Südafrika bleibt eines der am besten geeigneten Einsteigerländer für ausländische Exporteure und Investoren in Afrika. Vorsicht walten lassen und Risiken effektiv managen, so sollte die Devise heißen.

Ungünstiger hätte der Zeitpunkt der Coronapandemie kaum sein können: Seit Jahren kommt Südafrikas Wirtschaft kaum in Schwung, das Wachstum lag zuletzt bei rund 1%. Im laufenden Jahr wird es wegen des Lockdowns deutlich in den negativen Bereich rutschen. Keine Frage: Das Land an der Südspitze des Kontinents ist nichts für Anfänger. Wer aber genauer hinschaut, entdeckt eine ganze Reihe von vielversprechenden Entwicklungen, die eine Trendwende begünstigen.

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Trotz aller wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen befindet sich Südafrika in einer guten Ausgangsposition, die das im Grunde reiche Schwellenland von typischen Entwicklungsländern unterscheidet. Seine Volkswirtschaft ist nach Nigeria die größte des Kontinents, das Land bewegt sich im afrikanischen Vergleich auf dem höchsten Entwicklungsstand. Dazu gehören eine relativ gute Verkehrsinfrastruktur, die diversifizierte, teils hochmoderne Industrie, zunehmende Privatisierung staatlicher Funktionen, Rechtssicherheit und freier Devisenverkehr. Mit einem Anteil von nur 5,8% an der Gesamtbevölkerung von Subsahara-Afrika erwirtschaftet Südafrika stolze 23% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Region.

Diese Vorrangstellung spiegelt sich auch in den deutschen Exporten wider: Rund 40% unserer Afrika-Ausfuhren gehen nach Südafrika. Nach China und noch vor den USA ist Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner.

Belebung des innerafrikanischen Handels

Viele Unternehmen nutzen Südafrika als ideales Sprungbrett in die benachbarten afrikanischen Märkte. Begünstigt wird diese Funktion durch die Mitgliedschaft in der ältesten noch bestehenden Zollunion der Welt: In der Southern African Customs Union (SACU) haben Botswana, Lesotho, Namibia, Südafrika und Eswatini (vormals Swasiland) den zollfreien Austausch von Waren und Dienstleistungen vereinbart.

Einen noch viel größeren Markt wird die Panafrikanische Freihandelszone (African Continental Free Trade Area, kurz AfCFTA) erschließen, die etwa 90% der Zölle für den grenzüberschreitenden Handel auf dem Kontinent abschafft. Sie dürfte nach Einschätzung der Commerzbank die regionale Integration vertiefen und dem Handel neue Impulse geben.

Auch wenn im April dieses Jahres beschlossen wurde, die Etablierung der AfCFTA um ein Jahr auf 2021 zu verschieben: Das Abkommen gilt als wichtige Initiative zur Erleichterung der Handelsströme. Angesichts der überall spürbaren wirtschaftlichen Coronafolgen versuchen einige Länder möglicherweise, die Umsetzung der AfCFTA zu verzögern, um sich erst einmal mit Hilfe protektionistischer Maßnahmen von der Krise zu erholen. Doch selbst das wäre wohl nur ein kurzfristiges Intermezzo, das die AfCFTA nicht stoppen dürfte: Mittel- und langfristig ist zu erwarten, dass sie maßgeblich dazu beiträgt, Afrika wirtschaftlich speziell von Asien und Europa unabhängiger zu machen.

Verbesserte Rahmenbedingungen für Unternehmen

Eine weitere ermutigende Initiative ist das Panafrikanische Zahlungs- und Abwicklungssystem (Pan-African Payment and Settlement System, kurz PAPSS) der African Export-Import Bank (Afreximbank). Es zielt darauf ab, die Abhängigkeit des Kontinents von harten Währungen im Handel zu verringern. 2019 eingeführt, bietet PAPSS eine digitale Plattform für Clearing und Settlement innerafrikanischer Handelstransaktionen in der jeweiligen Landeswährung. Auch damit soll das Volumen des Handels auf dem Kontinent gesteigert werden. Denn schnelle und verlässliche Transaktionen verbessern die Rahmenbedingungen und Zukunftsperspektiven für Unternehmen.

Reiche Mineralvorkommen als verlässliche Grundlage

Auch wenn der BIP-Anteil des Bergbausektors nur noch rund 8% beträgt, bleibt er aufgrund der reichen Mineralvorkommen ein wirtschaftlicher Stabilisierungsfaktor. Begünstigt dadurch, dass der Preisverfall bei Mineralerzen weniger ausgeprägt ist als bei Erdöl und Erdgas, sorgen die südafrikanischen Rohstoffexporte weiterhin für wichtige Einnahmen.

Mobilität für die Region

Der Industriesektor (13% des BIP) ist breit diversifiziert. Eine bedeutende Rolle spielen der Automobilbau und die Kfz-Zulieferindustrie. Die großen deutschen ­Markenhersteller sind in Südafrika mit Produk­tionsstätten vor Ort und beliefern von hier aus weite Teile der Subsahara-Region, zum Teil sogar den Rest der Welt. Auch die Bereiche Chemie, Stahl, Nahrungsmittelverarbeitung sowie Maschinenbau – insbesondere bei Bergwerksmaschinen – sind gut aufgestellt.

