Etlichen Schwellenländern machen die niedrigen Rohstoffpreise und die gegenüber dem US-Dollar gefallenen Wechselkurse zu schaffen. In einigen der größeren Schwellenländer (China, Türkei, Südafrika) schwächte sich die Konjunktur ab oder glitt sogar in die Rezession, wie in Russland und jetzt auch in Brasilien. Der Crash am chinesischen Aktienmarkt und seine Folgen für die Rohstoffpreise haben diese Schwäche weiter verstärkt. Darunter leiden auch die südamerikanischen Rohstoffländer.

Von Erich Hieronimus, Pressesprecher, Coface, Niederlassung in Deutschland

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Nach Ansicht der Coface-Experten müssen die Länderrisiken in den Schwellenländern in diesem Jahr weiterhin genau überwacht werden. Für Südamerika erwartet Coface 2015 mit –0,2% für das BIP eine Rezession. Gleich vier Länder wurden in der aktuellen Länderbewertung herabgestuft.

Brasilien, das im März dieses Jahres auf „negative watch”, also zur Beobachtung für eine Abwertung, gesetzt worden war, wurde nun auf B herabgestuft. Die Wirtschaft befindet sich in einer Rezession. Die aktuelle Prognose: –2,5% für 2015. Diese Entwicklung geht einher mit zunehmender politischer Instabilität. Die Ausgaben der privaten Haushalte als wichtigster Wachstumsmotor und die Investitionen gingen zurück, hauptsächlich aufgrund der Nachwirkungen der Petrobras-Affäre.

Ecuador, das ebenfalls seit März auf „negative watch” stand, ist nun mit C bewertet. Es ist das am zweitstärksten vom Ölpreisverfall betroffene Land. Öl macht 40% der Staatseinnahmen und über 50% des Exports aus. Turbulenzen an den Rohstoffmärkten haben daher Auswirkungen auf Staatsausgaben und Investitionen. Die Aussichten für ecuadorianische Privatunternehmen sind aufgrund von Zollkonflikten mit Kolumbien und Peru schlecht. Die Wirtschaft hängt auch in hohem Maße von chinesischem Kapital ab. Die Kredite werden durch Vergabe von Bergbaukonzessionen, Öleinnahmen und zukünftigen Einnahmen aus Stromerzeugung abgesichert.

Chile, dessen Bewertung auf A3 herab­gestuft wurde, leidet unter dem anhal­tenden Fall des Kupferpreises und dem Konjunkturrückgang in China als Haupt­abnehmer des chilenischen Kupfers. Korruptionsskandale destabilisieren das Geschäftsumfeld.

Nach der Erholung von der Rezession im Jahr 2012 und einem günstigen Geschäftsklima leidet Trinidad und Tobago, das jetzt mit A4 bewertet wird, unter den negativen Auswirkungen des anhaltend niedrigen Ölpreises. Auch ein weiteres Problem bleibt bestehen: der nötige Ausbau von Gaslieferungen und Infrastruktur.

Wachstum gebremst

Seit 2011 verzeichnet Lateinamerika insgesamt ein verlangsamtes Wachstum. Neben dem an sich schon schwächelnden Binnenmarkt verschärften seit Mitte 2014 zyklische Faktoren die immer prekärer werdende Lage. Auch 2015 setzt sich der Abwärtstrend fort. Voraussichtlich geht das regionale BIP in diesem Jahr um 0,2% zurück. Damit tritt erstmals seit 2009, als infolge der Subprime-Krise die Wirtschaftsaktivität um 1,4% sank, wieder eine Rezession ein.

Am stärksten vom Wachstumsrückgang betroffen sind Brasilien und Venezuela, Coface prognostiziert einen Einbruch des BIP um 2,5% bzw. sogar um 7%. Von den großen Volkswirtschaften Lateinamerikas erzielen nur Chile und Peru eine leichte Verbesserung in diesem Jahr. Dies allerdings vor dem Hintergrund, dass sich in beiden Ländern das Wachstum im vergangenen Jahr deutlich abschwächte. Externe Faktoren wie die niedrigen Weltmarktpreise für Rohstoffe werden die Region auch weiterhin belasten. Vorausgesetzt, die Rezession in Brasilien lässt, wie eigentlich zu erwarten, im kommenden Jahr nach, könnte Lateinamerika 2016 wieder ein Wachstumsplus von 0,8% erreichen.

Auch mussten nicht alle Länder 2014 ein verlangsamtes Wachstum verbuchen. In Mexiko legte die Wirtschaft um 2,1% zu nach 1,4% im Jahr zuvor. Dazu trug auch bei, dass Mexiko weniger vom Rohstoffexport abhängig ist, sondern sich auch auf produzierende Industrie und Gewerbe stützen kann. Das Land leidet indes weiter unter seiner schwachen Justiz und hohen Kriminalität, die insbesondere von den Drogenkartellen ausgeht.

