Mit dem Abkühlen der Weltkonjunktur sinkt die externe Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen westeuropäischer Unternehmen. Die Unsicherheit durch den Handelsstreit zwischen China und den USA macht sich ebenso wie die weltweit schlechter gewordenen Finanzierungskonditionen bemerkbar. Weitere Unsicherheitsherde stellen die Entwicklung in Italien und der Brexit dar.

Trotz des Gewinns von Stimmanteilen von europaskeptischen Parteien bei der EU-Parlamentswahl sieht es danach aus, als werde die handelspolitische Ausrichtung der Staatengemeinschaft auch in der kommenden Legislaturperiode stabil bleiben. Für Exporteure dürfte das eine gute Nachricht sein in Zeiten, in denen die wirtschaftlichen Unsicherheiten in den Mitgliedsländern steigen.

Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)

Seit November 2018 häufen sich die Signale für ein nur noch moderates Wachstum der Weltwirtschaft. Dieser Trend hat sich intensiviert. Aufgrund der rückläufigen Prognosen für die EU und die USA rechnen die Risikoexperten von Atradius mit einem weltweiten BIP-Wachstum von 2,8% für das Jahr 2019. Im vergangenen Jahr waren die Prognosen für dieses Jahr noch positiver und lagen bei 3,2%. Allerdings sollte dabei berücksichtigt werden, dass 2018, wirtschaftlich gesehen, ein starkes Jahr für die Industrienationen war. Auch die Unsicherheit durch den Handelsstreit zwischen China und den USA wirkt sich zusätzlich negativ aus, ebenso wie die weltweit schlechter gewordenen Finanzierungskonditionen. Weitere Unsicherheitsherde stellen die Entwicklung in Italien und der Brexit dar. Mit dem Abkühlen der Weltkonjunktur sinkt die externe Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen westeuropäischer Unternehmen. Das macht auch das innereuropäische Geschäft riskanter.

Niederlande: Wiederanstieg der Insolvenzen nach fünf Jahren

Für die Niederlande rechnen unsere Experten dank der robusten Inlandsnachfrage mit einer vergleichsweise soliden wirtschaftlichen Entwicklung. Sie prognostizieren ein Wachstum von jeweils 1,7% für das laufende Jahr und für das Jahr 2020. Allerdings werden sich die niedrigeren Exportquoten wie die steigende Unsicherheit in der Weltwirtschaft negativ auf das niederländische Bruttoinlandsprodukt auswirken. Für die Branchen Papier, Stahl und Textil sind die Aussichten weniger rosig. Atradius rechnet nach fünf Jahren rückläufiger Firmenpleiten nun wieder mit einem Anstieg der Insolvenzen um 3% gegenüber dem Vorjahr.

Frankreich: negative Auswirkungen der Innenpolitik

In Frankreich verschlechtert sich der wirtschaftliche Ausblick seit rund eineinhalb Jahren, unter anderem infolge der Proteste der sogenannten Gelbwesten. Die Staatsausgaben stehen unter Beobachtung und nehmen aktuell mehr als 50% des BIP ein. Die Staatsschulden gehören zu den höchsten in der gesamten Euro-Zone. Hier müssen zukünftig Maßnahmen der Regierung getroffen werden, um die öffentlichen Ausgaben nachhaltig zu senken.

Auch die Firmenschulden sind auf mehr als 70 % des BIP angestiegen. Die größten Forderungsrisiken bestehen aktuell bei Geschäften mit französischen Unternehmen, die aus dem Agrarbereich, dem Bau- und dem Baumaterialiengewerbe sowie aus dem Papier- und dem Textilsektor stammen. Mit geschätzten 55.600 Insolvenzen prognostiziert Atradius beim größten westeuropäischen Außenhandelspartner der deutschen Wirtschaft ein Plus von 3% bei den Firmenpleiten in diesem Jahr.

Belgien: haushaltspolitischer ­Spielraum stark eingeschränkt

Für unser Nachbarland Belgien erwarten die Atradius-Underwriter nach einem leichten Rückgang der Konkurse von 1% im vergangenen Jahr einen Anstieg von 2% im laufenden Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt nimmt 2019 und 2020 voraussichtlich um 0,1% pro Jahr ab. Belgien weist eine hohe Beschäftigungsquote auf. Allerdings gehört das Land zu den EU-Staaten, die den größten Verschuldungsgrad haben. Dieser liegt weiterhin über 100% des BIP.

Großbritannien ist einer der wichtigsten Exportmärkte für belgische Unternehmen. Der Brexit könnte sich insbesondere negativ auf Branchen wie die Textil- und die Chemieindustrie Belgiens auswirken. Insgesamt gesehen, ist im Baugewerbe, bei den Produzenten von Baumaterialien und langlebigen Konsumgütern sowie in der Papier-, der Dienstleistungs- und der Textilbranche zukünftig mit höheren Kreditausfallrisiken zu rechnen.

BIP-Rückgang in Österreich führt zu Anstieg der Firmenpleiten

Beim siebtgrößten Außenhandelspartner Deutschlands bietet sich ein ähnliches Bild bei den Insolvenzen wie in Belgien. Nach einer positiven Entwicklung im Jahr 2017 und 2018 rechnen die Experten mit einem erneuten Anstieg der Firmenkonkurse in der Alpenrepublik um 2% im Jahr 2019. Österreichs BIP schrumpft laut Prognose deutlich von 2,8% im Jahr 2018 auf 1,5% im Jahr 2019. Für 2020 wird eine Erholung erwartet. Insbesondere die Steuerpolitik Österreichs wirkt sich negativ auf die Gesamtprognose aus, ebenso die verhaltene Exportprognose. Die größten Unsicherheiten bestehen aktuell bei österreichischen Automobilzulieferern, Bauunternehmen, Anbietern von Baumaterialien sowie Stahl- und Textilunternehmen.

Dänemark: stabile Inlandsnachfrage, Exportrückgang möglich

In Dänemark entwickelt sich die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr positiver als im Vorjahr. Angetrieben von einer positiven Inlandsnachfrage, liegt die Prognose bei 2%. Die Inlandsnachfrage wird gestützt von gestiegenen Einkommen und niedrigen Zinsen. Die Staatsausgaben werden voraussichtlich ebenso wie die Industrieproduktion steigen.

Durch Strukturreformen hat Dänemark im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Auf einen Nachfragerückgang aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland, würde das Land laut Experten allerdings empfindlich reagieren. Auch der Brexit macht den Dänen zu schaffen, da das Königreich Dänemarks drittgrößten Exportmarkt darstellt. Insbesondere die Landwirtschaft, die Textil- und die Stahlindustrie, das Baugewerbe sowie die Produzenten von Baumaterialien wie auch die Produzenten von langlebigen Gebrauchsgütern blicken schwierigen Zeiten entgegen.

Offene Forderungen im Blick behalten

Die gestiegene Gefahr von Forderungsausfällen in vielen Ländern der EU sollte exportierende Unternehmen dafür sensibilisieren, Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz ihrer offenen Forderungen zu ergreifen. Damit können sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und gleichzeitig sicherstellen, dass ihre erbrachten Lieferungen und Dienstleistungen zu garantierten Zahlungseingängen führen. Professionelle Kreditversicherer wie Atradius haben die finanzielle Entwicklung ihrer Kunden stets im Blick.

andreas.tesch@atradius.com

www.atradius.com

Aktuelle Beiträge