Als die Veranstalter Deutsche Messe AG und ECOS Japan Consult zum 5. Deutsch-Japanischen Wirtschaftsforum am 6. April 2011 im Rahmen der HANNOVER MESSE einluden, ahnten sie noch nichts von der aktuellen Brisanz, die dem Event beschieden sein würde: Das 150-jährige Bestehen der deutsch-japanischen Handelsbeziehungen sollte eigentlich gefeiert werden. Doch nun stand das Forum mit rund 100 Teilnehmern ganz im Zeichen der dramatischen Ereignisse seit dem 11. März 2011.

Von Karin Gangl, Senior-Projektmanagerin, F.A.Z.-Institut

Die Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Nuklearunfall hat ganze Landstriche verwüstet und nach derzeitigem Stand mindestens 27.000 Opfer gefordert. Es wird Monate, vielleicht sogar Jahre dauern, bis die Folgen beseitigt sind. Die Kosten für den Wiederaufbau werden sich auf geschätzte 130 bis 220 Mrd Euro belaufen. Mögliche Folgeschäden durch die Reaktorkatastrophe sind dabei noch nicht eingerechnet.

Das Motto des Forums „Partnerschaft mit Tradition und Potential“ müsse daher um den Zusatz „in der Bewährung“ ergänzt werden, sagte Dr. Ruprecht Vondran, Vorsitzender des Deutsch-Japanischen Wirtschaftskreises, in seiner Eröffnungsansprache zum 5. Deutsch-Japanischen Wirtschaftsforum. Er drückte zugleich seinen Respekt und seine Bewunderung für das japanische Volk aus, das dieser Krise von unvorstellbarem Ausmaß mit bemerkenswerter Gelassenheit begegne. Dr. Wolfram von Fritsch, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Messe AG, verwies auf die Gemeinsamkeiten beider Länder: beispielsweise die hochentwickelte Automobilindustrie. Da Japan wie auch Deutschland keine eigenen Ölvorkommen be­säßen, seien technologische Fortschritte im Bereich Elektromobilität besonders bedeutsam. Sie stellen auch ein Schwerpunktthema der diesjährigen Messe dar. Mehr als 50 Unternehmen mit japanischem Hintergrund seien als Aussteller vertreten, sagte von Fritsch.

Dr. Stefan Mair, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim BDI, dem Bundesverband der Deutschen Industrie e.V., sprach die traditionell guten Wirtschaftsbeziehungen an. Mit einem Gesamtin­vestitionsvolumen von 9 Mrd Euro engagierten sich deutsche Unternehmen in Japan. Sie beschäftigten dort rund 80.000 Menschen. Allein im BDI-Umfeld seien ihm 17 Unternehmen bekannt, die bereits großangelegte Hilfsaktionen für Japan gestartet hätten.

Japanische Produkte erfreuten sich in Deutschland großer Beliebtheit. Damit dies auch in Zukunft so bleibe, müssten Regierung, Handel und Industrie eng zusammenarbeiten, um beispielsweise sicherzustellen, dass keine strahlenbelasteten Produkte in den Handel geraten könnten. Kritisch äußerte sich Mair zum von Japan gewünschten Freihandelsabkommen mit der EU. Dem stünden eine Reihe nichttarifärer Handelshemmnisse sowie Restriktionen bei öffentlichen Ausschreibungen in Japan entgegen, was auch den Doha-Prozess beeinträchtigen könne.

Der japanische Botschafter in Deutschland, S.E. Dr. Takahiro Shinyo, sagte, sein Land befinde sich in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Mit vollem Einsatz werde nun am Wiederaufbau gearbeitet. Er bedankte sich für die zahlreichen Solidaritätsbekundungen und die Unterstützung, die ihm von deutscher Seite aus Politik und Wirtschaft zuteil wurden. Als Beispiel nannte er den Einsatz einer Hochleistungspumpe der deutschen Firma Putzmeister, die durch Wasserförderung zur Kühlung bei der Bekämpfung der Reaktorkatastrophe von Fukushima wertvolle Hilfe leiste.

Die Ereignisse in der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt hätten darüber hinaus deutliche Auswirkungen auf die globale Konjunktur. Beispielsweise seien in der Automobilproduktion massive Beinträchtigungen in der Lieferkette zu erwarten, die dazu führen könnten, dass weltweit in diesem Jahr bis zu 1 Mio Fahrzeuge weniger vom Band laufen könnten als erwartet. Während Japan im letzten Jahr noch ein Wirtschaftswachstum von 3,9% erzielte, wird für das laufende Jahr mit einem Rückgang von etwa 0,5% gerechnet.

