Paraguay weist eine relativ hohe Wachstumsrate des realen BIP auf, die 2018 mit 3,7% deutlich über dem regionalen Durchschnitt lag. Das robuste Wirtschaftswachstum von rund 4% über die vergangenen vier Jahre ist vor allem bemerkenswert, weil zwei der Haupthandelspartner Paraguays – Brasilien und Argentinien – in dieser Zeit massive Wachstumseinbußen hinnehmen mussten.

Paraguay ist ein kleines Binnenland, umringt von Argentinien, Bolivien und Brasilien. Das Land setzt daher auf eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Nachbarländern.

Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)

Zentrales Element der Zusammenarbeit ist die Mitgliedschaft im südamerikanischen Handelsabkommen Mercosur, dem Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay als Vollmitglieder angehören. Darüber hinaus hat Paraguay zusammen mit Brasilien und Argentinien am Rio Paraná Staudämme für Wasserkraftwerke gebaut, was die nachbarschaftlichen Beziehungen verbessert hat.

Politische Stabilität trotz einiger Konfliktpunkte

Die regierende Colorado-Partei (Partido Colorado, PC) hat die politische Macht fest im Griff. Sie stellt bereits seit 71 Jahren die Regierung. Der derzeitige Präsident – Mario Abdo Benítez – ist Mitglied der PC und seit vergangenem Jahr im Amt. ­Benítez hat sich dazu verpflichtet, die unternehmensfreundliche und vorsichtige makroökonomische Politik fortzusetzen und die hohe Korruption zu bekämpfen. Die Regierung ist relativ stabil, einige Herausforderungen machen die Politikgestaltung für Benítez jedoch schwierig: Die Regierung verfügt nicht über eine gesetzgebende Mehrheit. Daher ist sie für die Verabschiedung von Reformen auf die Zusammenarbeit mit Oppositionsgruppen angewiesen. Zudem wird Präsident Benítez von seiner Partei nicht uneingeschränkt unterstützt.

Kräftiges Wirtschaftswachstum

Paraguay weist eine relativ hohe Wachstumsrate des realen BIP auf, die 2018 mit 3,7% deutlich über dem regionalen Durchschnitt lag. Das robuste Wirtschaftswachstum von rund 4% über die vergangenen vier Jahre ist vor allem bemerkenswert, weil zwei der Haupthandelspartner Paraguays – Brasilien und Argentinien – in dieser Zeit massive Wachstumseinbußen hinnehmen mussten.

Für das Jahr 2019 erwartet Paraguay ein weiterhin kräftiges Wachstum von 3,5%, das angesichts dürrebedingter Ernteausfälle bei Soja jedoch etwas schwächer ausfallen dürfte als im Vorjahr. In den kommenden Jahren sollte das Wirtschaftswachstum weiterhin bei robusten 4% liegen, obwohl externe Schocks, insbesondere starke Dürren, niedrige Preise für Agrarprodukte und negative Entwicklungen in den Nachbarländern die Wachstumsraten gefährden könnten.

Ausgeglichene Leistungsbilanz

Paraguay hat in den vergangenen 15 Jahren fast ausschließlich Leistungsbilanzüberschüsse erzielt. Allerdings wird für das laufende Jahr ein mit –0,8% des BIP leicht negatives Ergebnis erwartet. Dies ist auf geringere Sojaexporte infolge der bereits erwähnten Dürre zurückzuführen. Bis zum Jahr 2020 dürfte der Leistungsbilanzsaldo auf einen Überschuss von rund 0,5% des BIP ansteigen, was die Erholung der Sojaproduktion und eine voraussichtlich moderate regionale Erholung widerspiegelt.

