Die subjektive Einschätzung der wirtschaftlichen Lage ist oft schlechter als die Realität, und die Skepsis steigt, ob EU-Institutionen eine einheitliche Politik für so unterschiedliche Länder und deren Wirtschaftsentwicklung machen können.

Die Europawahl hat die Kritiker der EU gestärkt, doch die Mehrheit steht zur Europäischen Union. Die Handelspolitik der USA drückt weiter auf die Konjunkturerwartungen. Die Coface-Ökonomin Christiane von Berg gab beim Kongress Länderrisiken 2019 einen Überblick (HIER) über die Einschätzung zu aktuellen weltwirtschaftlichen Entwicklungen und über die Länderbewertungen des internationalen Kreditversicherers.

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Die Entwicklung der weltweiten Länderrisiken weist im zweiten Quartal 2019 eine leichte Verschlechterung unter anderem in einigen Schwellenländern auf. „Es zeigt sich aber vor allem auch ein verändertes Konjunkturbild in der EU“, sagte Christiane von Berg. „Hier hat nicht nur Deutschland zu kämpfen, auch Frankreich und Großbritannien haben konjunkturelle Probleme.“ Beide Länder habe man allerdings frühzeitig vorsichtig eingeschätzt, weshalb es hier keiner Korrektur in der Länderbewertung bedurft habe.

Ein Grund für die schwächere Konjunktureinschätzung im Euro-Raum ist die Schwäche der Industrieproduktion. „Wir haben eine der längsten Wachstumsperioden hinter uns und jetzt eben diese Abwärtsbewegung“, erklärte die Volkswirtin. Die Frage sei, ob es zu einer handfesten Rezession, wie zuletzt mit der Finanzmarktkrise oder der Staatsschuldenkrise, komme oder ob es eher ein geringer Rückgang der Wachstumsrate werde. „Die Antwort aus Deutschland ist: Wir sind zweigeteilt, nicht als Land, sondern als Wirtschaft. Dies erkennt man an den Stimmungsindikatoren für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor.“ Die beiden Sektoren bewegten sich erkennbar auseinander: das verarbeitende Gewerbe in der ersten Jahreshälfte nach unten, der Dienstleistungssektor nach oben. Können sich beide Wirtschaftssektoren gegenseitig ausgleichen? Die Frühindikatoren der Konjunktur weisen laut von Berg darauf hin, dass dies gerade noch gelingt.

Insolvenzen steigen

„Auch wenn wir keine Rezession prognostizieren, wird das Umfeld für Unternehmen deutlich anspruchsvoller“, warnt Christiane von Berg. „Wir waren in den ­vergangenen acht Jahren gewohnt, dass die Insolvenzzahlen immer weiter sinken. Für einige Unternehmen wird es 2019 dahingehend ein negatives Erwachen geben.“ Deutschland liegt mit plus 2% in dieser Prognose noch leicht unter der für den Euro-Raum. Insgesamt zeigen sich die Länder Nordeuropas noch recht stabil. Wenig verwunderlich ist die Situation von Großbritannien mit mehr Insolvenzen aufgrund politischer Unsicherheit. Ähnlich ergeht es Italien, wo das Wachstum ebenfalls mehr oder weniger zum Erliegen gekommen ist und sich die Regierungskoalition intern bekämpft.

Den Blick auf die politischen Risiken und ihre möglichen Folgen für die Wirtschaft lenkte Christiane von Berg mit einigen Fragen. Gibt es einen Nachfragerückgang auch für Europa, wenn China nicht mehr mitspielen will? Die Handelspolitik der USA: Wer steht noch auf Trumps Dealliste? Brexit: Wann kommt er und wie? Macht Italien mit schwachem Wachstum „auf Pump“ weiter? Was ist, wenn das Volk, wie in Frankreich, Reformen nicht will?

Wirtschaft „gefühlt“ schlechter als real

Die subjektive Einschätzung der wirtschaftlichen Lage ist oft schlechter als die Realität, und die Skepsis steigt, ob EU-Institutionen eine einheitliche Politik für so unterschiedliche Länder und deren Wirtschaftsentwicklung machen können. Diese Skepsis hält Christiane von Berg aber für unbegründet. So zeigten die Zahlen, dass sich die Länder Europas gerade deutlich stärker aufeinander zubewegen als in den vergangenen Jahren, speziell im Euro-Raum.

„Die Entwicklung des BIP und der Inflation haben sich über die Länder hinweg stark angeglichen. Auch in der Leistungsbilanz, vor allem mit Blick auf den Handel, haben viele Länder des Mittelmeerraums oder aus Zentraleuropa stark aufgeholt, so dass sich auch auf der Handelsseite die Länder mehr aneinander angeglichen haben. Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen den Ländern also gar nicht so groß, und insgesamt geht es den meisten Ländern wirtschaftlich noch gut.“

Wachstum leicht über null

Dies belegen Zahlen für das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2019. Die Euro-Zone legte um 0,4% gegenüber dem Vorquartal zu. Die deutsche Wirtschaft wuchs nach zwei Quartalen mit negativem oder Nullwachstum ebenfalls um 0,4%. Im Vergleich zum ersten Quartal 2018 war dies ein Plus von 0,7%.

Auch Italien – wo beunruhigende wirtschaftliche und politische Nachrichten aus allen Richtungen kommen – zeigt mit plus 0,2% die stärkste Wachstumsdynamik seit Ende 2017. Die niederländische Wirtschaft, die stark mit der deutschen verbunden ist, konnte ihr starkes Ergebnis des vierten Quartals 2018 sogar wiederholen. Das BIP-Wachstum erreichte ein Plus von 0,5% und startete auf hohem Niveau ins Jahr.

Obwohl Frankreich in den zurückliegenden Quartalen keine so bewegte Wachstumsentwicklung verzeichnet hat, wurde das moderate Ergebnis dort dennoch mit großer Erleichterung aufgenommen. So hatten einige Ökonomen befürchtet, dass sich die Bewegung der Gelbwesten im ersten Quartal 2019 negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken könnte. Mit einem Plus von 0,3% blieb die französische Wirtschaft allerdings innerhalb ihres moderaten Wachstumstrends der letzten Quartale, so dass es vorerst den Anschein hat, dass die Proteste insgesamt wenig negative Auswirkungen auf die Wachstumsdynamik gehabt haben.

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