Der Kampf um preisliche Wettbewerbsvorteile hält angesichts einer lockeren Geldpolitik in den USA, Japan und im Euro-Raum ­weltweit an. Sichere Anlageländer stehen derzeit unter erhöhtem Aufwertungsdruck, nur Deutschland kann sich dank der Schwäche des Euro preislich behaupten. Die Schweizerische Nationalbank musste dagegen die Bindung an den Euro aufgeben, um den ­Kapitalzufluss aus dem Euro-Raum einzudämmen.

Von Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa, Atradius Kreditversicherung

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Schweizer Franken zieht stark an

Das Ende des Mindestkurses für den Schweizer Franken hat zu dramatischen Auswirkungen auf dem Devisenmarkt geführt. Die Schweizerische Nationalbank überraschte am 15. Januar 2015 die Märkte mit der Aufgabe ihres Mindestkurses gegenüber dem Euro. Dieser war 2011 eingeführt worden, um einer Überbewertung des Schweizer Franken entgegenzuwirken, denn diese drohte bedingt durch spekulative Kapitalflüsse weg vom damals gefährdeten Euro.

Nach Bekanntgabe der Meldung schoss der Kurs des Franken noch am selben Tag um bis zu 39% gegenüber dem Euro in die Höhe, schloss aber am Tagesende nur um 15% höher ab. Der Wert des Franken blieb anschließend einigermaßen stabil: Am 30. Januar wurde der Schweizer Franken mit einem Kurs von 1,05 gegenüber dem Euro gehandelt – der Mindestkurs hatte 1,20 betragen. Gleichzeitig senkte die Zentralbank ihren Referenzzinssatz weiter auf –0,75% ab, um neue Geldflüsse ins Land zu verhindern.

Analyse der Auswirkungen

Die Schweiz wird von internationalen Investoren immer noch als „sicherer Hafen“ für Kapitalanlagen angesehen. Durch den ungewöhnlich niedrigen Zinssatz sinken die Kapitalerträge innerhalb der Schweiz, was den Aufwärtsdruck auf den Franken nach Ansicht der Volkswirte von Atradius mildern könnte.

Viele große Schweizer Unternehmen bekommen die Folgen der Maßnahme direkt zu spüren. Der Schweizer Aktienmarkt brach umgehend nach Bekanntwerden der Neuigkeiten ein. Die meisten der auf Exporte angewiesenen Schweizer Unternehmen sind betroffen. Sie müssen hinnehmen, dass ihre Produktionskosten im Inland im Verhältnis zu ihren Exportkosten steigen; das drückt auf die Gewinnmargen. Auch die Tourismusbranche hat unter der Maßnahme zu leiden, da der Urlaub in der Schweiz für Besucher aus dem Ausland teurer wird. Die Schweizer Wirtschaft ist stark exportorientiert; Ausfuhren machen 70% des Bruttoinlandsprodukts aus.

Zudem steigt bei einem stärkeren Franken auch das Risiko einer langanhaltenden Deflation, also von sinkenden Preisen. Während der Franken an Wert zulegt, sinken die Preise für importierte Güter, was die Gesamtinflation drückt. Die Inflation in der Schweiz war bereits im Dezember des vergangenen Jahres negativ und sank im Vergleich zum Vorjahresmonat um 0,3%. In einer Phase andauernder Deflation könnten die Verbraucher beschließen, Konsumausgaben aufzuschieben, während sich Unternehmen möglicherweise mit Investitionen zurückhalten. Dies würde das Wirtschaftswachstum insgesamt untergraben.

Kreditaufnahme in Franken belastet

Währenddessen steckt eine Reihe von ausländischen Unternehmen bereits in Schwierigkeiten: Es werden schon die ersten Insolvenzen gemeldet. Besonders Finanzinstitute wie Investmentbanken, Hedgefonds und Devisenhändler, die sich auf den gestützten Wechselkurs verlassen hatten, mussten starke Verluste verkraften. Nicht weniger heftig sind die Aus­wirkungen für ausländische Unternehmen und Haushalte, die Kredite in Schweizer Franken aufgenommen haben – eine in der Vergangenheit beliebte Option angesichts der allgemein niedrigen Zinssätze für solche Kredite. Mit dem steigenden Wert des Schweizer Franken gewinnen nun jedoch auch die Schulden an Wert. Deshalb müssen Haushalte und Unternehmen mit auf Schweizer Franken lautenden Darlehen erleben, wie ihr Schuldenstand und die Kosten für die Bedienung ihrer Verbindlichkeiten stark anwachsen.

Besonders in Osteuropa wird dies zum Problem. So lauten zum Beispiel in Polen ca. 14,6% der ausstehenden Kredite und 37% der Schulden privater Haushalte auf Schweizer Franken. Andere Länder wie Ungarn oder Kroatien haben jedoch in den vergangenen Jahren aktiv Maßnahmen ergriffen, um die Anzahl und den Wert der Darlehen in der Schweizer Währung zu verringern. Das sollte die Auswirkungen eines steigenden Schweizer Franken eindämmen.

Kontakt: thomas.langen[at]atradius.com

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