Abwertung vieler Währungen

Die negative Entwicklung wurde durch die Aufwertung des US-Dollar weiter verstärkt. Diese Aufwertung erklärt sich durch die Einschätzung der Investoren, die davon ausgehen, dass sich die US-Wirtschaft in den Folgemonaten im ­Vergleich zu anderen Volkswirtschaften besser entwickelt. Zusätzlich wird eine Straffung der US-Geldpolitik erwartet. Infolgedessen verloren die fünf wichtigsten nichtkursgebundenen Währungen Lateinamerikas – der Brasilianische Real, der Kolumbianische, der Chilenische und der Mexikanische Peso sowie der peruanische Nuevo Sol – deutlich an Wert.

Hohes Branchenrisiko

In Lateinamerika haben sich die Risiken in den vergangenen Monaten aufgrund der niedrigeren Rohstoffpreise und von deren Auswirkung auf die Wirtschaftsaktivität erhöht. Die meisten Branchen werden nun mit einem hohen Risikoniveau eingestuft. Aufgrund des geringen regionalen BIP-Wachstums verschlechtert sich auch die Risikoeinschätzung vieler Branchen.

Landwirtschaft/Lebensmittel: hohes Risiko. Die Branche arbeitet traditionell mit langen Zahlungszielen und ist anfällig für zwei Variablen: Wetter und Rohstoffpreise. Trotz Rekordernten in einigen Ländern, unter anderem in Brasilien und Argentinien, gingen die Gewinne wegen steigender Produktionskosten und niedrigerer Verkaufspreise zurück. So sanken beispielsweise die Sojapreise im laufenden Jahr bis Ende Juni um ein Drittel. Die Wechselkursprobleme verschärften die Situation.

Einzelhandel: mittleres Risiko. In den meisten Ländern der Region legte der Einzelhandel im vergangenen Jahrzehnt dank höherer Einkommen kräftig zu. Der Aufschwung wurde beeinflusst vom Rohstoffboom. Jetzt, wo die Rohstoffpreise gesunken sind, flacht auch die Kurve im Konsumgüterbereich wieder ab, vor allem in Kolumbien, Peru und Chile. In Mexiko ist die Branche aufgrund steigender Beschäftigungszahlen und geringer Inflation recht stabil. Schwieriger ist die Lage in Brasilien, wo Arbeitslosigkeit, hohe Inflation und das anhaltend geringe Verbrauchervertrauen den privaten Konsum ausbremsen. Insgesamt drücken die Währungsprobleme in Lateinamerika auf die Margen mit importierten Produkten.

Textil/Bekleidung: hohes Risiko. Hier hängen die lateinamerikanischen Länder nach dem Aufschwung der Branche in China, Indien, der Türkei und Vietnam stark vom Import ab. Die eigenen Unternehmen sind weniger konkurrenzfähig.

Metall: hohes Risiko. Nicht nur die Überkapazitäten auf dem Weltmarkt und die geringere globale Nachfrage, nicht zuletzt aus China, belasten die Branche. Auch Faktoren im Inland tragen zur Risikosituation bei. In Brasilen ging die Nachfrage der eigenen Kunden vornehmlich aus dem Autosektor, dem Bau und den Investitionsgüterindustrien zurück. Die schwierige Situation der Automobilbranche in Argentinien schlägt auf den Metallsektor durch.

Automobil: hohes Risiko. Außer in Mexiko, wo das Risiko weiter als „moderat“ eingestuft bleibt, wurde die Branche in der Region auf „hohes Risiko“ gesetzt. Mexiko profitiert von der Nähe zu den USA, den geringen Arbeitskosten und der daraus resultierenden Wettbewerbsfähigkeit. In den ersten sieben Monaten 2015 stiegen die Produktion um 6,7%, der Absatz um 20,9% und der Export um 8,9%. Dieses Bild unterscheidet sich von dem in Brasilien und Argentinien. Seit Anfang 2014 steckt die Autoindustrie in Brasilien in der Krise. Im ersten Halbjahr 2015 brachen die Produktion um weitere 18% und der Absatz um 21% ein. Ein Viertel der Beschäftigten wurde entlassen oder in „Betriebsferien“ geschickt. Derzeit sind die Brasilianer offensichtlich generell nicht bereit, langlebige Güter zu kaufen. Argentinien leidet unter den Auswirkungen aus Brasilien, hoher Inflation, sinkenden Löhnen und hohen Steuern auf große Autos.

Bau: hohes Risiko. In Brasilien sind die Aussichten insgesamt schlecht. Die Nachfrage der Unternehmen ist aufgrund der allgemeinen Wirtschaftslage gering. Beim privaten Hausbau sieht es zwar etwas besser aus, auch wegen der bisherigen Kreditverfügbarkeit. Allerdings steigen die Zinsen, und die öffentlichen Banken verhalten sich bei der Kreditvergabe wieder restriktiver. Auch in Kolumbien verlangsamte sich die Bautätigkeit, wenngleich noch ordentliche Zuwächse generiert werden. Allerdings werden Zahlungsverzögerungen beobachtet. In Mexiko spürt der Bausektor, dass öffentliche Bauvorhaben verschoben wurden. In Chile dagegen stieg der Branchenindex, wenn auch nur leicht, aber im dritten Monat hinter-einander. Zuvor gab es neun Monate in Folge Rückgänge.

Kontakt: erich.hieronimus@coface.de

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