm die Experten fehlen. Es herrscht Ratlosigkeit.

Zwei Hebel in der Supply-Chain

Unternehmen müssen ihre Versorgungsketten nach Großbritannien so planen, dass die vom Brexit verursachten Ausschläge den Betrieb nicht gefährden. In der Supply-Chain gibt es dafür nur zwei Hebel: Entweder man kann die Zukunft gut voraussagen, was in diesem Fall eher unwahrscheinlich ist, oder man ist in der Lage, schnell zu reagieren. Die Alternative dazu sind Über- oder Unterbestände, die sehr rasch viel zu hohe Kosten verursachen.

Eine moderne Supply-Chain basiert deswegen auf einer einzigen Planungsbasis. Um den Brexit beherrschbar zu machen, müssen Unternehmen ihre Planungs- und Steuerungssysteme vereinheitlichen und die Verantwortung dafür in eine Hand legen. Neue, längere Zeitfenster – wenn eine Lieferung nicht in 24 Stunden, sondern zuverlässig in 48 Stunden erfolgt – müssen in die Planung eingebracht werden. Ist das möglich, bleiben auch die Kosten stabil. Auf dieser Basis können Auswirkungen und Handlungsalternativen schnell eruiert und die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Eine Supply-Chain muss heute agil sein.

Zeitnah werden die Probleme, die Disruptionen wie der Brexit oder die Coronapandemie verursachen, nicht gelöst werden können – schon allein wegen der vielen Unbekannten. Hält Johnson an seiner Position fest, bleibt es bei der Übergangsfrist von einem Jahr, und die Details für die künftige Zusammenarbeit werden spätestens Ende 2020 klar sein. Egal ob geregelter oder harter Brexit: Für jedes Unternehmen, welches Geschäftsbeziehungen mit Großbritannien pflegt, treten erhebliche Veränderungen und Unsicherheiten ein, die rasches und sicheres Handeln erfordern.

Doch gerade im Mittelstand ist es möglich, innerhalb der verbleibenden Frist die Planungssysteme so aufzustellen und die Supply-Chains End-to-End so zu transformieren, dass sie zuverlässig die Notwendigkeiten abbilden können. Da jedes Unternehmen anders ist, müssen dabei die Probleme analysiert und die technologischen Möglichkeiten bewertet werden. Durch die richtigen Partner mit der nötigen Expertise können die Belastungen und Kosten, die der Brexit verursachen wird, auf jeden Fall abgemildert werden. Es ist Zeit zu reagieren.

wpartsch@mse-solutions.com

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