Vor diesem Hintergrund sei Japan sehr bestrebt, beim EU-Japan-Gipfel im Mai eine Einigung in den Freihandelsgesprächen zu erzielen. Es sei ein wichtiger Schritt für Japans Wiederaufbau und könne die Position der großen Wirtschaftsmächte im Wettstreit mit den Schwellenländern stärken. Dr. Shinyo bedauerte, dass insbesondere die deutsche Maschinenbauindustrie dem noch skeptisch gegenüberstünde.

Des Weiteren betonte der Botschafter, dass die Tragödie seines Landes auch zivilisatorische Fragen aufwerfe und ein lautes Warnsignal für die künftige weltweite Energiepolitik abgebe. Ein Leben ohne Elektrizität sei kaum vorstellbar. In Tokyo gäbe es derzeit noch starke Beinträchtigungen im öffentlichen Leben. Leucht­reklamen müssten abgeschaltet, Baseballspiele abgesagt und sogar Fahrstühle abgestellt werden. Eine der größten Herausforderungen sei es deshalb, die Energieversorgung der Zukunft umweltverträglich und vor allem sicher zu ge­stalten.

Dies griff auch der Unternehmensbeitrag von Hitachi und Enercon auf: Mit bewegenden Worten schilderte Tadashi Hashimoto, Direktor der Abteilung Neue Energiesysteme bei Hitachi Engineering and Services Co. Ltd., die Lage in der gleichnamigen Stadt, in der sein Unternehmen ansässig war. Hitachi liegt 100 km südlich von Fukushima. Erst eine Woche nach der Katastrophe sei die Autobahn wieder befahrbar gewesen. Der Zugverkehr liege bis heute lahm. Die Bewohner mussten tagelang ohne Strom, Gas und Wasser auskommen. 200 Neuwagen wurden vom Tsunami weg­geschwemmt. Die Versorgung mit Lebensmitteln wurde knapp. Inzwischen wurde die Gesellschaft nach Tokyo evakuiert. Die derzeitige Situation unterstreicht nach Ansicht Hashimotos die Notwendigkeit, regenerative Energien stärker zu ­nutzen.

Sein 1960 gegründetes Unternehmen erzielt 11% seines Jahresumsatzes von
1 Mrd Euro mit Windkraft. Mit Enercon kooperiert das Unternehmen seit 1995. Damals galt es, die Region Okinawa und deren entlegene Inseln möglichst autark mit Strom zu versorgen, ohne die hohen Logistikkosten für fossile Brennstoffe tragen zu müssen. Besondere Herausforderung dabei waren die Taifunanfälligkeit der Region und feuchte Seewinde.

Die Wahl fiel auf Enerconturbinen, die sich durch ihre besonders hohe Stabilität auszeichnen und erdbebensicher sind. Inzwischen sind 213 Enerconturbinen in Japan im Einsatz, davon 16 in der Region Okinawa. Sie produzieren eine Gesamtleistung von nahezu 300 MW. Enercon selbst ist im Bereich Windenergie Marktführer in Deutschland und verfügt hier über einen Marktanteil von etwa 60%. Weltweit liegt Enercon an fünfter Stelle.

Weitere Unternehmensbeiträge kamen von Komatsu, die 1989 das deutsche Traditionsunternehmen Hanomag übernommen haben und im Bereich Industrie- und Baumaschinen sowie Nutzfahrzeuge weltweit aktiv sind, sowie von Siemens, die bereits 1886 ihr erstes Büro in Japan eröffnet haben und im Rahmen der Veranstaltung auf neue Projekte im Bereich Elektromobilität eingingen.

Göksel Güner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Komatsu Hanomag Gmbh, deren Europazentrale in Hannover sitzt, berichtete, wie es seinem Unternehmen gelungen ist, nach dramatischen Absatzeinbrüchen aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise mit Hilfe seiner internationalen Aufstellung den Turnaround zu schaffen.

Karl-Josef Kuhn aus dem Bereich Corporate Research and Technologies der Siemens AG führte aus, wie die Megatrends Klimawandel, Verstädterung und demographischer Wandel ein Umdenken hin zu nachhaltigen Mobilitätskonzepten erfordern und wie sein Unternehmen dieser Herausforderung auch mit Blick auf den japanischen Markt begegnet.

Kontakt: k.gangl[at]faz-institut.de

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