Rumänien erlebt derzeit ein robustes Wachstum, das vor dem Hintergrund verbesserter Arbeitsmarktbedingungen, niedriger ­Inflation und einer konjunkturstützenden Haushalts- und Finanzpolitik zunehmend durch die Binnennachfrage getragen wird. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit unterstützt die Exporte. Das Land bleibt jedoch weiterhin anfällig für eine plötzliche Änderung der externen Rahmenbedingungen.

Von Christoph Witte, Direktor Deutschland, Credimundi, Member of the Credendo Group

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Die derzeit günstige Wirtschaftsentwicklung trägt zu einer positiven Einschätzung des systemischen wirtschaftlichen Risikos Rumäniens bei. Die allgemein verbreitete Korruption und eine volatile Steuerpolitik beeinträchtigen jedoch das Geschäftsumfeld. Insgesamt stuft die Credendo Group das wirtschaftliche Risiko in die Kategorie B ein (auf einer Skala von A bis C). Das kurzfristige politische Risiko Rumäniens (Kategorie 1 auf einer Skala von 1 bis 7), wird wesentlich von der Mitgliedschaft Rumäniens in der EU bestimmt, die (langfristig) Kapitalverkehrskontrollen ausschließt und das makroökonomische Gleichgewicht wahrt. Die hohen Währungsreserven, die die vergleichsweise niedrige kurzfristige Auslandsverschuldung übersteigen, untermauern unsere positive Einschätzung.

Bei der Bewertung des mittel- und langfristigen politischen Risikos (das in Kategorie 3 von 7 eingeordnet wird) hat die vergleichsweise hohe Auslandsverschuldung Rumäniens negative Auswirkungen auf die Einschätzung der Zahlungsfähigkeit des Landes. Da Rumänien in den vergangenen Jahren seine Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite jedoch deutlich zurückführen konnte, hat die Auslandsverschuldung ein sehr akzeptables Niveau erreicht. Aus diesem Grund ist das Land auch nicht wesentlich von den aktuellen Kapitalabflüssen aus Schwellenländern betroffen. Immer wiederkehrende Episoden politischer Instabilität haben die positiven Veränderungen nicht verhindert, bremsen jedoch weitere strukturelle Reformen, die nötig sind, damit Rumänien gegenüber den übrigen EU-Ländern aufholen kann.

Der IWF erwartet für Rumänien ein robustes Wirtschaftswachstum von 2,7% bzw. 2,9% in den Jahren 2015 und 2016, das überwiegend durch den privaten Konsum sowie durch ein positives Wachstum der Investitionen getragen wird. Verbesserte Arbeitsmarktbedingungen, niedrige Inflation und eine (kürzlich beschlossene und noch umzusetzende) Mehrwertsteuersenkung dürften eine Steigerung der verfügbaren Realeinkommen bewirken und so den privaten Konsum weiter stärken. Private Investitionen werden durch niedrige Zinsen unterstützt, was sich auch im Economic Sentiment Indicator der EU widerspiegelt, der im April dieses Jahres ein Siebenjahreshoch erreichte. Die Entwicklung der privaten Investitionen wird stark davon abhängen, wie viele EU-Fördermittel in Anspruch genommen werden. Hier wird eine höhere Absorption erwartet. Von den Nettoexporten dürfte dagegen künftig ein geringerer Beitrag zum Wachstum ausgehen, da die starke Inlandsnachfrage die Importe belebt.

Seit dem Höchststand im Jahr 2007 wurde das Leistungsbilanzdefizit erheblich reduziert und betrug 2014 noch 0,5% des BIP. Dabei war die Entwicklung der Ausfuhren die wesentliche Triebkraft. Exporte von Waren und Dienstleistungen erwirtschafteten 2014 rund 45% des BIP (2007: 33% des BIP). Analysen zufolge war die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der ausschlaggebende Faktor für das kräftige Wachstum der Exporte. Hierdurch konnte Rumänien seine Marktanteile bei den Exportprodukten erhöhen. Darüber hinaus haben die rumänischen Exporteure ihre Zielländer diversifiziert, so dass sie weniger abhängig von den Märkten der EU sind. Diese Entwicklungen zeigen, dass sich die Zusammensetzung des rumänischen Wirtschaftswachstums strukturell verbessert hat.