Für den eigenständigen Ausbau der Industrie gibt es ingenieurtechnische Kompetenzen insbesondere bei der Herstellung von Anlagen und Maschinen – deutsche Maschinenbauer werden sich bei ihren Exporten mittelfristig auf Wettbewerber vom Kap gefasst machen müssen. Das betrifft insbesondere in Afrika nachgefragte Standardmaschinen, während Spezialmaschinen weiterhin von der hohen technologischen Kompetenz des „Made in Germany“ profitieren könnten.

Aufgrund großer kapitalintensiver Projekte im Land und auf dem gesamten Kontinent gibt es einen bedeutenden, international vernetzten Finanzsektor (20% des BIP), Finanzierungsmöglichkeiten sind also vor Ort gegeben.

Die Landwirtschaft (3% des BIP) ist nicht nur exportstark, sondern gewährleistet in der Regel die Selbstversorgung. Energetisch ist das Land mit Kohle ebenso gut ausgestattet wie mit naturräumlichen Voraussetzungen für erneuerbare Energien. So konnte die Erzeugung alternativer Energie aus Wasser, Wind und Sonne in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut werden.

Wegen der geringen Importabhängigkeit bei Nahrungsmitteln sowie bei der Energieversorgung und aufgrund seiner Rohstoffexporte bleibt Südafrika trotz schwachen Wachstums in den vergangenen Jahren außenwirtschaftlich verhältnismäßig robust.

Auf lange Sicht wird zudem die Digitalisierung zusätzlichen Schub bekommen. So dürften technologieintensive Unternehmen am besten mit der Krise zurechtkommen. Noch weitgehend mit papierbasierten Prozessen arbeitende Bereiche wie der Außenhandel oder der öffentliche Sektor spüren in ihrem Umfeld einen hohen Anpassungsdruck. Afrika hat bereits begonnen, sein digitales Potential auszuschöpfen. Viele Länder, die veraltete Infrastrukturen modernisierten, können jetzt neue Technologien schneller und effektiver implementieren.

Reformen sind angestoßen

Bei aller Zuversicht für ein wirtschaftliches Comeback Südafrikas dürfen existierende Hemmnisse nicht übersehen werden: administrative Defizite, hohe Ungleichheit, Filz und Korruption als Erbe der Präsidentschaft von Jacob Zuma, der das Land von 2009 bis 2018 regierte.

Mit dem Amtsantritt seines Nachfolgers Cyril Ramaphosa verband sich die Hoffnung auf eine schrittweise Stärkung des Wirtschaftswachstums. In der Tat hat er Reformen, insbesondere bei den meist ineffizienten Staatsbetrieben, angestoßen – aber die Zeitfenster für solche Prozesse sind auf dem afrikanischen Kontinent oftmals deutlich größer als in Industrieländern.

Eine Rolle spielt dabei zweifellos auch die Vielfalt Südafrikas: Elf unterschiedliche amtliche Landessprachen sowie ebenso viele verschiedene Mentalitäten und Kulturen machen es schwer, Geschlossenheit in Verbänden und Parteien zu erreichen, so dass politische Vorhaben konsequent umgesetzt werden können.

Entschieden gegen Corona

Bei der Eindämmung des Coronavirus hat Präsident Cyril Ramaphosa zeitnah entschiedene Maßnahmen umgesetzt, die erst nach und nach gelockert werden. Zudem gibt es im Vergleich mit anderen Ländern des Kontinents mehr finanzielle Unterstützung für den Gesundheitssektor und die Wirtschaft. Dazu gehören eine deutliche Senkung des Zinsniveaus sowie die Möglichkeit, Verbindlichkeiten bei Banken zu strecken.

Wie in vielen anderen Ländern waren die Folgen des Lockdowns auch für viele deutsche Unternehmen spürbar. Unternehmen, die am Kap tätig sind, warteten für anstehende Wartungen oder Produktionserweiterungen vergeblich auf die Einreise von Technikern und Ingenieuren aus ihrem Heimatland, denn die Grenzen waren geschlossen.

Absicherungen gegen Zahlungsausfälle werden wichtiger

Zwischen Herausforderungen und Chancen: Der weitere Weg Südafrikas wird auch kurz- und mittelfristig von Volatilitäten geprägt sein – nichts Neues für Unternehmen, die auf dem Kontinent aktiv sind und ihr Risikomanagement darauf ausrichten. Clean Payments, also Lieferungen auf offene Rechnung, sollten entsprechend dem individuellen Risikoappetit eines Unternehmens überprüft werden. Angesichts gewachsener Ausfallwahrscheinlichkeiten empfiehlt sich dringend die Absicherung durch Garantien oder Akkreditive. Corona beschleunigt diese Veränderung ohne Zweifel.

Wägt man Chancen und Herausforderungen gegeneinander ab, so bleibt Südafrika eines der am besten geeigneten Einsteigerländer für ausländische Exporteure und Investoren in Afrika. Vorsicht walten lassen und Risiken effektiv managen, so sollte die Devise heißen. Denn mit langfristiger Perspektive und sorgfältiger Auswahl der Geschäftspartner eröffnen sich attraktive Möglichkeiten in einem der nach wie vor faszinierendsten Länder der Welt.

christian.toben@commerzbank.com

www.commerzbank.de

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