Die stetig wachsende Bedeutung des Außenhandels führt zu einem sich verschärfenden Wettbewerb, gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Unternehmen und komplexeren Lieferketten. Dabei stehen nicht mehr nur die Unternehmen untereinander im Wettbewerb, sondern ganze Lieferketten. Frank-Oliver Wolf zeigt im folgenden Beitrag Wege auf, wie Unternehmenspotentiale durch die Betrachtung der gesamten Lieferkette gehoben werden können.

Von Frank-Oliver Wolf, Global Head of Cash Management & International Business
Mittelstandsbank, ­Commerzbank AG

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Der grenzüberschreitende Handel gewinnt immer mehr an Bedeutung. Das zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: Laut Statistischem Bundesamt ist der Warenwert von Importen und Exporten in Deutschland allein seit 2008 um mehr als ein Drittel gestiegen. Diese Entwicklung führt jedoch auch zu einem sich verschärfenden Wettbewerb und komplexeren Lieferketten. Damit wachsen zudem die gegenseitigen Abhängigkeiten unter den Beteiligten. Folge: Nicht mehr Unternehmen stehen untereinander im Wettbewerb, sondern ganze Lieferketten. Unternehmerische Überlegungen dürfen deshalb auch nicht am eigenen Fabriktor haltmachen, sondern müssen die Verknüpfungen innerhalb der Lieferkette einbeziehen und Potentiale unternehmensübergreifend ausschöpfen.

Das Blickfeld erweitern

Für eine effektive Unternehmensopti­mierung ist es zunächst wichtig, zwischen den Begriffen Financial-Supply-Chain-Management (FSCM) und Working-Capital-Management zu unterscheiden. Das Working-Capital-Management beschäftigt sich mit Prozessen innerhalb des Unternehmens (u.a. Rechnungswesen und Zahlungsverkehr). Doch allein damit lassen sich die nötigen Wettbewerbsvorteile nicht erzielen. Hinzukommen muss der Blick auf die komplette Lieferkette eines Unternehmens – und die schließt vorgelagerte Lieferanten und nachgelagerte Abnehmer im In- und Ausland mit ein. Ziel ist es dabei, die ansonsten konkurrierenden Lieferketten ganzheitlich aufeinander abzustimmen und so für alle spürbare Effizienzgewinne in den Bereichen Liquidität, Rentabilität und Risikoreduzierung zu generieren.

Den Anfang macht dabei am besten eine ganzheitliche strategische Beratung durch die Bank, bei der u.a. die Lieferanten- und Abnehmerstrukturen sowie die Finanzierungsstrukturen dieser Geschäftspartner unter die Lupe genommen werden. So können Abhängigkeiten von ­einzelnen Lieferanten, Risiken bei Rohstoffpreisen und Währungen sowie unterschiedliche Finanzierungskosten in der Lieferkette identifiziert werden. Damit ­liegen bereits erste Ansatzpunkte für das Ausschöpfen von Rentabilitäts- und Liquiditätspotentialen vor.

Rentabilität steigern

So können unternehmensübergreifende Finanzierungsmöglichkeiten durch die Einbindung von Lieferanten und Abnehmern in die Finanzierungsstrukturen die unterschiedlichen Zinsniveaus der involvierten Länder berücksichtigen und dadurch die individuellen Finanzierungskosten aller Beteiligten der Lieferkette senken. Durch daran anknüpfende Verhandlungen mit dem Lieferanten können Preisnachlässe durchgesetzt oder die Waren am Ende der Lieferkette günstiger angeboten werden. Die Rentabilität kann steigen.

Liquidität erhöhen

Ein umfassendes Beratungskonzept schließt außerdem auch betriebsinterne Vorgänge und Routinen ein, in denen sich häufig Optimierungspotential verbirgt. Beispielsweise sehen die prozessualen Abläufe eines Unternehmens vor, dass Mahnungen unregelmäßig, maximal einmal pro Woche, bearbeitet werden. Sind Unternehmen durch untertägige Kontoauszüge über ihren Finanzstatus informiert und stoßen somit Mahnungen früher an, kann dies die Working-Capital-Belastung deutlich senken. Die Liquidität kann wachsen.

Risiken absichern

Die unternehmensübergreifende Betrachtung der gesamten Lieferkette identifiziert zudem die Risiken im Rohstoff- und Währungsbereich. Entsprechende Absicherungen durch ein gezieltes Risiko­management geben Planungs- und Preissicherheit. Die Risiken können sinken.

Den entscheidenden Schritt weiter

Dies sind nur einige Gründe, weshalb das FSCM künftig noch wichtiger werden wird. Wenn Unternehmen den Wert eines integrierten Ansatzes erkannt und vor allem erlebt haben, wie jeder Punkt in der Lieferkette davon profitiert, arbeiten sie proaktiver mit internen und externen Partnern zusammen, um gemeinsam Wege zur Stärkung der Verbindungen und Wertschöpfungsmöglichkeiten zu finden. Nur wenige Einzelprodukte können die Win-win-Lösung bieten, nach der Unternehmen suchen. Dagegen kann eine ganzheitliche Betrachtung der Financial Supply-Chain ein „Win“ für jeden Beteiligten bieten, und dies wird ein wesentliches Merkmal der Lieferketten der Zukunft sein.

Kontakt: frank-oliver.wolf[at]commerzbank.com

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