Die sukzessiven wirtschaftlichen Erfolge des Sultanats Oman bestätigen die Stärken des eingeschlagenen Entwicklungswegs: Oman verzichtet bewusst auf gigantische Bau- und Prestigevorhaben und konzentriert sich auf angepasste Konzepte, die alte ­Traditionen mit sanfter Modernisierung verbinden. Dabei helfen die ausreichenden finanziellen Möglichkeiten und die guten ­Infrastrukturen. Trotz sichtlicher Fortschritte bleibt die Abhängigkeit vom Öl noch groß.

Von Guido Zakrzewski, Diplom-Geograph und Dr. Gidon Windecker Leiter des Regionalprogramms Golf-Staaten, Konrad-Adenauer-Stiftung

Beschaulich und entspannt gibt sich das strategisch günstig an der Straße von ­Hormus und dem Indischen Ozean gelegene Sultanat Oman. In der in weiten Teilen hübsch herausgeputzten und fast durchgehend weiß getünchten Hauptstadt Maskat geht es auffällig geordnet und ruhig, beinahe „laid-back“ zu – Hektik und Stress finden sich an dieser Ecke der Arabischen Halbinsel nur selten. Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit stehen auf der Agenda weit oben und tragen zu einer äußerst gefälligen Atmosphäre bei.

Das Land mit nur 3,3 Millionen Einwohnern (davon ca. 1,3 Millionen Omaner) auf einer Fläche etwas kleiner als Deutschland hat sich in den letzten Jahren im Schatten der schier übermächtigen Nachbarn nach oben gearbeitet. Dennoch gehört das Sultanat in puncto wirtschaftlicher Entwicklung noch nicht zu den Vorzeigeländern des Golf-Kooperationsrates (GKR).

Oman hat ähnlich wie seine Nachbarn einen Großteil seiner Entwicklung und des Vermögens den reichlichen Erdölvorkommen zu verdanken. Der seit 1970 herrschende Sultan Qabus bin Said al Said erkannte früh, dass der warme Geldregen aus den Öl- und Gasexporten irgendwann ein Ende haben würde. Der Herrscher hat daher auf die Diversifizierung und schrittweise Modernisierung der Wirtschaftsstrukturen gesetzt. Dazu hat er nicht nur Kapital eingesetzt, sondern auch Know-how eingekauft und in letzter Zeit selber entwickelt. Darüber hinaus profitiert das Sultanat von großzügigen Finanzhilfen der Nachbarn.

Impulse aus Privatsektor nötig

Das Wirtschaftswachstum außerhalb der fossilen Rohstoffe ist recht solide und liegt im Jahr zwischen 4% und 5%. Allerdings macht der Ölsektor nach wie vor rund 87% der Staatseinnahmen sowie 51% des BIP aus. Neben Industrie und Bauwirtschaft tragen vor allem Dienstleistungsbranchen, Transport, Handel und auch der Tourismus zum Aufschwung bei – und diese Branchen sollen auch bei der Diversifizierung der Wirtschaft die tragende Rolle einnehmen. Impulse für die weitere wirtschaftliche Entwicklung müssen vor allem aus dem Privatsektor kommen – der Anteil der öffentlichen Hand ist im Sultanat noch sehr hoch.

Gleichzeitig hofft man auf ein stärkeres Engagement ausländischer Investoren. Gerade Deutschland hält sich bisher noch merklich zurück – die Bundesbank gibt für das Jahr 2011 den Bestand deutscher Direktinvestitionen in Oman mit lediglich 52 Mio EUR an. Doch deutsche Produkte sind im Alltagsleben – sei es im Supermarkt, auf der Straße, am Flughafen oder in Gebäuden – allenthalben sichtbar. Zwar importiert Oman jährlich Waren im Wert von über 30 Mrd USD (Tendenz steigend), doch der deutsche Export bekommt bisher davon nur einen Bruchteil ab. Die Hauptimporte kommen aus den VAE, Japan und den USA.

Kleiner Binnenmarkt ausbaufähig

Der Binnenmarkt Omans ist vergleichsweise klein, aber er bietet aufgrund der hohen Kaufkraft und hoher Markenaffinität durchaus Potential und weist z.B. im stark wachsenden Einzelhandel zumindest in der Hauptstadt große Einkaufszentren mit internationalem Format auf.

Oman verbindet klug seine alten Traditionen mit sanften Fortschritten der Modernisierung und schafft so einen an die kulturellen Verhältnisse angepassten Wandel. Man hält die Elemente der westlichen Welt einschließlich ihrer negativen Auswirkungen offenbar bewusst unter Kon­trolle, dosiert sie merklich, nutzt die notwendigen Vorteile. Omaner halten auch bewusst Abstand zu der in anderen Ländern der Region bereits allgegenwärtigen globalen Verwestlichung von Gesellschaft, Medien oder Wirtschaft. Das scheint sich auszuzahlen, und man kann sich diesen Weg der Mischung aus arabischer und westlicher Welt leisten.

