Ungeachtet schwelender Krisenherde und Bürgerkriege nimmt die Wirtschaft im Nahen Osten und in Nordafrika insgesamt wieder Fahrt auf. 2014 dürfte die MENA-Region um 2,6% gewachsen sein. Gestützt auf die Erholung der Weltwirtschaft und Anzeichen einer politischen Verständigung in einigen Ländern der Region, könnte sich das Wachstum 2015 auf 3,2% beschleunigen. Damit liegt es allerdings weiter unter dem Durchschnittswert der Jahre 2000 bis 2010 von 5,4%.

Von Dr. Dirk Bröckelmann, Economic Research, Coface, Niederlassung in Deutschland

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Die Weltwirtschaft erholt sich langsam, aber weniger kraftvoll als vor der Krise 2008. Das globale Wachstum legt 2015 nach Einschätzung von Coface um 3,1% zu. Sowohl für die Industrienationen als auch die Emerging Markets wird eine leichte Verbesserung der Wachstumsrate erwartet: für die entwickelten Länder von 1,7% im Vorjahr auf 2,1% und für die aufstrebenden Länder von 4,2% auf 4,3%.

Starkes Wachstum am Golf

Die Länder des Golf-Kooperationsrates (GCC) führen die Wachstumsraten der Region Nahost/Nordafrika an. 2014 dürfte die Wirtschaft in diesen Staaten zusammen um 4,2% zugelegt haben. Für 2015 sind 4,1% zu erwarten. Faktoren dafür sind unter anderem die robusten Aktivitäten außerhalb des Ölgeschäftes sowie große Haushaltsüberschüsse. Mit ihrer Diversifizierungspolitik bauen die GCC-Länder Nichtölbranchen auf. So sank der Anteil des auf Energierohstoffen und -produkten basierenden Geschäftes am BIP von 41% im Jahr 2000 auf 33% 2014. Die GCC-Staaten profitieren zudem von einer starken finanziellen Basis, etwa den hohen Anlageguthaben der staatlichen Gesundheitsfonds und Überschüssen im Ausland. Allerdings würde sich ein anhaltender starker Rückgang des Ölpreises 2015 auch auf die Wachstumsaussichten und die Finanzhaushalte auswirken.

Preisvolatilität belastet Öl- und Gasindustrie

Der Wohlstand der Staaten des Golf-Kooperationsrates stützt sich auf das Öl. In der Region gibt es die größten Vorkommen der Welt. Kuwait, Qatar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate verfügten Ende 2013 über 41% der nachgewiesenen Rohölreserven aller OPEC-Staaten. Dementsprechend ist ­dieser Sektor für den Export und die ­Haushaltseinnahmen der GCC-Länder von größter Bedeutung. Die Erlöse der Branche bilden auch die Grundlage für die Entwicklung anderer Industrien.

Die sinkenden Ölpreise könnten die Haushalte und die Exporte nun aber belasten. Zudem könnten Projekte verschoben oder abgesagt werden, wenn Investoren die Zuversicht verlieren, weil Druck auf die Unternehmensgewinne entsteht. In Verbindung mit steigenden Breakevenwerten könnten auch die Sozialausgaben und die Investitionen gebremst werden und das Wachstum insgesamt be-
lasten.

Günstiges Geschäftsumfeld

Den meisten GCC-Ländern ist es gelungen, sich aus den geopolitischen Turbulenzen herauszuhalten. So konnten sie weiter ausländische Investoren gewinnen und solide Wachstumsraten ausweisen. Alles in allem ist die Coface-Bewertung des Geschäftsumfelds in diesen Ländern deshalb besser. Hinsichtlich Finanzstabilität, Bürokratie und Transparenz ist jedoch noch einiges zu tun.

Politische Konflikte belasten

In Ländern wie dem Irak und Libyen ist die wirtschaftliche Entwicklung sehr stark von den aktuellen Turbulenzen beeinträchtigt. Das BIP des Irak wird 2014 wohl um 2,5% geschrumpft sein, das Libyens um ganze 19,8%.

Die ölimportierenden Länder haben die sozialen und politischen Verwerfungen unmittelbar zu spüren bekommen. Sie leiden weiter unter politischen Unwägbarkeiten, hoher Arbeitslosigkeit und öffentlicher Verschuldung, Defiziten in der Leistungsbilanz und fiskalischer Instabilität.

Allerdings machen die Länder durchaus auch einige Fortschritte. Sie unternehmen Strukturreformen, um die Finanzen zu stabilisieren und die Bedingungen am Arbeitsmarkt und im Geschäftsumfeld zu verbessern. „Tunesien und Marokko werden die besten wirtschaftlichen Chancen eingeräumt, vor allem wegen der Erholung in den euro­päischen Absatzmärkten“, erklärt Seltem Iyigun, Economist für die MENA-Region bei Coface.

Ölimporteure erholen sich

Für die ölimportierenden Länder (Ägypten, Jordanien, Libanon, Marokko, Tunesien) dürften sich die Besserung im Tourismusbereich, die Zuversicht der Investoren und der Export – wesentlich angetrieben von der Erholung in den europäischen Ländern – positiv auf das Wachstum auswirken. Zudem haben viele ölimportierende Staaten nach den sozialen Unruhen Programme zur Ankurbelung der Wirtschaft angekündigt. Das Wachstum dieser Länder wird 2014 bei 2,5% und im laufenden Jahr bei 3,4% liegen. Zwar leiden die Staaten noch unter hoher Arbeitslosigkeit sowie Haushalts- und Leistungsbilanzdefiziten, auch die Verschuldung der öffentlichen Hand ist weiter hoch. Doch getragen von der wirtschaftlichen Erholung und entsprechenden Reformen dürfte sich die Gesamtsituation verbessern.

Bedeutende Textil- und Bekleidungsindustrie

Die Textil- und Bekleidungsbranche ist eine der traditionellen Industrien in Nordafrika und leistet einen wichtigen Beitrag zur Beschäftigung und Industrieproduktion. In Marokko arbeiten in den Textil­betrieben 40% aller industriell Beschäf­tigten. Die Branche erwirtschaftet dort 10% des BIP und stellt 20% der Export­güter. In Tunesien ist der Textil- und Be-kleidungssektor der zweitgrößte Exporteur der produzierenden Gewerbe, er ­leistet 19% der gesamten Ausfuhren und beschäftigte im ersten Quartal 2014 immerhin 7% aller Erwerbstätigen. Die größten Risiken der Branche sind die ­Konzentration der Ausfuhren auf die europäischen Länder, die Verhandlungsmacht der Abnehmer gegenüber den Herstellern, der beschränkte Zugang zu Krediten und die politische Instabilität.

Kontakt: dirk.broeceklmann[at]coface.de

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