Bei einer detaillierteren Betrachtung der Leistungsbilanz zeigt sich, dass fast 50% der Leistungsbilanzüberschüsse aus Nahrungsmittelexporten stammen. In dieser Kategorie ist Soja das Hauptexportprodukt, es erwirtschaftet fast ein Drittel aller Exporterlöse. In der Tat ist Paraguay weltweit der viertgrößte Exporteur von Sojabohnen. Die zweitgrößte Einnahmequelle ist Wasserkraft, die knapp ein Fünftel der Leistungsbilanzeinnahmen erwirtschaftet. Paraguay betreibt zwei binationale Staudämme. Der Itaipú-Staudamm, das weltweit größte Wasserkraftwerk, wird gemeinsam mit Brasilien betrieben, seine jährliche Stromproduktion liegt gleichauf mit der von Chinas Drei-Schluchten-Kraftwerk. Das zweitgrößte Wasserkraftwerk Yacyretá wird gemeinsam mit Argentinien betrieben. Da Paraguay mehr Strom produziert, als es selbst benötigt, wird die Überkapazität in die Nachbarländer exportiert.

Die Leistungsbilanz ist anfällig für wetterbedingte Schocks, da sowohl der Agrarsektor als auch Wasserkraft anfällig sind für Dürren. Auch eine negative Entwicklung der Rohstoffpreise würde die Leistungsbilanz dramatisch beeinträchtigen. Obwohl Paraguay und China keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, ­werden Sojabohnen als Reexporte über Uruguay und Argentinien nach China geliefert. Daher ist Paraguay auch anfällig für negative Entwicklungen in China, dem weltweit größten Importeur von Sojabohnen. China wird seine Nachfrage nach der Ernte in den kommenden Monaten voraussichtlich verringern. Zum einen hat ein massiver Ausbruch der afrikanischen Schweinegrippe in China zu einer großangelegten Tötung von Schweinen geführt – und Soja ist eine wichtige Futterkomponente. Zum anderen könnte sich das chinesische Wirtschaftswachstum aufgrund der Verschärfung des Handelskrieges mit den USA schneller als erwartet verlangsamen.

Des Weiteren ist ein mögliches Handelsabkommen zwischen den USA und China nicht ohne Risiken. Da die USA der größte Exporteur von Soja nach China sind, dürfte die Agrarwirtschaft bei einem Handelsabkommen zwischen den beiden Ländern eine wichtige Rolle spielen. Auch das langsame brasilianische Wachstum könnte sich negativ auf die Leistungsbilanz auswirken. Paraguay hat seine Exportziele im Lauf der Zeit zwar diversifiziert, Brasilien nimmt jedoch immer noch etwa ein Drittel der Exporte Paraguays ab. Falls die brasilianische Regierung die Präferenzbehandlung für paraguayische Exporte ändert, könnte auch dies die Leistungsbilanz negativ beeinflussen.

Beliebter Fertigungsstandort für brasilianische Unternehmen

Das Land versucht, seine Wirtschaft über den Agrar- und Wasserkraftsektor hinaus zu diversifizieren, und hofft, zu einer kostengünstigen Produktionsdrehscheibe in der Region zu werden. Paraguay hat niedrige Löhne, billigen Strom und das zweitniedrigste Steuerniveau in Nord- und Südamerika. Darüber hinaus blickt das Land auf eine lange Phase makroökonomischer Stabilität zurück und ist deshalb attraktiv für brasilianische Unternehmen, insbesondere für die brasilianische Automobilindustrie. Zahlreiche brasilianische Betriebe wurden über die Grenze nach Paraguay verlagert, um von den günstigen Standortbedingungen zu profitieren. Diese Maquiladoras sind in den vergangenen Jahren rasant gewachsen und weisen eine durchschnittliche jährliche Exportzunahme von über 20% auf. Allerdings stellt dieser Sektor mit 4% weiterhin nur einen kleinen Anteil der Exporte.

Nach Einschätzung des IWF muss die Expansion im derzeitigen Tempo konsequent über die nächsten 15 bis 30 Jahre fortgesetzt werden, bis die Maquiladoras in Bezug auf ihre wirtschaftliche Bedeutung mit den traditionellen Exportsektoren konkurrieren können. Um attraktiver für Investoren zu werden, muss das Land seine hohe Korruptionsrate bekämpfen (Paraguay wird im Corruption Perceptions Index 2018 auf Platz 132 von 180 Ländern geführt). Auch die öffentlichen Institutionen sind weiterhin ein Schwachpunkt. Zudem könnten Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur hilfreich sein. Nach Angaben des IWF beläuft sich der gesamte Infrastrukturinvestitionsbedarf auf 1 bis 3 Mrd USD pro Jahr (3% bis 8% des BIP).