Während der politischen Umbrüche im Nahen Osten 2011 reagierte der Sultan vergleichsweise besonnen auf die Forderungen der Demonstranten. Als Folge der Proteste in Maskat und der Industriestadt Sohar besetzte der Herrscher rund ein Drittel seines Kabinetts neu, hob den Mindestlohn für Omaner bedeutend an und versprach die Schaffung von 40.000 Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor. Seitdem setzt das Land seinen Weg langsamer und bedachter Reformen fort. Politische und soziale Herausforderungen werden unter Einbeziehung einer langsam entstehenden Zivilgesellschaft mit einer Offenheit diskutiert, die manch anderen Golfstaaten nach wie vor fern ist. Trotzdem bestehen für eine pluralistische Zivilgesellschaft noch große rechtliche Defizite und gesellschaftliche Hürden. Vor allem die junge Generation weitet mit der intensiven Nutzung sozialer Medien die Grenzen des Geduldeten stetig aus. Soziale Missstände und Korruption werden zunehmend angeprangert, und zahlreiche Omanis nehmen aktiv an öffentlichen Debatten über die Zukunft des Landes teil. Dennoch bleiben die Person des Sultans unantastbar und „Majestätsbeleidigung“ ein Delikt, das hart bestraft wird.

„Geheimtipp“ für europäische Touristen

Nicht nur das Klima zieht immer mehr Touristen in das Sultanat, welche die angenehme Mischung an der Nahtstelle von Orient, Indien und dem gar nicht so fernen Afrika schätzen. Auch das Ökosystem ist vielfältiger als in den meisten anderen arabischen Ländern. Nicht zuletzt durch die politischen Unruhen andernorts hat sich das Sultanat zu einem Geheimtipp gerade auch für europäische Gäste entwickelt. Durch die vergleichsweise hohen Preise entsteht allerdings nicht die Gefahr, Massentourismus zu entwickeln. Der Tourismus ist aber einer der Wirtschaftssektoren mit großem Potential. Über 1 Million Gäste kommen bereits jährlich aus dem Ausland, die Mehrheit der Europäer aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich.

Durch den Ausbau von Logistik und Infrastruktur will das Sultanat den Wachstumskurs fortsetzen. Derzeit werden u.a. die bestehenden Häfen und Flughäfen erweitert und modernisiert. Die Regierung hofft dazu auf verstärkten ausländischen Kapitalzufluss. Ein wichtiges Element ist die Einrichtung von Wirtschaftszonen wie z.B. des Logistik- und Industriezentrums in Duqm südlich der Hauptstadt. Auch der Großhafen im südlichen Salalah stellt mit seiner direkten Anbindung nach Indien und Ostafrika einen bedeutenden Stützpunkt des omanischen Handels dar.

Mangel an heimischen Arbeitskräften

Die gegenwärtig größte Herausforderung der Wirtschaftsentwicklung besteht jedoch im Mangel an heimischen Fachkräften, der sich durch fast sämtliche Branchen zieht. Bislang wird das Gros der Arbeit in Oman, ähnlich wie in anderen Golfstaaten auch, durch mehr oder weniger ausgebildete und entsprechend geringer entlohnte Arbeitskräfte aus Indien, Pakistan oder von den Philippinen bewältigt, die seit Jahrzehnten in der Hoffnung auf mehr Arbeit und Wohlstand aus ihren Heimatländern als Gastarbeiter in das Sultanat geströmt sind. Rund 40% der in Oman lebenden Menschen sind keine Staatsbürger. Doch die Entscheidungen in den Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung sowie die Mehrheit des privaten Eigentums liegen in omanischen Händen, und das Kapital ist auf einige wenige Familien verteilt.

Gleichzeitig bleibt der demographische Druck, neue Arbeitsplätze zu schaffen, enorm hoch. Über 50% der Omaner sind unter 25 Jahre alt. Schätzungen zufolge müssten jedes Jahr über 50.000 neue Jobs geschaffen werden, um den weiteren Anstieg der Arbeitslosenquote von derzeit 15% zu stoppen. Seit einiger Zeit versucht die Regierung daher, erheblich mehr in Bildung, betriebliche Ausbildung und Forschung zu investieren, den Mittelstand und Existenzgründungen durch Einheimische zu stärken und mit zahlreichen Maßnahmen zu fördern.

Herausforderung „Omanisierung“


Ein Kernelement der wirtschaftlichen Entwicklungsstrategie des Staates ist daher die Nationalisierung des Arbeitsmarktes („Omanisierung“), wodurch eine ökonomische Entwicklung und Diversifizierung, die stärker auf Basis der Nutzung heimischer Ressourcen und endogener Potentiale basiert, gelingen soll. Doch die Ablösung ausländischer Fachkräfte durch heimisches Personal birgt zahlreiche Herausforderungen: Denn während so zwar mehr Omaner in den Arbeitsmarkt integriert werden, leidet gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen darunter. Liegt doch der Mindestlohn von Omanern beträchtlich höher als der von ausländischen, insbesondere asiatischen Arbeitskräften.

Gleichzeitig erschwert die mangelnde Attraktivität einer Tätigkeit in der Privatwirtschaft es kleinen Unternehmen, qualifizierte Arbeitnehmer zu gewinnen. Denn das Gehaltsniveau im öffentlichen Dienst liegt weiterhin deutlich über dem, was die Privatwirtschaft (mit Ausnahme der großen Ölmultis und des Finanzsektors) bezahlen kann.

Der sukzessive wirtschaftliche Erfolg der letzten Jahre scheint dem Sultanat recht zu geben. Es sind der Verzicht auf gigantische Bau- und Prestigevorhaben und die Konzentration auf angepasste Konzepte, die zum Erfolg geführt haben. Oman versucht auch weiterhin, einen eigenen und selbstbewussten Weg zu entwickeln und zu beschreiten. Dabei helfen natürlich die ausreichenden finanziellen Möglichkeiten und guten Infrastrukturen. Derzeit bleibt trotz Fortschritten die Abhängigkeit vom Öl aber unter dem Strich noch groß.

Kontakt: guido.zakrzewski[at]gmail.com ; gidon.windecker[at]kas.de

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