Die internationalen Kreditgeber der Hilfsprogramme machten auch die Konsolidierung der Staatsfinanzen zur Auflage. Konsolidierungsmaßnahmen, überwiegend in Form von Ausgabenkürzungen (Reduzierung der Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst um ein Viertel, dramatische Kürzung der Renten und Sozialleistungen etc.) ermöglichten die Rückführung des Haushaltsdefizits von 7,1% des BIP (2009) auf 1,9% im Jahr 2014. Im Jahr 2012 beendete die EU das Verfahren wegen eines übermäßigen Haushaltsdefizits (Excessive Deficit Procedure) gegen Rumänien.

Der Pfad der finanziellen Konsolidierung droht jedoch ab dem kommenden Jahr verlassen zu werden: Die rumänische Regierung hat im März ein neues Steuergesetz verabschiedet (das im Juni noch vom Parlament genehmigt werden muss), das eine Reihe von Steuererleichterungen vorsieht, darunter die Senkung der Mehrwertsteuer um 4 Prozentpunkte, die Senkung weiterer Verbrauchsteuern, die Abschaffung der Dividendenbesteuerung sowie einer Steuer auf Sonderbauten. Diese Maßnahmen sollen das Wirtschaftswachstum weiter fördern und zugleich eine Verlagerung der wirtschaftlichen Aktivität vom informellen in den formellen Sektor bewirken und damit zu Verbesserungen bei der Steuererhebung führen.

Die Genehmigung der neuen Steuergesetze könnte eine neue Kreditvereinbarung mit dem IWF und der EU erschweren, die im September 2015 ansteht, wenn die derzeitige Kreditlinie ausläuft. Ministerpräsident Ponta hat jedoch erklärt, das Hilfsprogramm nicht erneuern zu wollen. Die Staatsverschuldung Rumäniens liegt zwar weiterhin deutlich unter der Obergrenze von Maastricht von 60% des BIP und ist die viertniedrigste in der EU, dennoch ist sie sprunghaft von 13,4% (2008) auf 39,8% (2014) angestiegen.

Rumänien bleibt trotz allem weiterhin anfällig gegenüber externen Einflüssen. Die Bruttoauslandsverschuldung verharrt auf hohem Niveau (63% des BIP im Jahr 2014), obwohl sie seit 2012 rückläufig ist. Zwei Drittel der Schulden sind private Auslandsschulden, nur ein Fünftel der Gesamtschulden hat kurzfristige Laufzeiten (davon sind die Hälfte konzerninterne Darlehen), womit das Risiko kurzfristiger Kapitalabflüsse begrenzt ist. Auch die externe Liquidität Rumäniens, die sich im Volumen der Währungsreserven ausdrückt, ist trotz jüngster umfangreicher Rückzahlungen an den IWF angemessen. Die rumänischen Währungsreserven decken derzeit den Wert von mehr als fünf Monatsimporten (drei Monate sind die Standardrisikoschwelle).

Eine weitere Schwäche ist die starke „Euroisierung“ des privaten Sektors (über 50% der Darlehen an den privaten Sektor lauten auf Fremdwährung). In Zeiten finanzieller Belastung beinhaltet dies ein großes Währungsrisiko. Eine Einführung des Euro, die das Risiko einer Währungsinkongruenz eliminieren würde, strebt die rumänische Regierung für 2019 an. Während einige der formalen Kriterien für die Einführung des Euro 2014 erfüllt waren (Haushaltsdisziplin und langfristige Zinsen), waren andere zur Fluktuation der Landeswährung sowie zur Preisstabilität noch nicht erfüllt.

Bezüglich der beiden letzteren Kriterien wurden jedoch jüngst Fortschritte erzielt. Erstens hat sich die rumänische Währung in den beiden vergangenen Jahren zum Euro relativ stabil entwickelt. Ebenso hat sie mehrere Stressphasen für Schwellenmärkte nach der Ankündigung eines geldpolitischen Kurswechsels der amerikanischen Notenbank Fed („Tapering“) Mitte 2013 vergleichsweise gut überstanden. Zweitens ist die Inflation 2014 deutlich zurückgegangen, unterstützt durch fallende Ölpreise, eine Mehrwertsteuersenkung für Brot sowie eine gute Ernte. Die Inflation erreicht nun einen historischen Tiefstwert (im März 2015 lag der Harmonisierte Verbraucherpreisindex HVPI um 0,8% über dem Vorjahreswert), nachdem bis Mitte 2013 üblicherweise Werte von über 4% zu verzeichnen waren. Dies hat eine Lockerung der Geldpolitik ermöglicht, die Zinsen erreichen inzwischen ebenfalls Tiefstwerte.

Die ausführliche Länderstudie Rumänien steht zum kostenlosen Download unter www.credimundi.de bereit.

Kontakt: c.witte[at]credendogroup.com

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