Solide öffentliche Finanzen, jedoch Abhängigkeit von Energieeinnahmen

Paraguay hat solide öffentliche Finanzen. Während des Rohstoffpreisbooms behielt das Land seine konservative und antizyklische Fiskalpolitik bei und konnte so den Boom-Bust-Zyklus vermeiden, den die meisten der Nachbarländer erlebten. In den kommenden Jahren wird ein geringes Haushaltsdefizit erwartet, das in der Nähe der im Gesetz zur verantwortungsvollen Haushaltspolitik festgelegten Obergrenze von 1,5% liegt. Das Land hat gesetzliche Grenzen für Staatsausgaben und Haushaltsdefizit verankert, was das Risiko einer übermäßigen Staatsverschuldung deutlich senkt. In den vergangenen Jahren hat eine umsichtige Finanzpolitik die konsolidierte Staatsverschuldung von 52,6% des BIP im Jahr 2003 auf 21,6% des BIP Ende 2018 zurückgeführt. Das ist das niedrigste Niveau in Südamerika. Für die Zukunft wird erwartet, dass die öffentliche Verschuldung mit rund 22% des BIP relativ stabil und niedrig bleibt. Allerdings haben die in Fremdwährung begebenen öffentlichen Schuldtitel seit 2012 deutlich zugenommen, und Ende 2018 waren 81% der öffentlichen Schulden Auslandsverschuldung in Fremdwährung. Damit hat das Land seine Anfälligkeit für Wechselkursschocks erhöht.

Ein gesünderer Bankensektor, jedoch mit hoher Dollarisierung

Der Zustand des paraguayischen Bankensektors hat sich nach der Bankenkrise der späten 90er Jahre erholt. Nach Einschätzung des IWF ist der Bankensektor gut kapitalisiert, liquide und profitabel. Dennoch ist das paraguayische Finanzsystem ebenso wie das anderer lateinamerikanischer Länder relativ eng an den US-Dollar angebunden. Ende 2018 machten die auf Fremdwährungen lautenden Verbindlichkeiten 48,1% der Gesamtverbindlichkeiten aus. Vor dem Hintergrund des variablen Wechselkursregimes könnte sich eine massive Abwertung des Paraguayischen Guaraní gegenüber dem US-Dollar auf die Bilanzen von Banken und Kreditnehmern auswirken. Allerdings versucht die Zentralbank Paraguays, die Volatilität der Wechselkurse durch den Einsatz von Devisenreserven zu glätten (die im Juli 2019 etwa sieben Monate Importdeckung hatten – ein komfortabler Puffer). Schließlich könnten wetterbedingte Schocks auch diesen Sektor treffen, da die Banken relativ hohe Kredite an den Agrarsektor vergeben haben.

Bessere Risikobewertung

Aufgrund der positiven Entwicklungen hat Credendo die mittel-/langfristige politische Risikobewertung im Mai 2019 von 5/7 auf 4/7 gesenkt. In erster Linie hat Paraguay trotz erheblicher externer Gegenwinde in den vergangenen Jahren ein robustes Wirtschaftswachstum gezeigt, und die deutliche Rückführung der Auslandsverschuldung hat die Zahlungsfähigkeit des Landes verbessert. Darüber hinaus sind die öffentlichen Finanzen solide, mit geringen Haushaltsdefiziten und einer reduzierten und niedrigen Staatsverschuldung. Schließlich genießt das Land relative politische Stabilität bei stabilem Ausblick. Allerdings sind die Abhängigkeit von Soja und Brasilien, die Wiederwahlambitionen des ehemaligen Präsidenten Cartes, die Neuverhandlungen zwischen Brasilien und Paraguay über den Staudamm von Itaipú sowie Dürren mittelfristig nach wie vor die Hauptrisikotreiber.

Ausführliche Länderberichte finden Sie auf der Seite www.credendo.com.

c.witte@credendo.com

www.credendo.com

 

Aktuelle Beiträge